Ziel speichern unter: Gefängnis
Kim Schmitz kommt nicht auf Kaution frei. Die Geschichte des Megaupload-Gründers, eine, in der es um Sex, Geld und Macht geht, löst im Internet Panik aus: Filesharing-Seiten drehen freiwillig ab – und User fürchten das Ende einer Ära. Von Sebastian Krause.

Foto © ReutersSchmitz: "Alles übertrieben"
20 Millionen Dollar ist es wert, das 24-Hektar-Anwesen, auf dem Kim Schmitz ein gutes Leben geführt haben dürfte, in den Hügeln von Auckland, Neuseeland. Seinen 38. Geburtstag verbringt der gebürtige Deutsche nach jahrelanger Flucht vor der Exekutive nun im Gefängnis. Ohne seinen Rolls Royce mit der Aufschrift "God", dem silbernen Cadillac und den anderen 18 Luxusautos in seiner Garage. Ohne seinen Helikopter, mit dem gerne mal eben zum Frühstück geflogen sein soll. Und vor allem: Ohne seine Frau und die drei Kinder. Die Geschichte vom Leben des Kim Schmitz ist eine, wie sie sonst nur Hollywood einfallen würde. Ein wahnsinniges Geschäftsgenie, dessen rasanter Aufstieg ein jähes Ende in seinem Saferoom fand, in dem er mit einer Pumpgun unter dem Arm auf das FBI wartete. Und es ist eine Geschichte, die Folgen für das Internet und viele seiner Nutzer haben kann.
175 Millionen Dollar soll der Mann, der sich mittlerweile Kim Dotcom nennt, verdient haben. In den Augen der US-Justiz und der Unterhaltungsindustrie hat er das Geld gestohlen, mit einer Idee, die er "Megaupload" taufte. Die Website war eine von vielen so genannten "One-Click-Hostern" – eine gigantische virtuelle Festplatte, auf der Nutzer Dateien hochladen können und sie anderen so zur Verfügung stellen. In der Praxis sollen das vor allem Filme und Musik gewesen sein. Illegales Filesharing also – und Kim soll nicht nur davon gewusst haben, er soll Förderer und Profiteur in Person sein.
Hosting-Seiten machen dicht
Seit das FBI das Haus des Deutschen stürmte und ihn aus seinem Panik-Raum befreite, geht die Angst um im Internet. Ähnliche Dienste wie etwa "Filesonic", "Uploaded.to" (Anm: Die Seite war zur Fertigstellung dieses Artikels offline, nunmehr werden Berichten zufolge IP-Adressen aus den USA geblockt) oder "Fileserve" gingen in den letzten Tagen teilweise komplett vom Netz, andere schränkten die Nutzung drastisch ein und erlauben nur noch das Sichern als persönliches Backup - ohne Datenaustausch. Bitter ist das auch für zahlreiche Firmen, die die Seiten zu legalen Zwecken nutzen und etwa große Dateien auf diese Art verschicken und speichern. Der Ära des freien Austauschs von Daten per Filehosting-Seiten könnte vor dem Ende stehen, befürchtet der große Teil der Internet-Gemeinde, für die Urheberrecht ein Schimpfwort ist. Den Usern der Tauschbörsen dürfte aber zumindest rechtlich nichts zustoßen: Eine Verfolgung der Millionen von Downloadern ist schier unmöglich und technisch kompliziert – die Hosting-Anbieter hätten dafür Nutzer-Daten auf ihren Servern speichern müssen, wofür es schlicht keinen Grund gibt. Die Geschäftsmodelle der Anbieter funktionieren anonym besser.
Weil die Filehoster keine Suchfunktionen anbieten, können diese den schwarzen Peter den Anwendern zuschieben, frei nach dem Motto: Wir bieten die Möglichkeit legaler Datensicherung – alles andere liegt im Verantwortungsbereich des Nutzers. Doch was ist, wenn etwa Megaupload User belohnt, die besonders begehrte Daten hochladen – etwa mit Premium-Konten, die mehr Bandbreite garantieren? An diesem Punkt will die Unterhaltungsindustrie ansetzen.
Denn darin lag der Clou von Megaupload: Schmitz verkaufte Usern Konten, die ihnen unbegrenzten Zugriff gewährten. Andere Nutzer mussten auf ihre Downloads eine knappe Minute warten und diese dann mit niedrigen Geschwindigkeiten ausführen.
Geld, Sex - und Autorennen
"Ich bin klüger als Bill Gates", hatte Kim Dotcom einst Journalisten auf die Frage nach seinem Geschäftsmodell geantwortet. Wahlweise durften sie ihn auch mit "Gott" ansprechen. Selbst in der virtuellen Welt des Internet zählt der Kieler zu den schillerndsten Figuren. Seinen exzessiven Lebensstil trug er stets wie protzige Eigenwerbung vor sich her, er feierte riesige Parties und zeigte sich stets mit schönen Frauen. Mehrmals fuhr Schmitz alias Dotcom beim illegalen Autorennen "Gumball 3000" mit, einer 3000-Meilen-Tour über drei Kontinente – in acht Tagen, auf der Autobahn. Er gewann das wahnwitzige Unterfangen sogar und stellte Videos seiner Flucht vor der Polizei auf YouTube - mit 250 km/h. 500.000 Pfund, sagte er dem Magazin "Vanity Fair", hätte er mit zwei Frauen gewettet, sollten sie vor ihm das Ziel durchqueren. Sollte er gewinnen, wolle er kein Geld. Er wolle lediglich mit ihnen ins Bett.
Kim blieb auch mit 38, was er schon in seiner Jugend war: Ein Draufgänger und Hochstapler, der Firmen kaufte und an die Wand fuhr, sich Hacker nannte und teure Freunde kaufte. Als er vor knapp zehn Jahren Deutschland verließ, weil auch dort die Polizei auf seine zwielichtigen Geschäfte aufmerksam geworden war, kündigte er seinen Selbstmord an. Live und im Internet, doch dann kam ihm die Idee: Megaupload sollte sein großer Wurf werden, auch wenn das Konzept einer Hosting-Seite zum Gründungsdatum alles war – nur nicht neu. Doch in einem Werbevideo für Megaupload tauchten die Rapper Kanye West und P. Diddy nebst anderen Stars wie Alicia Keys auf, Dotcom wusste sich zu vermarkten. Musiker, die für eine angeblich illegale Download-Plattform werben? Nicht alles an der Hosting-Seite war für die Künstler schlecht: Viele nutzten das Service, posteten Links zu ihren Songs und Clips auf Webseiten und Blogs und verschafften sich so Bekanntheit, Fans – und in weiterer Folge auch Umsätze. Die Unterhaltungsindustrie dürfte sich dadurch noch zusätzlich provoziert gefühlt haben.
Die Geschichte des reichen Kim nahm nun ihr vorläufiges Ende. Zusammen mit drei Mitarbeitern muss er weiter in Neuseeland im Gefängnis sitzen – ein Antrag auf Kaution wurde am Dienstag abgelehnt. 500 Millionen Euro Schaden soll er durch die kopierten Dateien auf seiner Seite verursacht haben, es wäre der größte Fall von Urheberrechtsverletzung in der Geschichte der USA. "Völlig übertrieben", sagt Schmitz. Ein Richter wird entscheiden müssen, wie viel er wusste, was er förderte - und was legal ist. Wenn Kim Schmitz sich nicht gerade Dotcom nannte, benutzte er gerne den Namen "Kimble", angelehnt an Harrison Ford in "Auf der Flucht". Der war am Ende unschuldig, das ist vielleicht der Unterschied zu Hollywood.
Features
Rache
Anonymous hatte bereits kurz nach Bekanntwerden der Sperrung von Megaupload am Donnerstag in den USA Rache geübt: Die Hacker legten die Internetauftritte des US-Justizministeriums, des Konzerns Universal Music sowie des Verbandes der US-Musikindustrie für mehrere Stunden lahm.
Meinung
"Das ist wie bei einer Hydra", sagt der Urheberrechtsexperte der deutschen Piratenpartei, Andreas Popp. "Schlägt man ihr einen Kopf ab, wachsen sofort andere nach." Die Razzia vom Freitag gegen Megaupload werde nur dazu führen, dass sich die Nutzer andere Wege suchten.
"Das Internet interpretiert Zensur als Fehler und routet darum herum, sucht sich also neue Wege. Das hat man erst bei Napster gesehen, dann bei Kazaa und später bei Pirate Bay."






