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    Zuletzt aktualisiert: 18.10.2010 um 16:37 UhrKommentare

    Gut vernetzt und trotzdem verloren

    "Zuckerberg – ein einsames Selfmade-Arschloch": So drastisch kommentieren auch Qualitätszeitungen den wichtigen Film "The Social Network". Sand im Getriebe der ohnehin stotternden Facebook-Maschinerie? Sind wir denn noch Mensch ohne "Gesichtsbuch"?

    Wo die Maschen des Netzes zusammen laufen...

    Foto © ReutersWo die Maschen des Netzes zusammen laufen...

    Gerade 26 Jahre jung und schon auf einem Sockel: Die Freude über das filmische Denkmal "The Social Network" (Start in den Kinos: 8. Oktober 2010) dürfte sich bei Facebook-Gründer Mark Zuckerberg freilich trotzdem in sehr engen Grenzen halten. Beworben wird der bitterböse Streifen von David Fincher mit der Zeile "Man kann nicht 500 Millionen Freunde finden, ohne sich ein paar Feinde zu machen". Wohl wahr. Alleine: Stehen da nicht auch ein paar Hundert Millionen User nonchalant mit am Pranger und freuen sich über "hinzugefügte Freunde"?

    18 Milliarden Euro wert

    Im Juli diesen Jahres wurde nach eigenen Angaben des Unternehmens mit Sitz im kalifornischen Palo Alto die 500-Millionen-Nutzer-Grenze geknackt, in 70 Sprachversionen kann man sich im sozialen Netzwerk präsentieren, befreunden, verkaufen, outen, zerstreiten, verlieren. Gäbe es das Wort "Globalisierung" nicht schon längst, Zuckerberg hätte auch "The Global Network" statt "The Social Network" wählen können. Das Netzwerk, das wie eine gierige Krake ihre Tentakel über den Globus spannt, ist schätzungsweise 18 Milliarden Euro wert. Doch was einst makellos wie polierter Alabaster strahlte, bekommt Risse.

    Eigentlich begannen die Probleme schon früh: Kurz nachdem die Facebook-Urversion ins Netz gehievt worden war, attackierten drei Harvard-Kommilitonen, Divya Narendra und die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss ihren "Kollegen" Zuckerberg: Die Idee einer exklusiven Universitäts-Plattform sei gestohlen, ein Prozess endete 2008 mit einem Vergleich und einer beachtlichen Summe von 65 Millionen Dollar an die drei Studenten. Das zahlte Zuckerberg zwar aus seiner Portokassa, bis heute soll der Streit allerdings schwelen - die angeblich Geprellten wollen alles.

    Die Vorwürfe gegen jenen Mann, der dem Wort "Netzwerker" in eine neue Dimension verhalf, gingen freilich noch weiter: Das Onlinemagazin "Business Insider" will in zweijähriger Recherche herausgefunden haben, dass Zuckerberg nicht nur Ideen gestohlen hat, sondern Mitbewerber boykottiert und ihre Seiten und Accounts gehackt haben soll. In der Anfangsphase der Seite soll er laut Chat-Protokoll einem Freund sogar private Daten von Facebook-Nutzern angeboten haben. "Die vertrauen mir, die dummen Ficker", war sein Kommentar - angeblich. Doch nur zu lange spielten Abermillionen User mit.

    Erst Anfang 2010 kam nicht wenigen Usern (erstmals, aber nachhaltig) Vertrauen in das Netzwerk abhanden: Neue Privatsphäre-Einstellungen, die mehr zeigten als sie verbargen, wurden klammheimlich eingeführt, Datenschützer auf der ganzen Welt liefen Sturm. Vielen dämmerte es endlich: Freunde "hinzuzufügen", Programme und Applikationen zu abonnieren, Fan von irgendetwas zu werden, jemandes Fotos gut zu finden, ist auf Facebook so viel einfacher, als den Überblick darüber zu wahren, was überhaupt noch privat ist: Zuckerberg mag übersehen haben, dass "The Global Network" auch eine gute Bezeichnung gewesen wäre. Er wusste jedenfalls ganz gut, warum er Facebook nicht "The Private Network" taufte.

    Doch kein Markt ohne Nachfrage. Zuckerberg spielt doch letztlich nur perfekt mit Grundbedürfnissen vieler Menschen - und das nicht zimperlich, sondern perfekt. Die Sehnsucht nach Kontakt und der Drang, sich mitzuteilen ergeben gepaart mit Voyeurismus und Neugierde, das, was Facebook groß und Zuckerberg zum jüngsten Selfmade-Milliardär der Geschichte machte. Facebook hat seine Meriten im 21. Jahrhundert, doch es vereinfacht und es verblendet. Alles da auf einen Klick - wer gibt da noch viel auf Persönlichkeitsrechte? "The Social Network" im Kino durchleuchtet weniger diesen Aspekt als vielmehr den Menschen Zuckerberg selbst: Das gekonnt gezeichnete Bild eines gleichermaßen gewieften wie wortgewandten Widerlings, eines Anerkennungfanatikers, der auf seine erste Visitenkarte dem Vernehmen nach "I'm CEO, Bitch" drucken ließ, könnte ungünstiger nicht sein.

    Image-Kampagne vor Filmstart

    Ein Image, das Facebook schlecht zu Gesicht steht, das ist dem cleveren "Welt-Vernetzer" natürlich klar: Just vor dem Filmstart und nachdem die Vorwürfe gegen ihn wieder lauter wurden, wurde daher eine groß angelegte Kampagne gestartet, um nachzujustieren: Zuckerberg entschuldigte sich und gab zu, "einige Fehler gemacht" zu haben, veröffentlichte in der "Washington Post" einen reumütigen Artikel. Danach ging es ab zur "Oprah Winfrey Show", um zu bester Sendezeit eine 73-Millionen-Euro-Spende für öffentliche Schulen im US-Bundesstaat New Jersey zu verkünden. So karitativ, so plakativ.

    "Fakebook" statt Facebook, Netzwerk statt Leben? So weit wird es nicht kommen, wenn Menschen die Notbremse ziehen, auf der groß steht: "Ab in die echte Welt". Übrigens: Zuckerberg wählt auf seiner Profilseite selbst aus, was privat ist. Er sollte es wissen.

    THOMAS GOLSER

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    Ich würde sagen, diese Schätzung liegt nicht so weit weg, dass sie uns schadet, also fühlen wir uns nicht genötigt, sie zu korrigieren

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