Bei diesem Boss machen Überstunden Spaß
Bei seinem Wien-Konzert zog Bruce Springsteen alle Register seines Könnens: Der "Boss" und seine legendäre E Street Band brachten mit einer mehr als dreieinhalbstündigen Show das altehrwürdige Ernst-Happel-Stadion zum Kochen. Eine Konzertkritik von Stefan Tauscher.

Foto © APASpringsteen in bester Laune/Form
Bruce Springsteen zählt nicht zur Kategorie der erbsenzählenden Superstars der Musiklandschaft: Während andere Kaliber seiner Preisklasse bei Konzerten gerade mal zwei Stunden werken, um ihre Anhängerschaft zufriedenzustellen, können es beim "Boss" unter dem Motto "Darf's a bisserl mehr sein?" schon mal knapp vier Stunden werden – kein schlechter Wert für einen 62-Jährigen. Über 50.000 Fans waren am Donnerstagabend ins altehrwürdige Wiener Ernst-Happel-Stadion gepilgert, um sich selbst ein Bild zu machen von den legendären Live-Qualitäten des "Bosses" und seiner nicht minder illustren Begleit-Kombo, der E Street Band.
Stimmung von Beginn an
Mit einer rund halbstündigen Verspätung enterten Bruce Springsteen und Co. dann um kurz nach 20:00 Uhr die Bühne, die "La Ola"-Welle, die schon zuvor durch das Stadionoval geschwappt war, ohne das auch nur ein Ton (!) erklungen war, zeigte offensichtlich Wirkung. Drummer Max Weinberg schlug den Opener ein – "We Take Care Of Our Own", die erste Single-Auskopplung des aktuellen Albums "Wrecking Ball". Der gleichnamige Titeltrack wurde dann bloß von Soozie Tyrells Violine untermalt. "And all our little victories and glories have turned into parking lots", heißt es da ironisch, das Giants Stadium in den Meadowlands (in Springsteens Heimat-Bundesstaat New Jersey) hatte ausgerechnet Parkplätzen weichen müssen.
Den zwei jungen Klassikern folgte mit "Badlands" ein Song der Kategorie "alt und gut". Dabei hatte erstmals Saxophonist Jake Clemons seinen großen Auftritt – der Neffe des im Juni 2011 verstorbenen Clarence "The Big Man" Clemons. Nach "Death To My Hometown", Springsteens Abrechnung mit der Finanzkrise, folgte mit "My City Of Ruins" der erste ruhige Moment des Konzerts. Bruce Springsteen, wie immer leger in schwarz gekleidet, sammelte im Anschluss erstmals Pappschilder ein, auf denen Fans ihre persönlichen Wunschsongs notiert hatten, etwa "Loose Ends“ und die berührende 9/11-Nummer "Empty Sky". Volle Power dann wieder bei "Trapped", auch die Lichttechnik durfte da alle Stückerln spielen.
Längst am Kochen war die Stimmung schließlich bei "Because the Night", zweifelsohne einem der Höhepunkte des Abends. Gitarrist Nils Lofgren "quälte" sein Musikinstrument, was ihm mit frenetischem Applaus gedankt wurde. Ohne Pause ging es weiter: "Carneval", "Working On The Highway", "Shackled And Drawn". "Bei Waitin' On A Sunny Day" durfte dann ein Teenager mit auf die Bühne - und genoss es sichtlich, gut 50.000 begeisterten Zusehern einzuheizen. Seine ruhige, zärtliche Seite stellte der "Boss" dann bei "Tougher Then The Rest" unter Beweis, gefolgt vom nicht weniger großartigen "Racing In The Street", bei dem wieder mal Pianist Roy Bittan glänzen durfte. Auch hier gelingt Springtsteen mühelos der Sprung vom nachdenklichen Geschichtenerzähler zum mitreißenden Entertainer, "The Rising" und "Lonesome Day" führen zu "Land Of Hope And Dreams", dem letzten Song des "offiziellen" Showteils.
Clarence Clemons "mit dabei"
Der Zugabenblock wird eröffnet mit "We Are Alive", ebenfalls auf der jüngsten CD vertreten. Nun ist Zeit für die ganz großen Hits des Altmeisters: "Born in the USA", "Born To Run", "Hungry Heart", "Glory Days", "Dancing In The Dark" (samt mittanzendem weiblichen Fan) – das gesamte, sonst so sterile Ernst-Happel-Stadion wird zu einer einzigen, großen, wippenden, klatschenden Masse. Dann lässt Springsteen, der während des ganzen Konzerts immer den Kontakt mit dem Publikum sucht, kurz Impressionen seines alten Freundes und Weggefährten Clarence Clemons einblenden – Gänsehaut-Stimmung pur.
Scheinbar erschöpft sinkt der 62-Jährige zu Boden, Steven Van Zandt, sein musikalisches "Alter Ego" muss kurz den Wasserschwamm über Springsteen auswringen, damit dieser wieder zu Kräften kommt – um dann gemeinsam mit seiner E Street Band, der die Spielfreude deutlich anzumerken ist, das euphorische Publikum zu "Twist And Shout" einzuladen. Um Punkt 23:48 entlässt der "Boss" dann seine "Mitarbeiter" nach einer mehr als dreieinhalbstündigen, mitreißenden Show in die laue Wiener Nacht.






