Bye-bye, R.E.M. - zwölf Stiche ins Herz
R.E.M. sind nicht mehr - und eine Gruppe wie sie wird nicht mehr - finden zumindest wir. Eine Abhandlung über die Band aus Georgia würde fette Bücher füllen, wir beschränken uns daher auf ein definitives Dutzend unserer Lieblingssongs. Und nein, "Man On The Moon", "Everybody Hurts" und "Losing My Religion" schafften es nicht. Thomas Golser und Sebastian Krause trauern.

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Living Well Is The Best Revenge (Accelerate, 2008)
Dem, was das Leben einem in den Weg wirft, ins Gesicht lachen und nicht aufstecken. Das war die Botschaft, die R.E.M. einem mit dem eine halbe Stunde kurzen Album "Accelerate" in die Hände warfen: Ein später, unerwarteter Urschrei der angegrauten College-Freunde - und "Living Well Is The Best Revenge" startete den Generator mit Getöse. Drei Minuten Trotz, Energie, Lust. "It's only when your poison spins into the life you'd hoped to live. That suddenly you wake up in a shaking panic - wow! Well I'm not one to sit and spin. 'Cause living well's the best revenge. Baby, I am calling you on that". Gitarren-durchtränktes Stimulantium, nicht sehr viele hätten es ihnen 2008 noch zugetraut.
Leave (New Adventures in Hi-Fi, 1996)
Was für eine Nummer - auf stolzen sieben Minuten (es gibt keinen längeren R.E.M.-Song): Nach einem behäbigen, beinahe feierlichen Intro drischt Bill Berry in seine Drums als gäbe es kein Morgen, und dann raunt ein rastlos-ernüchterter Michael Stipe "Nothing could be bring me closer, nothing could be bring me near". Dazu ein immer und immer wieder wiederholtes Gitarren-Motiv, das uns irgendetwas sagen will - doch der Song muss weiter, immer weiter. Ein Lied über den schwierigsten und einfachsten aller Auswege aus dem Leben und R.E.M. "at its most epic": Aufgenommen übrigens live beim Soundcheck im legendären Omni Theater in Atlanta und danach selten auf der Bühne zur Aufführung gebracht. Ein Monument, von Ö3 bestimmt noch nie in deren "Playlist" programmiert.
Pretty Persuasion (Reckoning, 1984)
Eine entscheidende Frage zuerst: Warum bitteschön, war "Pretty Persuasion" nie eine Single? Das waren die Byrds, reanimiert: Nicht mehr und bestimmt auch nicht weniger - nur eben alles teleportiert in das Jahr 1984. R.E.M., damals am Sprung vom Obskuren zum Populären, bedienten sich frech am Pop der 1960er-Jahre und schafften es doch irgendwie, nie schal zu klingen. Es klingt nach Aufwachsen, es klingt nach dem Moment, in dem der Frühling den Sprung zum Sommer schafft und es klingt nach Sehnsucht und Freude. Kurzum: Ein frischer Windstoß aus der richtigen Ecke, der einen mitnimmt. Wenigstens für 3:50 und in einen Tagtraum. "Pretty"? Und ob! Musste mit.
Fall On Me (Lifes Rich Pageant, 1986)
Ein zauberhafter Song von der Geschmacksrichtung "zartbitter", wie ihn R.E.M. in ihrem 31-jährigen Bestehen des öfteren vorgelegt haben, allerdings nie wieder so definitiv. 1986 war gemeinhin nicht die Glanzstunde für anspruchsvollen Gitarrenpop, doch dieser Song entschädigt für einiges, auch wenn der Text bis heute nicht ganz nachvollziehbar scheint. Gut, das war ja oft so bei R.E.M. Im übrigen einer der Lieblingssongs von Michael Stipe - wenn nicht der Lieblingssong. Und der Mann selbst sollte es ja wissen. Wunderschöne Harmonien, so hübsch gedrechselte Gitarren - und das auf die richtigen 2:50 verteilt. Danke, die Nummer nehmen wir auch mit, Mr. Stipe. Und zwar für den ganzen Weg.
Imitation Of Life (Reveal, 2001)
R.E.M. waren - auch - eine Pop-Kombo, und hier ein mustergültiges Beispiel dafür, stellevertretend für andere: Refrains wie diesem (auf einem sonst unfassbar daneben produzierten Album) jagen andere Gruppen ihre gesamte Bandhistorie hinterher, ohne auch nur in die Nähe davon zu kommen. Was für eine wundervolle Melodie, was für eine hübsche kleine Single, gemacht für die Ewigkeit. Michael Stipe singt von Zuckerstangen, Zimt, Limonade und Wasser-Hyazinthen, dann wieder von kaltem Regen und der Flut - und am Ende sieht einen doch keiner weinen. Wieder: zartbitter, doch dieses Mal eher zart als bitter. Imitiertes Leben, wer kommt nicht selbst einmal damit in Berührung? Wer?
Sweetness Follows (Automatic For The People, 1992)
"Readying to bury your father and your mother, what did you think when you lost another? I used to wonder why did you bother, distanced from one, blind to the other?": Es gibt kaum Lieder, die trauriger beginnen und das Dilemma eines Lebens mit wenigen Sätzen besser skizzieren. "Automatic For The People" thematisierte wie kein anderes R.E.M.-Album den Tod und die Vergänglichkeit. "Sweetness Follows" ist einer der berührendsten Songs vom R.E.M. überhaupt: Entrückt und doch ganz nahe dran, tieftraurig und doch irgendwie tröstlich. Einer der wahren Schätze auf "Automatic For The People", zweifellos. Verzerrte Gitarre und Cello gehen hier zusammen wie das Herbstlaub, das am Boden klebt - ein zurückhaltender Song in Schwarz-Weiß mit einem fernen Silberstreif am Horizont. Und ja, er ist fern, aber er ist doch wirklich da - oder nicht?
I Took Your Name (Monster, 1994)
R.E.M. waren die größte Band der Welt, damals, Anfang der 1990er-Jahre. Im Sog des Grunge schmiss man die Mandolinen über Bord und huldigte der E-Gitarre - eine Entscheidung, die die Band über zufällige Hits hinzugekommene Ö3-Fans kostete und doch der vielleicht wichtigste Schritt der Karriere war. Stillstand ist der Tod. Angetrieben von Peter Bucks Tremolo-Pedal schuf die Band ein testosterongeladenes Glam-Album über Sex, Drogen und den Tod. "I Took Your Name" ist der beste Nirvana-Song, den Kurt Cobain niemals schrieb, aufgeladen und selbstironisch: "I'll be your albatros, devil, dog, Jesus Christ. I don't wanna be Iggy Pop, but if that's what it takes - hey", singt Stipe und zerstört sein Image als Superstar mit der Aggressivität eines Mannes, der Angst hat, irgendwann wie Bono Vox zu enden. Gott bewahre, es kam nie so weit.
Harbourcoat (Reckoning, 1984)
Der Prototyp des frühen R.E.M.-Songs. Aus einem Gemisch aus den Byrds, The Kinks und Post-Punk entstand Bucks typischer Rickenbacker-Sound, das feine Melodiengespür von Mike Mills reifte aus und legte sich wie eine süße Schicht aus Staubzucker über die unverkennbaren Ramblings von Michael Stipe. Bill Berry hielt zusammen, was zuvor nicht mal einen gemeinsamen Proberaum geteilt hätte. Die Geburtsstunde des Indie Rock.
E-Bow The Letter (New Adventures in Hi-Fi, 1996)
Der tiefschwarze Abgesang an eine verlorene Liebe, an eine bessere Zeit, an geliebte Tiefen. Michael Stipe auf seinem lyrischen Höhepunkt, bedient Ginsberg, huldigt Kerouac und kommt doch nicht um die Erkenntnis herum, dass er selbst ein Telefonbuch vorlesen könnte und die Leute zum Weinen bringen würde. Patti Smith leiht dem Refrain ihre Stimme und lässt die Melodie entschweben. Die Band wählte den Song als erste Single des Albums aus, die Mainstream-Sender spielten ihn so gut wie nie. R.E.M. wollten zurück in den Underground, schrumpften sich zurecht und gewannen an Größe.
Country Feedback (Out Of Time, 1991; Live-Version)
Die Unauffälligkeit des Peter Buck war die geheime Stärke von R.E.M. - ein Virtuose, der sich weigerte, Solos zu spielen. Tat er es doch, ließ er ob der Erdrosselung am zwölften Bund aufschreiende Gitarren so manche Rock-Größen wie verstimmtes Plastikspielzeug klingen - im Vergleich zu der Seele, die in seiner Rickenbacker zu hausen scheint.
"Country Feedback" nannte Stipe stets als den wohl besten R.E.M-Song, doch die über die Jahre immer weiter verfeinerte Live-Version ist der doch etwas blass geratenen Studio-Version um Längen überlegen. An dieser Stelle gewürdigt: Eine historische Aufnahme von 1995 - mit (dem 1997 aus der Band ausgestiegenen) Drummer Bill Berry am Bass!
Pop Song '89 (Green, 1989; Live-Version)
Die Anti-These zum Radio-Popsong: Ein mantra-artiges Gitarrenriff gepaart mit Stipes belanglosen Reimen als Abrechnung mit den Charts. Bitterer Zynismus mit Humor, dazu Avantgarde-Design und krude Videos auf der Bühne. R.E.M. brachten zusammen, was nicht zusammen gehört. College-Kunst auf den Bühnen der Welt, oder wie Peter Buck zur Ende seiner Band schrieb: "Ein paar 19-Jährige, die die Welt verändern wollten".
Nightswimming (Automatic For The People, 1992)
Nightswimming, remembering that night You, I thought I knew you The photograph reflects
September's coming soon
I'm pining for the moon
And what if there were two
Side by side in orbit
Around the fairest sun?
That bright, tight forever drum
Could not describe nightswimming
You, I cannot judge
You, I thought you knew me,
This one laughing quietly underneath my breath
Nightswimming
Every streetlight a reminder
Nightswimming deserves a quiet night,
deserves a quiet night.






