Elf Junge müsst ihr sein
Sorgenkind, Musterschüler und Ausreißer: Die Fußball-Nachwuchsarbeit ist die Wurzel des Erfolgs. Ein Blick nach Italien, Deutschland und die Schweiz offenbart unterschiedliche Philosophien und Ergebnisse. Was der ÖFB von unseren Nachbarn lernen kann. Von Sebastian Krause und Thomas Huber.

Foto © APASchuhe schnüren für große Aufgaben: Das Problem Nachwuchs
Schweiz
Eines vorweg: Die Schweizer haben's nicht erfunden. Aber rechtzeitig ihre Fehler erkannt, eine Nachwuchs-Strategie entwickelt und konsequent durchgezogen. Das Produkt ist ein Europameistertitel der U17 im Jahr 2002, ein Weltmeistertitel der U17 im Jahr 2009 und ein Vize-Europameistertitel der U21 im Jahr 2011. Das Erfolgsprodukt ist kein Zufalls-, aber Nebenprodukt. Denn das primäre Ziel im Schweizer Fußball-Verband lautet: die Jungen bestmöglich für das A-Team auszubilden.
In der Schweiz, mit der Österreich größen- und ressourcentechnisch auf Augenhöhe sein muss, aber nicht ist, ticken die Uhren eben anders. Schneller. Präziser. Was der ÖFB anno 2011 langsam forcieren möchte, setzen die Eidgenossen bereits seit Anfang der Neunzigerjahre um. Drei Worte, ein Grundgerüst: Offensiv. Dynamisch. Zonenorientiert. In Österreich liest sich das so: "Wir wollen das Spiel bestimmen, in der gegnerischen Hälfte aktiv sein. Unsere Philosophie soll vom 'Siegen wollen' geprägt sein", umreißt Sportdirektor Willi Ruttensteiner das ÖFB-"Zukunftskonzept", rund 20 Jahre zu spät.
Eidgenössischer Erfolgsweg
Roy Hodgson hat 1992 in der Schweiz die neue Ära eingeläutet, eine Ära im Zeichen des Nachwuchses. Genau jener Roy Hodgson, den der ÖFB 2002 als Teamchef nicht wollte. Ein "Cordobaraner" bekam damals den Vorzug: Hans Krankl. In der Schweiz blieb kein Stein auf dem anderen, Lippenbekenntnissen folgten Taten. Hansruedi Hasler war es, der 1995 als Technischer Direktor begonnen hat, eine einheitliche Spiel-Philosophie und ein Basis-System im Verband zu etablieren – von den Kleinen bis zu den Großen. Die Jahrgangsteams werden seither von der U15 aufwärts fit gemacht für das A-Team – mit technischem und taktischem Training, Video-Analysen, Einzelgesprächen & Co. Das machte sich bezahlt: Von der Euro 2004 bis zur WM 2010, die Schweizer "Nati" war stets dabei. 2012 ist seit langem wieder Pause.
Schweizer Liga-Reform
Da sich die zweite Spielklasse als 16er-Liga (2003 eingeführt) nicht durchgesetzt hat, gibt's in der Schweiz ab 2012 zwei Zehner-Profiligen (Super League & Challenge League) und die neue überregionale "1. Liga Promotion", in der die U21-Teams der besten Profi-Klubs fixer Bestandteil sind.
Verband, Liga und Klubs bilden ein Team, ein permanenter Gedankenaustausch ist eine Selbverständlichkeit – ein wichtiger Eckpfeiler des eidgenössischen Erfolgsmodells. Die passende Liga-Struktur hat auch die Schweiz noch nicht gefunden. Aber sie probieren's zumindest, die Eidgenossen (siehe Factbox links). In Österreich wird derweilen weitergejammert und diskutiert, es werden Arbeitskreise gebildet, um dann doch beim Alten zu bleiben.
Drei regionale Ausbildungszentren betreibt der Schweizerische Fußball-Verband - Zentren, die inzwischen so gut wie obsolet geworden sind, wie SFV-Nachwuchschef Dany Ryser selbst zugibt. Denn mittlerweile haben sich die Nachwuchs-Strukturen auch in den meisten Klubs durchgesetzt. Ein Land, eine Philosophie. Das schwebt nun auch Österreich vor. Mit Marcel Koller an vorderster Front. Einem Schweizer.
Italien
Der Mann weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine große Fußballnation am Boden liegt. Er weiß es, weil er selbst daran schuld war. 1994 schoss Roberto Baggio im WM-Finale gegen Brasilien einen Ball über die Latte, der in Italien mitten ins Herz des Calcio traf. Der Fußball-Ästhet Baggio litt unter dem Fluch des vergebenen Elfmeters gegen Brasilien, tauchte nach seinem Karriere-Ende 2005 lange Zeit ab, widmete sich seiner Familia, Buddha und lebte auf einem abgeschiedenen Stück Land in Argentinien. Jetzt ist er wieder da, weil wieder Wehklagen über den italienischen Fußball zu hören waren. Baggio will das Leiden nach der verpatzten WM 2010 in Südafrika beenden, er will den Calcio wieder zu alter Größe führen. Baggio will seinen 17 Jahre alten Fehlschuss wieder gut machen.
Es ist kein leichtes Unterfangen für den größten Fußballer der 90er-Jahre, den die Tifosi einst liebten, weil sein aufbrausendes Temperament auch nicht von den italienischen Fußball-Zampanos auf den Trainerbänken zu bremsen war. Baggio soll sich als "Direttore del settore tecnico" um den italienischen Fußball kümmern, ihn revolutionieren und junge Spieler in die Mannschaften der großen Klubs bringen. Die Lage in Italien ist schlecht: Die Liga hat die zweitältesten Spieler Europas (nach Zypern und vor Spanien) und nur wenige Nachwuchsspieler schaffen es zu den Top-Klubs. Cesare Prandelli, Nationalcoach und wie Baggio ein Revolutionär, ist sich der schweren Aufgabe bewusst, die Nationalmannschaft, das Prunkstück der Fußballnation, zu erneuern: "Wir haben tausende große Talente – aber sie spielen nicht da, wo sie hingehören".
Umdenken, bitte
Hier kommt Baggio ins Spiel. Mit einem Netzwerk ehemaliger Größen soll er vor allem ein Umdenken auslösen. Paolo Maldini, Nachwuchschef des AC Milan, unterstützt ihn dabei ebenso wie der Jugendkoordinator des Verbands, Trainer-Legende Arrigo Sacchi und Schulsport-Chef Gigi Riva. Italien hat die Grundlagen, im Nachwuchsbereich führend zu sein, es fehlt jedoch an Struktur und Weitblick. Warum die Jugend fördern, wenn man auch mit alten Stars die Champions League gewinnen kann? Über 7.000 Fußballschulen gibt es in dem Land, die meisten operieren eigenständig, ohne Koordination des Verbandes. Baggio und seine Truppe alter Haudegen wollen das ändern.
Die großen Talente Italiens spielen oft bei zweitklassigen Vereinen. Sebastian Giovinco etwa kickt beim AC Parma im Mittelfeld, anstatt international Erfahrung zu sammeln. Leonardo Bonucci sitzt bei Juventus meist auf der Bank, nur wenigen bringen es wie Andrea Ranoccia bei Inter zum Stammplatz. Die Offensiv-Hoffnungen Mario Balotelli oder Giuseppe Rossi flüchteten gar ins Ausland – früher undenkbar in Italien. Squadra-Coach Prandelli will nun eine eigene U21-Mannschaft für Talente gründen, die bei ihren Stammvereinen zu wenig Spielzeit bekommen. Der Clou dabei: Das Team soll an der regulären Serie B teilnehmen. Roberto Baggio zeigt sich von der Idee begeistert. Wenn die Jungen regelmäßig spielen, führen sie Italien in eine neue Zukunft, sagte er bei Amtsantritt. Die Vergangenheit könnte dann vergessen sein. Auch der dunkle Fleck in seiner eigenen Historie.
Deutschland
Deutschlands Nachwuchsarbeit hat keinen klingenden Namen, keine englische Wortkreation, die für gute Presse sorgen soll. Sie heißt Matthias Sammer. Zwar löst der Name bei Defensiv-Taktikern wohlige Schauer aus, doch der ehemalige BVB-Spieler und –Trainer ist kein Mann der großen Worte. Nach dem blamablen Ausscheiden einer überalterten DFB-Auswahl bei der Euro 2000 lag auch die deutsche Fußballnation am Boden. Ähnlich wie Italien wurde ein Mann gesucht, der ein neues Konzept entwickeln und den Verband auf den Kopf stellen würde. Gefunden wurde Sammer und gefunden wurde auch der Weg zum Erfolg.
Als Sportdirektor des DFB legte Sammer allen deutschen Akademien und Fußballschulen ein einheitliches Konzept auf. Das Image des deutschen Fußballs als kämpferisch betont, aber spielerisch minderwertig, wurde durch neue Trainingskonzepte ausgemerzt. Nachwuchsarbeit in Deutschland ist das Spiel mit dem Ball – körperliches Spiel und Kraftraining rückten in den Hintergrund. Um eine technisch und spielerisch hochwertige Ausbildung zu garantieren, baute Sammer ein zweites Standbein des DFB auf: Die Trainerausbildung, in der besonderes Augenmerk auf Pädagogik im Umgang mit jungen Spielern gelegt wurde. Zudem schaffte Sammer, was heute als Vorzeigeprojekt gilt: Durch erschwingliche Beiträge in Fußballschulen und umfangreiche Förderungen konnte er die zugewanderten Talente ansprechen und vom Hinterhof auf den Rasen holen. Die Statistik weist Sammer als und den DFB als Meisterschüler aus: Spieler wie Thomas Müller, Mesut Özil, Sami Khedira, Mario Götze und junge Trainer wie Thomas Tuchel und Jürgen Klopp führen Deutschland in eine goldene Fußball-Ära.
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Österreichs Fußball
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Bild vergrößernDFB-"Nachwuchs-Macher" Matthias Sammer war auch als ÖFB-Teamchef im GesprächFoto © GEPA







