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Zuletzt aktualisiert: 09.07.2012 um 10:48 UhrKommentare

Wo man Mörder werden muss

Mexiko versinkt in einem blutigen Krieg zwischen Drogenbanden und der Armee. 50.000 Tote forderten die Schlachten bereits, doch das von Korruption zerfressene Land hat das Schlimmste noch vor sich. Weil die Armee sie nicht schützen kann, gründen Zivilisten paramilitärische Gruppen – und werden selbst zu Killern. Von Sebastian Krause.

Vorgeführt in Schutzweste, um ihn vor der eigenen Bande zu schützen: Marcos Carmona Hernandez, Chef des Drogenkartells "Zetas", bei seiner Verhaftung Ende Juni

Foto © APVorgeführt in Schutzweste, um ihn vor der eigenen Bande zu schützen: Marcos Carmona Hernandez, Chef des Drogenkartells "Zetas", bei seiner Verhaftung Ende Juni

Egdar hat vier Menschen umgebracht; er tat es im Auftrag eines Drogenkartells, sagte er später der Polizei. Er verstümmelte seine Opfer, köpfte sie und schnitt ihnen die Genitalien ab, bevor er sie an eine Brücke in seinem Heimatort Cuernacava band, wo sie weithin sichtbar in der mexikanischen Sonne baumelten. Heute blickt Edgar durch Gitterstäbe auf diesen Krieg, der seine Stadt, seine Familie und Tausende Bürger Mexikos zu Opfern gemacht hat. Oder zu Kriegern, es gibt nur diese zwei Interpretationen. Ein Jahr sind seine Morde jetzt her, doch in spätestens 24 Monaten ist Egdar wieder in Freiheit. Die mexikanischen Medien tauften ihn den "Killer-Jungen"; Edgar war 14 Jahre alt, als er die Morde beging, drei Jahre Gefängnis sind die Höchststrafe für Kinder. Seit er elf Jahre alt ist, arbeitet Edgar für das Drogenkartell, sie entführten ihn und zwangen ihn, mitzumachen. Sonst hätten sie ihn an die Brücke gebunden, sagte Egdar der Polizei. Sie glaubt ihm, weil sie die Geschichte schon so oft gehört hat: 20.000 Kinder werden in Mexiko von Banden für ihre Verbrechen missbraucht, alleine 6.000 wurden von der Polizei seit 2006 festgenommen.

Es ist ein seltsamer Krieg in Mexiko, einer, vor dem ein Vorhang zu hängen scheint, der der Weltöffentlichkeit den Blick verwehrt. Das Land ist traumatisiert von der Schlacht zwischen Armee und Polizei auf der einen, und mächtigen Drogenkartellen mit ihren paramilitärischen Einheiten auf der anderen Seite. Der "Krieg gegen die Drogen", wie Ex-Präsident Felipe Calderon sein Vorgehen gegen die Kartelle medienwirksam nannte, hat seit seinem Beginn 2006 mehr als 50.000 Todesopfer gefordert. 35.000 Polizisten und 50.000 Soldaten sind aktuell im Einsatz, ihnen gegenüber stehen Schätzungen zufolge 300.000 Angehörige der Drogenkartelle. Der "Krieg gegen die Drogen", das klang wie eine politische Idee, jetzt ist ein echter Krieg daraus geworden, er tobt in mehr als der Hälfte des Landes. "Drogenkrieg" nennen frustrierte Mexikaner die Schlacht vor ihrer Haustür, die immer schlimmer und blutiger wird und deren Ende nicht einmal ansatzweise in Sicht ist.

"Die töten jeden"

Politik, Justiz, Armee und Mafia, das sind die vier großen Mächte Mexikos - und sie arbeiten zusammen. Mexikos neuer Präsident Enrique Pena Nieta versprach, dieses Bündnis ein für alle Mal aufzulösen. "Wir werden nicht nachlassen, ohne Pause und ohne Pakt", rief er seinen Anhängern in der Nacht seines Wahlsieges zu, "wir sind eine neue Generation". Seine Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) war im letzten Jahrhundert sieben Jahrzehnte an der Macht, bevor sie vor zwölf Jahren aus dem Amt gejagt wurde – weil sie mit den Drogenkartellen unter einer Decke steckte und von deren Geschäften profitierte. Doch im Wahlkampf vermied Nieta es, wie alle seine Mitbewerber, die Bosse der Drogenkartelle anzusprechen. Den wirklichen Mächtigen in Mexiko öffentlich die Stirn bieten? Das wäre Selbstmord.

"Die Strategie müssen wir hinterfragen", sagen Aktivisten, die sich um Zigtausende Opfer des Krieges kümmert. Kinder ohne Eltern; Eltern, deren Kinder erschossen wurden von Banden oder von der Polizei. Seit die Armee vor sechs Jahren in die Schlacht zog, nahm die Gewalt immer weiter zu. Paramilitärische Gruppen auf Seiten der Drogendealer löschen ganze Straßenzüge aus, begehen Racheakte, töten Politiker und inszenieren die Morde öffentlich – wie Edgar, der die Leichen an die Brücke band. Es sind blutige Mahnmale, sie sagen: Kommt uns nicht in Quere. Doch auch die Staatsgewalt wurde immer blutrünstiger. In ihrer Jagd auf die Drogenkartelle verlieren sie oft die Nerven – Tausende Zivilisten gerieten so zwischen die Fronten und wurden im Kugelhagel der eigenen Polizei getötet. Wie viele es wirklich waren, weiß niemand genau. "Die kommen und töten jeden", sagen Aktivisten und Bürger über die eigene Polizei. "Im Nachhinein", so sei das üblich, "werden die toten Zivilisten dann einfach zu Drogendealern erklärt".

Brüger als "Rächer des Volkes"

Die Armee ist für Polizeiaufgaben nicht geeignet, ergab eine Studie der Human Rights Watch. Zu selten wird mit Einheimischen gesprochen, zu schnell ist der Finger auf dem Abzug. Doch missglückt sind nicht nur viele Aktionen auf Seiten Mexikos, auch die Verbündeten aus den USA machen im Drogenkrieg schwerwiegende Fehler. Einer davon beschäftigt derzeit einen Ausschuss im Repräsentantenhaus und hört auf den Namen "Fast and Furious". Unter diesem Deckmantel versteckt sich eine Operation, die die amerikanische Anti-Drogenbehörde mit ihren mexikanischen Kollegen ausheckte: Rund 2.000 Schusswaffen sollten im Süden der USA legal an bekannte Strohmänner verkauft werden. Da mexikanische Drogenbosse ihre Maschinengewehre am liebsten beim nördlichen Nachbarn kaufen, wollten die US-Behörden die Waffen auf ihrem Weg über Schmuggelrouten nach Mexiko überwachen – und dort bei einer koordinierten Aktion wieder aufgreifen. So wollte man zudem Zugriff auf lange vermutete Drogenbosse bekommen, gegen die man aber zu wenig in der Hand hat. Die Medien deckten jedoch auf, dass viele dieser Waffen nicht mehr aufgespürt werden konnten. Die Behörden verloren den "Köder" aus den Augen. Seither tauchen die Waffen immer wieder bei Morden und Schusswechseln auf – und die US-Ermittler müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mexikanische Drogenkartelle mit Waffen ausgerüstet zu haben.

Angesichts dieser Entwicklungen mag es kaum verwundern, dass mexikanische Bürger ihr Schicksal auf brutale Art selbst in die Hand nehmen. Immer öfter tauchen paramilitärische Gruppierungen auf, die ganze Straßenzüge brutal von den Drogenkartellen befreien. Sie kleben Zettel an die Exekutierten und lassen die Polizei wissen, dass sie "auf derselben Seite" kämpfen. Sie unterstützen in ihrer Auffassung den Staat, in YouTube-Videos geben sie sich als "Rächer des Volkes": "Wir entführen nicht, wir erpressen nicht", sagen die anonymen Krieger, die sich laut Polizei vor allem aus Ex-Kollegen und Militärs rekrutieren dürften, auch Söldner aus dem Ausland seien dabei und "ganz normale" Zivilisten. In einem durch und durch von Korruption zerfressenen Staat sehen viele Bürger in den mordenden Gruppierungen die letzte Hoffnung. Doch die Söldner-Truppen lassen sich immer wieder von einzelnen Kartellen einspannen, um konkurrierende Banden zu ermorden. Sogar die Polizei soll sie bezahlen, um besonders gefährliche Aufträge zu erfüllen. Wie verzweifelt die Lage in dem zerrissenen Land ist, zeigt sich, wenn die Polizei es mal wieder als Erfolg verkauft, wenn in manchen Städten nur noch ein Drogenkartell uneingeschränkt an der Macht ist. Wenn sich mehrere um die Vorherrschhaft streiten, sagen sie, gebe es doch nur noch mehr Gewalt.

SEBASTIAN KRAUSE

Hintergrund

Mexiko ist das wichtigste Durchgangsland der Region für den Schmuggel von Drogen von Südamerika in die USA und Kanada. Der Versuch, die zunehmende Macht der Drogenkartelle mit Gewalt zu brechen, hat einen Krieg ausgelöst, in dem seit Dezember 2006 weit mehr als 50 000 Menschen getötet wurden.

Vor allem ein unfähiges Justizsystem und Korruption haben dazu geführt, dass Gewaltverbrechen nicht aufgeklärt und schon gar nicht bestraft werden.

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Bild vergrößernDie Soldaten der Armee gönnen sich eine kurze PauseFoto © Reuters

Wahl

Zwölf Jahre nach dem Verlust der Macht kehrt die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) in Mexiko an die Regierung zurück. Ihr Kandidat Enrique Pena Nieto gewann am Sonntag klar die Präsidentenwahl und wird das bevölkerungsreichste spanischsprachige Land der Welt in den kommenden sechs Jahren als Nachfolger von Staatschef Felipe Calderon regieren.

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Bild vergrößernKokain-Verbrennung: Scheinbar unendliche Mengen an DrogenFoto © AP

Armut

Die sozialen Gegensätze in Mexiko sind gigantisch: In dem nordamerikanischen Land leben die reichsten Menschen der Welt, wie der Unternehmer Carlos Slim, aber auch Millionen Menschen, die zu den ärmsten der Welt gehören.

Dazu zählen vor allem die indigenen Völker, die über ganz Mexiko verteilt leben. Denn obwohl Mexiko makroökonomisch auf einem guten Weg ist, ist ihnen der Wohlstand nicht zugutegekommen.





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