Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
24. Mai 2013 13:24 Uhr | Als Startseite
Neu registrieren
Song Contest: Alle gegen Merkel? Der "World Wide Papst" Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Thomas Golser Nächster Artikel Song Contest: Alle gegen Merkel? Der "World Wide Papst"
Zuletzt aktualisiert: 24.05.2011 um 12:15 UhrKommentare

Dylan ist 70: Liebe oder Hass?

Altmeister Bob Dylan ist unglaubliche 70 - und es gibt mindestens ebenso viele Gründe ihn zu lieben oder zu hassen. Wir haben uns auf jeweils zehn beschränkt - Robert Allen Zimmerman in der Analyse, streng subjektiv natürlich.

Robert Allen Zimmerman

Foto © APRobert Allen Zimmerman

HASS

Die Stimme

Es fällt einem schwer zu sagen: "Dylan singt". Dylan singt nicht, mit dieser Stimme kann man auch gar nicht im klassischen Sinne singen. Dylan bringt seine Texte zur Aufführung. Dylan rezitiert aus seiner zur Musik gegossenen Prosa, für die andere Großmutter und Mutter im Kombiangebot verkauft hätten. Seine Stimme erinnert seit Anfang der 1960er-Jahre an ein schlecht oder gar nicht geöltes Windrad – und sie wurde während der Jahrzehnte danach kaum besser. Er sägt, er knödelt, er nuschelt, er poltert, er jammert, er hustet und humpelt seinen zu einem Gutteil grandiosen Songs hinterher - oder peitscht sie vor sich hin. Technisch, objektiv betracht also eine grauenvolle Stimme - und doch: Anders kann und will man sich das nicht vorstellen. Zudem hat die Stimme einen entscheidenden Vorteil: Es ist quasi unmöglich, dieses seltsame Organ zu kopieren.

Der "Overkill"

Wer regelmäßig eine gute sortierte Buchhandlung besucht und dort seinen Weg zu aktuellen Biografien und Musik-Zeitschriften findet, weiß: Genug ist genug. Egal, ob es sich um englisch- oder deutschsprachige Publikationen handelt – auf gefühlten zehn von zwölf Ausgaben grantelt einem jährlich das verwitterte Konterfei entgegen. Es wird analysiert, es werden Bestenlisten zu wirklich ALLEN Aspekten erstellt, sechs bis sieben Doppelseiten einem einzigen Album und seiner Geschichte gewidmet, vergilbte Interviews von 1970 ausgegraben, dazu immer und immer wieder das bereits Bekannte durchgekaut. Den Heften liegen dann auch noch durchwachsene Tribute-CDs bei, auf denen sich mehr oder weniger Würdige in Dylan-Cover-Versionen üben dürfen. Zudem wurden dem schrulligen Alten mehr Biografien gewidmet als den letzten zehn Päpsten zusammen. Irgendwann ist auch mal gut. Es gibt auch gute neue Musik dort draußen.

Die "Prediger-Phase"

Es gab tatsächlich einmal eine Phase in Dylans langem Leben, die einem noch heute sauer aufstoßen kann. Wohl von persönlicher Selbstsuche und künstlerischer Stagnation gebeutelt, fanden sich religiöse Themen auf seinen Alben. So weit, so fromm. Das Problem war nur, dass Dylan es damit dann übertrieb. Nach einem angeblichen "Erweckungserlebnis" 1978, als ihm ein silbernes Kreuz auf die Bühne geworfen wird - wird das Christentum interessant wie nie für ihn. Aus dem Musiker wird der störrische Prediger, der von der Bühne herab dem Publikum so einiges an den Kopf wirft. Parallel dazu bzw. überflüssigerweise veröffentlicht er bis 1981 auch noch Alben mit entsprechendem Inhalt. Man kann aus guten Gründen einen weiten Bogen um diese Platten machen und wird doch relativ wenig dadurch versäumen.

Die Texte

Bestechend, kryptisch, unverständlich, ausschweifend: Es gab und gibt Generationen, die Dylans Texte lieben, sie studieren, sie verinnerlichen, darüber brüten wie andere über dem Neuen Testament. Und dann gibt es noch Menschen, die mit Textzeilen wie "Well Shakespeare he's in the alley, with his pointed shoes and his bells. Speaking to some French girl who says she knows me well" (aus "Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again") eigentlich genau gar nichts anfangen können. Wo hört Kunst auf, wo beginnt Anmaßung? Versteht Dylan selbst die Begeisterung angesichts der Wortschlangen, die er seit fünf Jahrzehnten für seine unzähligen Alben los gelassen hat? Mehr als einmal wurde Dylan schon für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen - es gibt Gründe die Texte zu hassen und den bodenständigeren Neil Young zu präferieren.

Die Weihnachts-Platte

"Wenn der Weihnachtsmann vergeblich klingelt"

Das Spätwerk

Ja, richtig. Es gibt keinen alten Dylan, keinen neuen Dylan. So wie die frühen, guten Metallica und die neuen, miesen Metallica. Den dünnen und den fetten Elvis. Es gibt eigentlich nur die schreckliche Prediger-Phase, davor und danach war bei Dylan, wenn man den Kritikern glauben mag, alles Gold. Doch, man muss den Ausspruch wagen: Die letzten beiden Platten waren mies: "Modern Times" war noch recht ulkig, mit seinen seemännisch schunkelnden Rhythmen, den besoffenen Klavieren und einem Dylan, der ohnehin immer klingt, als habe er einen Schnorchel auf. Aber "Together through life"? Also wirklich, jetzt mal ehrlich.

Seine Fans

Dylan-Fans haben für gewöhnlich einen an der Waffel. Jeder Satz wird zitiert, auf Shirts getragen und im schlimmsten Fall gegen einen verwendet - "it ain't me, babe". Vermutlich ist das Leben Dylans besser dokumentiert als das von Jesus inklusive Auferstehung und der letzten 2.000, eher ruhigen, Jahre. Der Altmeister selbst würde das vermutlich lächerlich finden. Findet man in Gegenwart einen Dylan-Song schlecht oder ein Cover gar gut, erlebt man einen Glaubenskrieg. Meist endet dieser mit dem Totschlag-Argument schlechthin: "Findest du Dylan Scheiße, hast du ihn nicht kapiert". Ans Kreuz mit dem Ungläubigen.

Dylan bist du egal

So ist es. Dylan kümmert sich nicht um irgendwas. Eigentlich ist er vermutlich ein griesgrämiger Eigenbrötler, der nicht viele Nummern im Handy hat. Bei Life Aid stammelte er wirres Zeug über verarmte US-Farmer, er spielte in China und sparte seine politischen Songs aus. Dylan ist so widersprüchlich, dass seine Vergehen in Sachen Glaubwürdigkeit nicht mehr auffallen. Dabei macht Dylan, der Protestsänger, Werbung für Autos. Und eine Bank. Ja, eine B A N K!

Dylan schießt über das Ziel hinaus

Er ist ein wenig überambitioniert, der gute Herr Zimmerman. Ab und an mal das ganze Ich zu tauschen mag von Vorteil sein, geht aber manchmal schief. So etwa in der bereits erwähnten Missionars-Phase, vor aber auch der Doppel-LP "Self Portrait", von der Dylan heute gerne behauptet, sie sei ein Scherz gewesen. Die berühmte Rolling-Stone-Kritik zu der obskuren - und einfach grottenschlechten - Sammlung an Coverversionen und Traditionals begann damals wie folgt: "What is this shit?" Bis heute hat den Witz keiner verstanden.

Die Arroganz

Dylan weiß, was er kann. Was er nicht kann: Uns nicht dauern versichern, zu wissen, dass er weiß, dass er es kann. "Ich mache nicht gerne Platten, ich mache das nur widerwillig", hat er einst gesagt. Nur, um anzufügen: "Aber ich hab die tollen Songs in meinen Genen, sie kommen einfach so raus". Die freie Interpretation: Seid lieber froh, dass ich mich quäle, euch mit meinem Genie zu beglücken.

LIEBE

"Das Gesamtwerk"

Seit unfassbaren 50 Jahren im Geschäft, beinahe ebenso viele Alben, darunter unzählige Klassiker. Das Gesamtwerk von Bob Dylan steht - bei aller Zerrissenheit der einzelnen Phasen - da wie ein gewaltiger, tiefer See, aus dem man immer wieder aufs Neue schöpfen kann. Blendet man die desaströs geratenen 1980er-Jahre und den einen oder anderen Totalausfall während der Jahrezehnte aus, findet man ab dem zweiten Alben 1963 bis Anfang der 1990er-Jahre hochkarätiges Liedgut ohne Ende. 1997 läutete dann "Time Out Of Mind" die kreative Rückkehr zu einem feinen Zyklus aus Spätwerken ein. Der Dylan-"Backkatalog" ist ein Monolith für sich, an den nur noch ein Neil Young heranreicht.

"Time Out Of Mind"

Es war ein Geniestreich eines schon längst Abgeschriebenen, den Dylan 1997 da vorlegte, als keiner mehr damit rechnete. Er schien am Ende einer lange Straße angelangt, gesundheitlich und künstlerisch - ähnlich Johnny Cash, bis diesen Rick Rubin Anfang der 1990er-Jahre aus dem Sumpf der Bedeutungslosigkeit holte. In diesem Fall war es allerdings nicht Rick Rubin, sondern der geniale Franko-Kanadier Daniel Lanois, der Dylan einen neuen Sound auf den Leib schneiderte, seiner Musik die Luft zum Atmen und jene Studio-Atmosphäre gab, die sie brauchte. Er nahm mit ihm die besten Songs seit vielen, vielen Jahren auf Band auf: "Time Out Of Mind" mit genialen Stücken wie "Love Sick", "Million Miles" oder "Cold Irons Bound" ist nicht mehr oder weniger als ein Geniestreich. Minimalistisch, mit erstklassigen Musikern eingespielt und in sich stimmig. Das Stück "Not Dark Yet" brachte dann auch alles auf einen Punkt - es wurde noch lange nicht dunkel um Dylan. Das grandiose Alterswerk, wenn man so will.

Selbst-Ironie

Dylan ist für viele die ultimative Ikone der 1960er-Jahre, eine Legende, ein in den Halbgottes-Status Erhobener. Faktum ist: Dylan hat sich selbst nie auf diesen Sockel gestellt. Er zerlegt live beharrlich seine sattsam bekannten Songs, hat keine Probleme, sich an einem schlechten Tag selbst zu demontieren und begegnet allen Fanatikern mit der nötigen Portion an Wurschtigkeit und Selbst-Ironie. Mehr als einmal hat er behauptet, gar nicht mehr zu wissen, was er zu jenem Zeitpunkt mit jenem Liedtext sagen wollte. Das sich eine Legende um seinen Legendenstatus selbst einen Dreck schert, macht sie wieder sympathisch. Selbst ernannten Dylanologen lacht Dylan selbst in Gesicht. Wer glaubt, ihn entziffert zu haben, kennt den alten Fuchs erst recht nicht.

Die Texte

siehe oben...

Die Konzerte

Seit gut 20 Jahren ist Bob Dylan auf seiner "Never Ending Tour" - und es scheint durchaus denkbar, dass er auf einer seiner Konzertbühnen bis zum bitteren Ende ausharrt. Wenn er einen schlechten Tag erwischt, kann es einem schon weh tun, was da durch die Lautsprecher kommt. Dylan hat auch kein Problem damit, sein Liedgut durch den Fleischwolf zu drehen, brutal zu zertrümmern und dann - mit einer souveränen Band im Hintergrund - wieder neu zusammenzusetzen. Meistens funktioniert das erstaunlich gut, manchmal auch auf desaströse Weise nicht. Trotzdem: In Summe ebenso erstaunlich wie erfreulich, dass ein 70-Jähriger noch für 100 Konzerte pro Jahr auf der Bühne steht.

Die Coolness

Dylan ist der King of Cool. Er war schon cool, als es das Wort gar nicht gab. Er kultivierte die Ray Ban und die Lederjacke als Objekte eines Widerstands, und doch sieht bis heute keiner so gut damit aus wie er. Dylan, der erste Bobo. Er knallte uns "Like a Rolling Stone" in Newport um die Ohren und provozierte auf unwiderstehliche Art mehr als Marilyn Manson, badend im Weihwasser des Vatikan.

Das Video

Eine Erfindung, die gerne anderen zugeschrieben wird. Jedoch: Das erste ernst zunehmende Pop-Video als sekundäre Kunstform hatte wen als Hauptdarsteller? Richtig! Der Bob war's. In "Subterrean Homesick Blues" beschildert Dylan einen seiner besten Texte, sieht gut aus und erklärte der "Generation MTV" mal eben, wie sie es 20 Jahre später zu machen haben.

Der Humor

Dylan ist lustig. Zum Brüllen sogar. Wer es nicht glaubt, der sollte sich mal den "Talkin' Bear Mountain Picnic Massacre Blues" reinziehen. Die Rechnung ist einfach: Die 3:45 Minuten des Songs erhält man am Ende durch das Lachen als Lebenszeit gutgeschrieben. Auch das kann Bob.

Die Serie

Ganz einfach. "Bringing it all back home", "Highway 61 Revisited", "Blonde on Blonde". Die besten drei Platten, die jemals von einer Person hintereinander aufgenommen wurden. Wer etwas anderes behauptet, der hat es nicht verstanden.

Der Retter

Dylan rettete den Folk-Rock vor dem frühzeitigen Tod, bevor er richtig erwachsen wurde. Der Folk befand sich Anfang der 1960er-Jahre fest in der Hand bärtiger Hippies, die irgendwelche Banalitäten zu klimpernder Gitarre preisgaben und am liebsten den ganzen Tag nackt und haarig gewesen wären. Kaum vorzustellen, hätte Dylan diese Musik diesem seltsamen Haufen Hillbilly-Hippies überlassen. Die Welt hätte etwas verpasst. Im übrigen wiederholt sich diese Entwicklung gerade. Bleibt also zu hoffen, dass Dylan irgendwann vor dem Haus von Sam Beam auftaucht und ihm mit der Gitarre eine überzieht und anschließend mit der Mundharmonika den Marsch bläst.

THOMAS GOLSER, SEBASTIAN KRAUSE

Bestelltipps





Seitenübersicht

Zum Seitenanfang