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Zuletzt aktualisiert: 17.02.2012 um 12:43 UhrKommentare

Wulff nicht mehr im Revier

Nach Nummer neun ist auch Nummer zehn weg - Christian Wulff ging, bevor die Staatsanwaltschaft zu ihm kommt. Bundeskanzlerin Merkel lobte den zweiten zurückgetretenen deutschen Bundespräsidenten in nur knapp zwei Jahren zum Abschied trotzdem ausdrücklich. Von Thomas Golser.

Foto © APA

"Christian Wulff gelang das in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nicht Vorgekommene", kommentierte "Die Welt" zuletzt die ausgedehnte Posse um den nun zurückgetretenen Politiker: Niemals zuvor war ein deutscher Bundespräsident mit derart großer Häme überschüttet worden, auch von den seriösen Blättern und Kommentatoren im Land. Auffällig überfällig war für viele der nun erfolgte Rücktritt. Das Staatsoberhaupt taumelte von Schmutzkübel zu Schmutzkübel, ob diese nun von von anderen oder vor allem von ihm selbst aufgestellt wurden. Der Abgang Horst Köhlers nach der "Afghanistan-Bundeswehr-Affäre" im Jahre 2010 wirkte dagegen noch souverän(er).

Spektakel fand sein Ende

Die mit salbungsvollen Begriffen aus dem allgemein gängigen Politiker-Wörterbuch ("Zusammengehörigkeit", "Integration", "Vertrauen", "politische Kultur", "unendlich wertvolle Demokratie", "Einigkeit") garnierte und knapp gehaltene Rücktrittsrede Wulffs überzeugte die meisten so wenig wie seine Erklärungsversuche davor. Nachsicht bekam Wulff in den letzten Monaten keine mehr - Einsicht ließ er dafür aber auch in seiner Abschiedsrede vermissen. "Unwürdiges Spektakel - die sind doch alle wie der Wulff" - dieses Image kann die Politikerschaft wohl lange nicht abstreifen. Ein Generalverdacht bleibt zurück im nun auch moralisch klein gewordenen "Hartz-Deutschland".

Zu spät, noch weniger als halbherzig: Deutschland empfindet den Abgang Wulffs als Befreiungsschlag von einer leidigen Angelegenheit, die seit dem 13. Dezember 2011 an Nerven-Enden zerrte. "Salami-Taktik" eines kopf- und ratlosen Staatsoberhauptes, immer neue Vorwürfe, gefolgt von Einsicht in Scheibchen und Erklärungsversuchen. Wulff selbst erwartet sich nun in der privaten Staatsaffäre um Begünstigungen und Kredite eine "vollständige Entlastung". Die Immunität wäre dem "Schnäppchen-Präsidenten" bald abhanden gekommen (die Staatsanwaltschaft Hannover beantragte die Aufhebung derselben): Kam sein Rücktritt zu spät, kam er wenigstens dieser Tatsache zuvor.

Zuletzt war der Rücktritt keine Frage mehr, es ging nur noch um seinen Zeitpunkt. Wulff war in seinem Revier nicht mehr zu halten, wurde relativ rasch zum Ertrinkenden, dem keiner mehr einen Rettungsring nachwerfen wollte bzw. nachzuwerfen wagte. Mit der selbst erteilten Absolution "Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig", kann sich Wulff in "seinem" Land, dem er als höchste moralische Instanz vorstehen sollte, kaum von Vorwürfen um Kredite, Urlaube und Autos freikaufen. Und dass er erst die Segel strich, als nichts mehr ging (auch keine unwirschen Anrufe bei Deutschlands größtem Bouelevard-Blatt), geht mit dem Begriff "Staatssouverän" nicht zusammen.

Merkel-Mauer bis zuletzt

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel stand bis zuletzt zu Wulff, machte ihm die Mauer, lobte vor kurzem noch die "Transparenz", die der Wulff in der Bredouille geschaffen habe. Mehr noch: Sie streute ihm auch in ihrer Erklärung nach seinem Abgang noch Rosen: "Ich bin überzeugt, es gebührt ihm unser aller Dank". Ob sie selbst dankbar sein sollte, sei dahingestellt: Nach dem Rücktritt des von Merkel einst begünstigten Köhler Ende Mai 2010 kann der Abgang Wulffs nun als zweite persönliche Schlappe Merkels gewertet werden. Vertuschung und Verheimlichung beschädigten das Amt nicht nur an der Fassade. Der Nachfolger Wullfs wird es nicht leicht haben - Merkel ist jedenfalls nicht so dumm, sich wieder mit einem nicht-überparteilichen Nachfolger die Finger zu verbrennen.

Das Aussitzen scheint in der Politik noch immer ein recht gängiger Modus Operandi zu sein, allerdings - obwohl auf Dauer angelegt - keiner mit dauerhafter Erfolgsgarantie. In Österreich scheint sich das noch nicht in alle Parteibüros durchgesprochen zu haben.

THOMAS GOLSER





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