Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
27. Mai 2012 02:18 Uhr | Als Startseite
Neu registrieren 332937 Mitglieder | 45 online
Boom-Tschak mit Vielfalt Die Opferumkehr des H.C. Strache Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Sebastian Krause Nächster Artikel Boom-Tschak mit Vielfalt Die Opferumkehr des H.C. Strache
Zuletzt aktualisiert: 02.01.2012 um 12:19 UhrKommentare

Smart Wars

Es herrscht Krieg am Handysektor. Apple gegen Samsung, Google gegen Oracle, jeder gegen jeden. Es geht um teils aberwitzige Patente, um den Hass von Steve Jobs und es geht um Milliarden. Am Ende draufzahlen wird der Kunde. Von Sebastian Krause.

Foto © kk

Als es ihr zuviel wurde, riss die Richterin einfach die Arme in die Höhe. In der einen Hand Apples iPad, in der anderen die koreanische Konkurrenz von Samsung, das Galaxy Tab 10.1. Es war sofort still im Gerichtsaal. "Welches ist ihr Produkt?", fragte sie die Anwälte des asiatischen Technik-Riesen. Sie konnten es nicht auf Anhieb sagen.
Die Szene aus einem amerikanischen Gerichtsaal ist bezeichnend für den absurden Krieg zwischen Apple und Samsung, Oracle und Google, Motorola und Nokia. Es geht um Patente, um Milliarden, um Vormachtstellung und teilweise absurde Kleinigkeiten. Es herrscht Krieg in der Branche.

Alles begann mit einem Fingerzeig. Um Apples iPhone zu entriegeln, bedarf es einer simplen Geste, einem Wisch von links nach rechts. So einfach, so grandios. Samsung übernahm das Feature für seine Smartphones, jedoch schiebt man keinen Button, man zieht ihn im Zick-Zack-Kurs. Zumindest Anwählte sehen das so. Überall auf der Welt befassen sich Gerichte mit diesen Fragen, verhängen Verkaufsverbote und heben sie in nächster Instanz wieder auf. Apple patentierte beim iPad selbst die rechteckige Form und die abgerundeten Ecken, gar vom "Gefühl" des Benutzens ist die Rede. Die Prozesse kosten Millionen und sie stellen doch alle dieselbe Frage: Wo liegt die Grenze zwischen Inspiration und Kopie?

"Android", sagte der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs in seiner Biographie über Googles Betriebssystem, "ist ein gestohlenes Produkt. Mein Ziel ist, es zu vernichten". Jobs wollte Krieg, er erlebt ihn nicht mehr mit. Fast jeder hat mittlerweile jeden geklagt, mal wegen E-Mail-Funktionen, mal wegen Antennen, mal wegen einem Smiley in einer SMS. Doch warum das alles?

Jeder gegen jeden

Die Welt der Patente ist ein gigantischer, zwielichtiger Marktplatz, auf dem es nicht gerade höflich zugeht. Es wird gefeilscht, betrogen und geklaut. Rund 250.000 angemeldete Patente gibt es laut Experten auf alleine auf dem umkämpften Sektor der Handys und Tablets. Wer ein Handy bauen will, muss hunderte solcher Patente erwerben - und wer viele davon besitzt, verdient mit. In der Regel treffen die Hersteller vertrauliche Lizenzabkommen, doch in den letzten Jahren verschärfte sich die Marktsituation dramatisch. Um dem enormen Preisdruck standhalten zu können, "übersehen" manche Hersteller die Abgaben - bis es schließlich zum Gerichtsverfahren kommt. Firmen wie HTC, die selbst wenige Patente halten, werden so unter Druck gesetzt. Die Großen teilen sich den Kuchen unter sich auf - doch selbst Google gehört nicht zu den Patentriesen.

Binnen kürzester Zeit wurde der Suchmaschinen-Riese zum Marktführer auf dem Handysektor - dem Betriebssystem "Android" sei Dank, welches Google andere Herstellern zur Verfügung stellt. Der Marktanteil liegt bereits bei über 50 Prozent, pro Tag kommen rund 700.000 Neuanmeldungen von Android-Geräten dazu. Das Problem dabei: Google nutzt Technologien anderer Hersteller - die Rechte kümmerten bislang niemanden.

Eine Einigung im Patentstreit gibt es bislang nur mit Microsoft: Da Google zahlreiche Patente des Software-Riesen nutzt, landen pro verkauftem Android-Gerät laut Experten fünf bis zwanzig Dollar auf dem Konto von Microsoft - für Google ein beträchtlicher Teil der Gewinnspanne, für Microsoft ein Milliardengeschäft frei Haus. Laut Experten kostet die Lizenz für das hauseigene Betriebssystem "Windows Phone 7" vergleichbar viel. Es dürfte den Redmondern also egal sein, ob ein Handy mit Android oder Windows verkauft wird - der Gewinn ist sicher. Als einer der größten Streitfälle gilt der Gerichtsprozess gegen Oracle: Der Erfinder der Programmiersprache Java klagt Google, da der Großteil der Android-Apps in dieser Sprache geschrieben werden. Mehr als zehn Milliarden Apps wurden bislang heruntergeladen - Google verdient an jedem kostenpflichtigen Download mit, zahlt aber keinen Cent an Oracle.

Krieg der Partner

Zwei andere Weltkonzere liefern sich derzeit einen Krieg an mehreren Fronten. Apple und Samsung streiten sich vor Gerichten in den USA, in Deutschland, den Niederlanden, halb Asien und Australien. Es geht um Verkaufsverbote, wie im September in Deutschland, als ein Gericht die Einfuhr des Galaxy Tab 10.1 verbot – ein "Geschmacksmuster" sei verletzt worden. Die Zeichnung, die Apple-Anwälte dem Gericht vorführten, zeigte einen rechteckigen "Taschencomputer". Flach, abgerundet, mit großem Display – die Uhrmutter des iPad soll nun mit der Hilfe der Justiz den Markt für Apple sichern. Samsung ging, natürlich, in Berufung. Seither werden die marginalen Unterschiede des koreanischen Tablets weltweit immer und immer wieder gerichtlich herausgearbeitet, Verbote aufgehoben und neue verhängt. Apple will die Einfachheit, den schlichten Look seiner Geräte, schützen. Sie suggeriert technisch unbedarften Menschen Unkompliziertheit – etwas, was sie mit Computern nicht in Verbindung bringen. Genau dieses Gefühl ist Milliarden wert. Jedes Mal, wenn ein Richter die Geräte der beiden Hersteller in Luft hält und eine Unterscheidung nicht möglich ist, rückt Apple diesem Ziel ein Stückchen näher.

Dass Apple und Samsung eigentlich Parnter sind, kümmert im Rausch der Patentkriege niemanden mehr. Die Koreaner sind und die Amerikaner sind aufeinander angewiesen, Samsung baut Displays für iPhone und iPad. Sogar bei der Produktion des Herzstücks der Geräte, des Prozessors, setzt Apple auf die Expertise der Koreaner. Apple ist einer von Samsungs größten Kunden, ein todsicheres Milliardengeschäft für beide Seiten.

Der Kunde zahlt die Rechnung

Der Krieg der Patente verschlingt enorme Kosten – die am Ende die Kunden tragen werden. Noch stellt Google sein Betriebssystem Android meist kostenlos für Hersteller zur Verfügung, doch das dürfte sich ändern, sollte der Konzern weitere Klagen verlieren und immer höhere Lizenzabgaben (wie etwa an Microsoft) zahlen müssen. Prozess- und Lizenzkosten auf die Kunden abzuwälzen dürfte vor allem für kleinere Hersteller der einzige Ausweg sein. Das 99-Euro-Handy sieht damit einer ungewissen Zukunft entgegen, immer weiter fallender Produktionskosten zum Trotz.

Ein Ende der Klagen, der wohl logischste Ausweg, ist nicht in Sicht. Vor allem Apple dürfte weiterhin die Gerichte bemühen, zu tief sitzt auch nach dem Tode Steve Jobs dessen prinzipielle Kriegserklärung gegen Googles Android. Da wird auch der Appell eines anderen US-Richters nichts nützen. Müde ob der ständigen Gegenklagen forderte er Samsung und Apple zu Lizenzverhandlungen auf: "Vertragt euch doch einfach wieder".

SEBASTIAN KRAUSE

Überblick

Der im Herbst verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs hatte den Patent-Feldzug gegen Hersteller von Android-Geräten losgetreten.

Laut einer kürzlich erschienenen Biografie betrachtete er Android als ein von Apples iPhone-Software abgekupfertes Betriebssystem. Mit Gegenklagen der Rivalen kommt inzwischen aber auch Apple teilweise in Bedrängnis. Viele Klagen werden aktuell in Deutschland ausgefochten.

Google und Motola

Google könnte Anfang 2012 grünes Licht für den geplanten Kauf der Mobility-Sparte von Motorola aus Europa bekommen. Die EU-Kommission will bis zum 10. Jänner entscheiden, ob sie der Übernahme aus kartellrechtlichen Gründen zustimmt.

USA

Apple hat in dem Ideenklau-Streit mit Samsung in den USA einen herben Rückschlag erlitten. Dem iPhone- und iPad-Hersteller gelang es nicht, den Verkauf mehrerer Samsung-Geräte per einstweiliger Verfügung zu stoppen. Die kalifornische Richterin Lucy Koh sah keine ausreichende Grundlage für eine vorläufige Entscheidung. Die Berufung läuft.





Seitenübersicht

Zum Seitenanfang