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    Zuletzt aktualisiert: 17.11.2011 um 11:19 UhrKommentare

    Protest, der zum Mausklick verkommt

    Noch nie war es so einfach Flagge zu bekennen - und vor allem: mal gegen etwas zu sein. Das Internet ist auch ein Ort unverbindlicher Empörung, der Bekenntnisse per Mausklick, der Gewissensberuhigung für Sekunden. Von Thomas Golser.

    Dagegen! "Like-Button-Protest" im Jahr 2011

    Foto © kebox - Fotolia.comDagegen! "Like-Button-Protest" im Jahr 2011

    Gegen Atomkraft? Gegen die Tyrannei im Iran? Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg? Gegen Castor-Transporte? Gegen Bankeng(e)ier und soziale Ungerechtigkeit? Gegen weiße Zigarettenverpackungen? Gegen hohe Benzinpreise? Gegen Tanken bei BP? Gegen Walfang? Pro Failmann - contra Faymann?

    Klar doch, warum nicht? Kostet mich nichts, billiger war Empörung nie zu haben.

    Die freie, schnelle Wahl

    Der User sucht es sich aus: Internet kann auch die totale Bequemlichkeit in einem schüren, das Gewissen ruhigstellen. Wer den Tastendruck wagt und sich auf sozialen Netzwerken deklariert, der lehnt sich damit selten weit aus dem Fenster. Nicht aus dem beliebigen "Social-Media-Fenster", das da offen ist. Die Facebooke-Seite "Kann dieser seelenlose Ziegelstein mehr Freunde haben als H.C. Strache?" stellt z.B. klar: "Diese Seite dient der Unterhaltung und sieht sich als Satire. Keine Agitation!" - über 203.000 "Mitglieder" machen mit. Einmal angemeldet ist man heute also schon politisch aktiv - oder doch nicht? Akut auflodernde Empörung mit reduzierter Wirksamkeit.

    Man muss unbedingt festhalten: Dass dem Internet im 21. Jahrhundert eine immens wichtige Rolle zukommt, um handfesten Widerstand zu formieren, wurde spätestens mit den Revolten in der Arabischen Welt offensichtlich. Die Mittel der Zeit werden genutzt, um Missständen eine möglichst breite Stirn zu bieten - mehr: Das Web 2.0 wurde eingesetzt, um den eigenen Kopf zu retten. Man twitterte den Duft eines möglichen Umbruches - es wurde organisiert, was zuvor nicht organisiert werden konnte. In einer Geschwindigkeit vernetzt, dass selbst geübte Diktatoren nicht mehr mithalten konnten. So mutig, so gut. Das Problem ist, dass sich die meisten im alles in allem stabilen Teil der westlichen Welt, wenn sie sich im Netz politisch "deklarieren", mit sehr, sehr viel weniger zufrieden geben. Obwohl die Missstände auch hier immer himmelschreiender werden und die Zukunft schon einmal gesünder ausgesehen hat. Dass der Weg heute oft nicht sehr weit führt. Oft auch gar nicht kann, wie man festhalten muss, zumal Facebook auch zensiert.

    Virtuelle Gruppen, deren Mitglieder man dann doch noch nie treffen wird und eigentlich auch gar nicht wirklich treffen will. Protest-Seiten, die man drei Mal pro Jahr besucht - nur, um sich dann zu versichern, dass man doch nicht viel versäumt hat. Lippenbekenntnisse sind heute Klick-Bekenntnisse. So einfach, gemütlich und unverbindlich war Gewissensberuhigung noch nie. Agitation, so sie denn in diesem Land jemals stattgefunden hat, wich nicht selten Pseudo-Protest im Netz. Auf der Strecke bleibt dabei naturgemäß das, was in Österreich ohnehin nur eine Randerscheinung ist: Echte Wut, die einen zu Eigenverantwortung und tatsächlicher Aktion treibt. Die Piratenpartei, hat sie in Österreich tatsächlich die Chance, einmal in den Nationalrat einzuziehen? Ist ein Frustbürger denn schon ein Wutbürger oder gar ein Mutbürger? Was sind soziale Bewegungen, die momentan in aller Munde scheinen und sich so gut verkaufen?

    Palavern und Ärgern

    Einmal auf eine Maus oder einen iPhone-Touchscreen zu drücken, ist um ein handliches Universum einfacher als selbst auf die Straße zu gehen: Unkomplizierter als ehrenamtlich tätig zu sein, als sich wirklich politisch zu betätigen, als ein Volksbegehren tatsächlich im Wahllokal zu unterstützen, als auf die Straße zu gehen, als Unterschriftenlisten aufzulegen. Der Beitritt zu einer Gruppe ist noch lange keine Parteigründung (eine solche ist in Österreich, wie man zugeben muss, auch beinahe eine Unmöglichkeit). Dabei sind Palavern und Ärgern auf Facebook nicht immer sinnlos, wenigstens nicht gänzlich und immer noch besser als nichts. Im Grunde geht es bei Protest auf Facebook, Twitter und Co. darum, wenigstens ein bisschen Frust zu kanalisieren, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, in eine anonyme Reihe zu stellen. Man schaut sich selbst zu - nur, um sich selbst lieber im Spiegel anschauen zu wollen? Man ist vernetzt - und nun?

    "Wie konnte sich etwa in der DDR Widerstand formieren, als nicht einmal ein Viertel der Menschen überhaupt ein Telefon hatte?", lautete da z.B. die Frage eines klugen Bloggers in Deutschland. Ja gut, es dauerte ein paar Jahrzehnte bis zu Wende, doch irgendwie funktionierte es. Aber wie? Kein "Like-Button"! Keine "Pinnwand"! Wo entstehen die Revolutionen? Im Jogging-Anzug vorm Monitor? Im Kopf? Oder doch auf der Straße?

    THOMAS GOLSER





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