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    Zuletzt aktualisiert: 18.04.2012 um 09:50 UhrKommentare

    Orwell am Hindukusch

    Während die Vorratsdatenspeicherung in Europa debattiert wird, wurde andernorts die orwellsche Vision bereits Realität: Iris-Scan, Fingerabdrücke, Biometrie - in Afghanistan ist der gläserne Mensch bereits Alltag. Dahinter steckt ein Experiment der Nato. Von Sebastian Krause.

    Afghanische Kinder: Beispiellose Datenbank als Ziel

    Foto © ReutersAfghanische Kinder: Beispiellose Datenbank als Ziel

    Eine Reise über den internationalen Flughafen von Kabul mag Aufregung genug sein. Afghanistan ist weit davon entfernt, ein Ort des Friedens zu sein, seit zehn Jahren herrscht nunmehr Krieg in dem Land, in dem auch in Friedenszeiten Gefechte zum Alltag gehören. Die Gewalt hat Spuren hinterlassen: Tausende Tote, Korruption und Armut – Afghanistan besetzt in vielen weltweiten Rankings einen traurigen Platz an der Spitze. Schleichend gesellte sich in den letzten zwei Jahren ein weiterer Spitzenplatz dazu: Das umkämpfte Land ist der vielleicht erste komplette Überwachungsstaat der Welt.

    Wer trotzdem in Kabul landet, erlebt eine Szenerie, die Datenschützern wie ein Albtraum vorkommen mag, direkt entsprungen aus George Orwells vielzitiertem Meisterwerk "1984". Als einziges Land der Welt erheben afghanische Behörden biometrische Daten jedes einzelnen Passagiers bei der Ein- und Ausreise am Flughafen Kabul – auch von Ausländern. Fingerabdrücke gehören zum Standard, eine einzigartige biometrische Datenbank soll mittlerweile mehr als zwei Millionen Menschen umfassen. Doch die Regierung ist noch nicht am Ziel: Als erstes Land der Welt will Afghanistan hochauflösende und digital erfasste Fotos, Fingerabdrücke und Iris-Scans jedes einzelnen Bürgers archivieren und miteinander verbinden. Schon heute werden die Daten genützt, um Bewerber für Militär und Polizei zu überprüfen und die Unterwanderung durch die Taliban zu verhindern.

    Auf dem Weg zum gläsernen Menschen

    Der Staat übernahm voller Stolz ein System, das das US-Militär 2010 ohne viel Aufsehen importierte. Mindestens 450.000 Menschen (laut Zahlen des US-Militärs) wurden binnen 18 Monaten von Soldaten gescannt, fotografiert und archiviert. "Mit Hilfe des Systems können wir leichter zwischen Feind und einfachem Bürger unterscheiden", hieß es vor zwei Jahren aus Armee-Kreisen. Praktisch jeder Kontakt mit den Einheimischen wurde genutzt, um an biometrische Daten von Fingerabdrücken bis zum Iris-Scan zu gelangen. Ein eigens entwickeltes, handliches Gerät, das "BAT" (Biomatric Automated Toolset), mit Kamera, Fingerabdruck- und Iris-Scanner gehört seither zur Standardausrüstung der Soldaten.

    Zwei Jahre später versucht sich die Nato am bislang vielleicht schwierigsten Manöver des Afghanistan-Krieges: dem erfolgreichen Truppenabzug. Vom Westen ausgebildete Militärs und die Polizei übernehmen Schritt für Schritt die Kontrolle über ein zerrissenes Land – und die biometrische Datenbank. Was als Experiment der westlichen Streitkräfte begann, um den Taliban Herr zu werden, ist nun ein Grundsatz im Sicherheitsverständnis eines Landes, das sich erst noch finden muss.

    Video der US-Armee: Biometrie-Erfassung in Afghanistan.

    Geradezu euphorisch spricht die afghanische Regierung über die biometrischen Daten: In Kürze sollen alle acht Grenzübergänge ebenfalls lückenlos die Daten aller Ein- und Ausreisenden erfassen. "Die Maske der Anonymität", wie Nato-Offizielle und afghanische Militärs sagen, "wird abgenommen". Wer damit ein Problem hat, darf nicht einreisen. "Botschaften, Fluglinien und Reisende sind nicht besonders glücklich mit dem System", gibt der Chef des Flughafens Kabul gegenüber der "New York Times" zu. Eine Wahl haben sie aber nicht mehr. Die USA weigern sich vehement, ein Interesse an der Datenerhebung im zivilen Afghanistan zuzugeben – es soll aussehen, als wären die Afghanen von selbst auf die Idee gekommen.

    Bis Ende des Jahres, so das ehrgeizige Ziel, soll jeder Bürger und jeder Besucher des Landes biometrisch erfasst sein. Der nächste Schritt ist eine Chip-Karte, die jeder Bürger erhalten soll – mit allen gespeicherten Informationen. Nur mit dieser dürfte dann der Zugang zu Flughäfen, Hotels, Hochsicherheitszonen und öffentlichen Einrichtungen möglich sein, fürchten Datenschützer.

    Angst vor einem "Testlauf"

    Bis es soweit ist, muss das afghanische Parlament noch die Zustimmung zur Ausweitung des Projekts erteilen – ein Formalakt, sagen Kenner des Landes. Dann ziehen Soldaten los, von Tür zu Tür, von Bürger zu Bürger, bis alle knapp 30 Millionen Einwohner des Landes digitalisiert wurden. Das US-Militär scannte bereits ganze Dörfer – ohne Zustimmung des Parlaments. Im Krieg gegen den Terror ist die Rechtfertigung selbsterklärend. Das System wurde laut den US-Streitkräften schnell zum Erfolg: Aufgrund von Fingerabdrücken konnten Bewegungen von Verdächtigen auch ins Ausland nachvollzogen werden, Attentäter wurden auf Kamerabildern identifiziert und mittels Fingerabrücken auf Bomben sollen Terroristen festgenommen worden sein.

    In den USA bildet sich indes erster Widerstand gegen das System. Afghanistan sei ein Testlauf, fürchten Bürgerrechtler und Datenschützer – das System könne irgendwann auch in der Heimat zum Einsatz kommen, schleichend, "ohne dass wir es wirklich merken". Bislang scannen die USA, Japan und Südkorea die Fingerabdrücke aller einreisenden Personen, Iris-Scans und eine vernetzte Foto-Datenbank gibt es jedoch nur in Afghanistan.

    "Die Menschen werden es akzeptieren, weil es ihr Land sicherer macht", sagte ein US-General über das umstrittene Projekt. In einem Afghanistan, das versucht, ein Jahrzehnt der Besetzung und des Krieges hinter sich zu lassen, mag das sogar stimmen.

    SEBASTIAN KRAUSE

    Foto

    Foto © Reuters

    Bild vergrößernSoldaten der afghanischen Armee: High-Tech als Waffe gegen die TalibanFoto © Reuters

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