Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
19. Mai 2013 13:02 Uhr | Als Startseite
Neu registrieren
Augen auf, Ohren auf, die Helmis sind da Der wundersam Gewandelte Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Sebastian Krause Nächster Artikel Augen auf, Ohren auf, die Helmis sind da Der wundersam Gewandelte
Zuletzt aktualisiert: 16.07.2012 um 21:03 UhrKommentare

Deutschland, sein Sommermärchen

Fifa-Präsident Joseph Blatter sinniert über die "gekaufte WM" 2006 in Deutschland und will damit vor allem von sich selbst ablenken. Hinter den Kulissen des Weltfußballverbands offenbart sich ein Sumpf aus Bestechung, Lügen – und sogar Waffendeals. Von Sebastian Krause.

Joseph Blatter

Foto © ReutersJoseph Blatter

Joseph Blatter geht in die Offensive. Die Fifa wankt, nachdem bekannt wurde, dass Bestechungsgelder in Millionenhöhe an Funktionäre des Weltfußballverbands bezahlt wurden. Besonders aus Deutschland wurden die Rufe nach Blatters Rücktritt immer lauter – nun setzt der Schweizer zum Gegenangriff an und verlegt die Diskussionen auf einen Nebenschauplatz. Ausgerechnet seine größten Kritiker aus Deutschland sollen bei der Vergabe der WW 2006 getrickst haben – ein Ablenkungsmanöver?

Dem deutschen Sommermärchen soll ein unschönes Schlusskapitel angefügt werden, geht es nach Blatter. In einem Interview mit einer Boulevard-Zeitung deutete er an, dass bei der Vergabe der Weltmeisterschaft – wohlgemerkt unter seiner Ägide – betrogen worden sei. Ein Tiefschlag, der Deutschland an seiner empfindlichsten Stelle trifft. Die Gerüchte sind schmerzhaft und in dem Korruptionssumpf der Fifa nicht allzu schwer zu glauben – nur neu sind sie nicht, auch wenn Blatter mittlerweile einiges zu korrigieren versucht (siehe rechts).

Zitiert

"Gekaufte WM... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv"
- Joseph Blatter

Die Abstimmung endete 12:11 für Deutschland, damals im Juli 2000. Der Jubel war groß und Funktionärsschmeichler Franz Beckenbauer wiedergeboren, einmal mehr als Held der stolzen Fußballnation. "Bei der Abstimmung verließ ein Funktionär im letzten Moment den Raum", sagte Blatter jetzt. Das Patt von "10 zu 10 bei der Abstimmung" sei so verhindert worden, es sei dadurch 10:9 für Deutschland und gegen Südafrika ausgegangen. Beckenbauer konterte: "Blatter weiß nicht mal, dass es in Wahrheit 12:11 ausging". Das Komitee besteht eigentlich aus 24 Mitgliedern, offenbar ist es innerhalb der Fifa üblich, bei der wichtigsten ihrer Entscheidungen nicht anwesend zu sein.

Charles Dempsey ist der Name jedes ominösen Mitglieds im Fifa-Komitee, der 2000 den Raum verließ und sich seiner Stimme enthielt. Eigentlich wollte er für Südafrika stimmen, wie es ihm als Vertreter der ozeanischen Verbände aufgetragen wurde. Auch Blatter selbst favorisierte schon 2006 lautstark eine WM im südlichsten Land Afrikas, schien aber mit der Austragung vier Jahre später leben zu können. Schon kurz nach der Vergabe an Deutschland machten Gerüchte die Runde, der Neuseeländer Dempsey habe vor der Abstimmung einen Geldkoffer mit 250.000 Euro erhalten. Die Vorwürfe dürften aber nie ganz aufgeklärt werden, Dempsey verstarb 2008.

"Den nimmt doch niemand ernst"

Mit der neuerlichen Aufregung um die Vergabe der WM versucht sich Blatter in einem Ablenkungsmanöver, von dem zu allererst er selbst profitiert. "Den nimmt doch niemand mehr ernst", sagte ein IOC-Vizepräsident zum Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und beschreibt damit treffend die öffentliche Wahrnehmung Blatters und der Fifa. Der jüngste Korruptionsskandal legt nahe, dass der Schweizer nicht nur Kenntnis von den Bestechungsgeldern gehabt, sondern deren Verteilung sogar gefördert habe.

Umso bemerkenswerter ist Blatters Talent, selbst die schlimmste Krise unbeschadet zu überstehen. Enthüllungen scheinen von ihm abzutropfen, weshalb ihn die englische Boulevard-Presse als "Kakerlake der nuklearen Apokalypse" bezeichnete. Besonders Ex-Fifa-Direktor Guido Tognoni gibt öffentlich gerne den Erzfeind Blatters. Vor zwei Jahren schenkte er auf einem Sportbusiness-Kongress medienwirksam den Gerüchten glauben, dass Deutschland sogar mit Waffengeschäften um Unterstützung für die WM kämpfte. Der damalige Ex-Kanzler Gerhard Schröder soll einem umstrittenen Verkauf von Panzerfäusten an Saudi-Arabien nur zugestimmt haben, weil im Gegenzug die Stimme des Emirats im Fifa-Komitee an Deutschland ging. Tatsächlich erhielt Deutschland neben vier europäischen Mandaten auch vier aus Asien. Dass Tognoni damit Deutschland belastet, mag Blatter vor zwei Jahren noch Recht gewesen sein. Heute, im Zuge der jüngsten Entwicklungen, belastet es ihn ebenso selbst, wie Tognoni in der ARD anfügt: "Blatter war immer dabei. Macht er Deutschland Vorwürfe, dann treffen die auch auf ihn zu".

Dubiose Deals

Tatsächlich kann nur eine lückenlose Aufklärung für Gewissheit sorgen, doch selbst der "Vater der WM" in Deutschland, Franz Beckenbauer, zeigt daran bislang kein Interesse. Gerüchte, dass auch TV-Mogul Leo Kirch in Asien geldgewaltige Überzeugungsarbeit bei Fifa-Funktionären geleistet habe, wirken da ebenso auffällig, wenngleich Beweise bis heute fehlen. Blatter scheint mit sich selbst und seiner Kampfansage bislang zufrieden; Rücktrittsforderungen scheren ihn seit jeher kaum. Die Rückendeckung einer zusehends korrupten Fifa ist ihm sicher, über hundert nationale Verbände weltweit gelten als treue Anhänger Blatters. Sein großes Ziel erscheint somit in Reichweite: Eine weitere Amtszeit, Beginn im Jahr 2015.

SEBASTIAN KRAUSE

Hintergrund

Der ehemalige FIFA-Präsident Joao Havelange und sein früherer Schwiegersohn Ricardo Teixeira haben in der Korruptionsaffäre des Fußball-Weltverbandes Schmiergeld in Millionenhöhe kassiert. Dies geht aus Dokumenten der Staatsanwaltschaft Zug hervor. Demnach hat Havelange, der von 1974 bis 1998 FIFA-Boss war, im Rahmen von Geschäften mit dem mittlerweile insolventen Marketingunternehmen ISMM/ISL im März 1997 1,5 Millionen Schweizer Franken (heute umgerechnet rund 1,25 Millionen Euro) erhalten.

Blatter rudert zurück

Blatter hat in einem offenen Brief an "Fußball-Deutschland" seine Aussagen zu Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe der WM 2006 relativiert. Der Schweizer erklärte in der "Bild"-Zeitung (Dienstag-Ausgabe), dass "man immer einen Vorwand finden kann, um irgendwelche Verschwörungstheorien zu spinnen.

Sogar in Zusammenhang mit Deutschland, das eine perfekte WM lieferte. Ein Sommermärchen sondergleichen, worauf das Land stolz sein kann."

Er glaube nicht an Verschwörungstheorien, sondern nur an Fakten, stellte Blatter fest. "Solange keine konkreten Beweise vorliegen, dass bei irgendeiner WM-Vergabe etwas schief gelaufen ist, muss und soll man an der Rechtmäßigkeit der Wahl festhalten. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für alle anderen Länder. Das ist die Kernaussage meiner Botschaft."





Seitenübersicht

Zum Seitenanfang