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Zuletzt aktualisiert: 03.01.2012 um 19:53 UhrKommentare

"Schnee spielt heile Welt vor"

Menschen sehnen sich nach Schneeflocken, weil sie uns Glücksmomente, Ruhe und ein Gefühl der Sicherheit geben, meint Psycho-analytiker Herwig Oberlerchner.

Foto © KK

An diesem Thema kommt man derzeit einfach nicht vorbei - ob in persönlichen Gesprächen oder auf Facebook ist es omnipräsent. "Wo ist der versprochene Schnee?", "Yay, heute Nacht kommt Schnee" oder "Endlich die ersten Flocken" wird da in die reale und virtuelle Welt geworfen. Die Sehnsucht und das Lechzen nach Schneefall führen so weit, dass sogar wenige Flocken euphorisch begrüßt werden. Positive Erinnerungen, die wir mit Schnee verbinden, sind ein Grund dafür, meint Herwig Oberlerchner, Psychoanalytiker und Psychatrie-Primar im Klinikum Klagenfurt.

Was ist so schön am Schnee, dass ihn sich viele Menschen richtiggehend herbeisehnen?

HERWIG OBERLERCHNER : Schneefall löst intensive Erinnerungen aus, die sehr positiv besetzt sind - wir denken an Weihnachten, Geschenke, Romantik, Gemütlichkeit. Kindheitserinnerungen spielen eine große Rolle, wenn es um einen emotionalen Bezug zu gewissen Themen geht.

Deshalb auch die Aufregung, wenn es Neuschnee gibt?

OBERLERCHNER: Weil es nicht alltäglich ist und Schneeflocken etwas Zauberhaftes für uns haben. Wunderschöne Kristallformationen, die vom Himmel fallen, und die man anfassen kann - das sorgt für Glücksmomente. Ich erinnere mich gerne an Sprünge vom Dach in den frischen Schnee oder den Schulbus, der nicht planmäßig fahren konnte.

Dabei ist Schnee im Alltag eher lästig. Probleme beim Autofahren, brauner Matsch, nasse Füße.

OBERLERCHNER: Aber bevor es dazu kommt, hat Schnee etwas Reinigendes für uns. Das grau des Alltags wird weggewaschen. Diese Momente, wo es auch auf Straßen noch unberührt weiß ist, faszinieren uns. Da ist dann dieser Zauber, der die Welt verändert und dem man sich schwer entziehen kann, weil Bäume, Häuser und Menschen anders ausschauen.

Schnee hat also etwas Entschleunigendes für uns?

OBERLERCHNER: Vor allem auch weil Schneeflocken Schall dämpfen und viele Schallquellen wegfallen. Alles wird ruhiger, wir bekommen Zeit zum Innehalten und nehmen die Umwelt in diesen Momenten viel intensiver und bewusster wahr.

Und fällt kein Schnee, helfen wir, nicht nur in Schigebieten nach. Sogar in Stadtparks werden Schneekanonen aufgestellt.

OBERLECHNER: Oder Schnee wird mit Lkw tonnenweise herangekarrt. Und schauen sich die Hütten am Christkindlmarkt an - die sind alle mit weißem Filz bedeckt. Es wird versucht, eine Assoziation herzustellen.

Viel hat das aber nicht mehr mit Winter zu tun.

OBERLERCHNER: Deshalb ist die Sehnsucht nach Schnee so groß. Das gibt uns ein Gefühl der Sicherheit und lässt uns an eine heile und intakte Welt glauben. Unter dem Motto: Solange es schneit, kann das mit dem Klimawandel gar nicht so schlimm sein. Schaut man sich aber manche Schigebiete an - weiße Bänder im grünen Wald, die es oft gibt - ist das eine Pseudo-Beruhigung.

WOLFGANG FERCHER

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Psychiatrie-Primar Herwig OberlerchnerFoto © KK

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