Das unrühmliche Ende einer großen Karriere
Zuerst der Sager über die "dummen Sportler", dann die Disqualifikation im Olympia-Halbfinale: Es ist leicht, Markus Rogan mit Häme zu überschütten. Doch ein Sportler sollte am Ende seiner Laufbahn stets nach seinen sportlichen Erfolgen beurteilt werden. Der Versuch einer Ehrenrettung. Von Stefan Tauscher.

Foto © APAMarkus Rogan, leicht zerknirscht
2004, da war die Welt des Markus Rogan noch in Ordnung: Bei den Olympischen Sommerspielen in Athen wurde er über die Rücken-Strecken bloß von seinem Freund und Hauptrivalen Aaron Peirsol bezwungen. Der US-Amerikaner war dabei über die 200 Meter wegen eines Wendefehlers ursprünglich disqualifiziert worden, später erklärte Rogan, dass die Goldmedaille jedenfalls an den besseren Schwimmer gegangen sei - ein seltenes Zeichen von Fair-Play im Spitzensport.
Spitze gegen den "Herminator"
Nun, acht Jahre später, hinderte in London erneut ein Wendefehler Rogan am Einzug in das allerletzte, große Finale seiner Laufbahn (200 Meter Lagen). Künstlerpech, könnte man sagen, die fragliche Szene spielte sich im Bereich von wenigen Sekunden ab, für Laien kaum erkennbar. Wäre da nicht das ominöse Interview gewesen, das Rogan - nie um einen flotten Spruch verlegen - am Sonntag dem Radiosender Ö3 gegeben hätte. Von den "dummen Sportlern" sprach er da, die deswegen erfolgreicher seien, weil das Hirnschmalz nicht so im Weg stünde und feuerte auch eine Spitze gegen Österreichs Nationalheiligtum Hermann Maier ab.
Die folgende mediale Aufregung war von allen Seiten gewollt - und verdeckte geschickt die wahren Probleme: warum etwa abseits der beiden Weltklasse-Schwimmer Rogan und Dinko Jukic kein anderer OSV-Athlet auch nur in die Nähe eines Finales kommt oder die beiden mangels adäquater Trainingsbedingungen in der Heimat ins Ausland ausweichen müssen. Jukic, der Verhaberung mit Rogan gänzlich unverdächtig, gab eine interessante Interpretation von dessen Aussagen zum Besten: "So wie Markus es gemeint hat, hat er recht. Je mehr du das Hirn ausschaltest und je weniger du über Gegner und Rennen nachdenkst, umso bessere Chancen hast du."
Dass Rogan das Ö3-Interview nicht ganz ernst war, beweist übrigens seine Antwort auf die Frage nach seinen Finanzen: "Ich habe unglaublich viel Geld verdient, aber ich habe fast alles ausgegeben." Wofür? "Für Flüge um die Welt, für Frauen in jedem Bett, Champagner in allen Preisklassen und für die besten Trainer der Welt." (Man muss ganz kurz an George Best denken). Der Sager von den "dummen Sportlern" war nicht der erste seiner Art, schon zuvor hatte Rogans einstiges "Nice Guy"-Image massiv Schaden erlitten. Die zu öffentlich zelebrierte Beziehung mit Ex-Miss-Austria Christine Reiler, der Rauswurf aus einer Disco in Ostia nahe Rom, das Ende seiner "Geschäftsbeziehung" mit Raiffeisen (Sponsorvertrag und Trainee-Programm) - die öffentliche Wahrnehmung Rogans hatte sich gänzlich in Richtung "arroganter Ungustl" verschoben.
Rogan und die Intelligenz, das ist eine eigene Sache. Österreich mag weder zu gescheite Politiker - Erhard Busek (ÖVP) kann ein Lied davon singen - noch zu gescheite Sportler: Dass sich ein Athlet gewählt ausdrücken kann, das eigene Tun kritisch wie selbstironisch reflektiert, über den eigenen Tellerrand hinausblickt, sich Gedanken zu Politik und Gesellschaft macht, das gilt als ungewöhnlich, um nicht zu sagen unschicklich. Hierzulande ist man froh, wenn ein Teamkicker vier, fünf gerade Sätze herausbringt und auch in den eher uniformen Kadern des Skiverbandes sucht man meist vergeblich nach Querdenkern.
In einer Reihe mit Litauen und Zimbabwe
Österreichs Sportler des Jahres 2004 wurde an der US-amerikanischen Elite-Uni Stanford sozialisiert, die auf einer Stufe mit den renommierten Institutionen der Ostküste steht. Im Gegensatz zu Harvard, Yale und Princeton "produziert" Stanford aber abseits von Nobelpreisträgern auch Olympiasieger und Weltklasse-Sportler. Rogan erhielt so neben akademischen Ehren eine formidable Schwimm-Ausbildung, die zu insgesamt 34 Medaillen bei Großereignissen in mehr als zehn Jahren führte. Das ergibt nach der Milchmädchenrechnung etwa drei Medaillen pro Jahr für den 30-Jährigen - und das in einer absoluten Weltsportart. Schwimmen wird global betrieben und abseits der Großmächte wie Australien, Frankreich und USA kommen Weltklasse-Schwimmer auch aus exotischeren Ländern wie Litauen, Zimbabwe - und Österreich.
Rogan ist nicht nur Österreichs erfolgreichster Schwimmer aller Zeiten - und dürfte das auch noch sehr lange bleiben -, sondern steht dank seiner sportlichen Erfolge auch in einer Reihe mit den heimischen Allzeit-Größen, mit den Klammers, Maiers und Sailers, mit den Laudas und Musters. Man muss Rogan wegen seiner großkotzigen Art, die in den USA als gesundes Selbstbewusstsein durchgehen würde, nicht mögen, respektieren soll man seine sportlichen Leistungen aber jedenfalls. Es wäre schade, würden ein dummer Sager und ein simpler Wendefehler Rogans Gesamtbilanz ein für allemal verdüstern. Kaum vorstellbar ist, dass sich der gebürtige Wiener nun gänzlich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, für Medaillen und Aufregung im heimischen Schwimmlager ist dank Dinko Jukic ja jedenfalls bestens gesorgt.





