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Zuletzt aktualisiert: 23.07.2011 um 23:03 Uhr

"Alle müssen sterben"

"Die Leute weinten, zitterten, waren völlig verängstigt. Und sie waren so jung, zwischen 14 und 19 Jahre alt" - erschütternde Berichte über den Überlebenskampf auf der Ferieninsel Utöya.

Teenager schwammen um ihr Leben

Foto © ReutersTeenager schwammen um ihr Leben

Er war so nah, dass ich ihn atmen hören konnte und die Schritte seiner Stiefel hörte." Der 21 Jahre alte Norweger versucht in Worte zu fassen, was unfassbar ist und bleiben wird. Der junge Mann entkam dem Massaker auf der norwegischen Insel Utøya nur deshalb, weil er sich unter einem Berg von Leichen verstecken konnte. Eine andere Augenzeugin, von Rettern in warme Decken gehüllt, ringt mit tränenerstickter Stimme ebenfalls nach Worten. "Einige Jugendliche sind auf ihrer Flucht gestolpert und auf Steinen liegen geblieben. Ihnen hat er kaltblütig in den Kopf geschossen."

Rund 600 Jugendliche - viele von ihnen mit Migrationshintergrund - waren auf die idyllische, mit Kiefern bewachsene Insel gekommen, um dort einige unbeschwerte Wochen in einem Sommercamp zu verbringen. Das Eiland nahe Oslo gehört seit den fünfziger Jahren der sozialdemokratischen Arbeiterpartei AUF; "das Paradies meiner Jugend", wie der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg die nur 500 Meter lange Insel nennt.

Die Hölle

Am Freitagnachmittag verwandelt der 32 Jahre alte Anders Behring Breivik durch seinen teuflischen, skrupellosen, offenbar bis ins kleinste Detail geplanten Massenmord das Paradies in eine Hölle, aus der es für fast 100 Jugendliche kein Entkommen gibt. Nach dem verheerenden Bombenanschlag in der Innenstadt von Oslo steigt der Norweger offenbar seelenruhig in seinen silbergrauen Lieferwagen und fährt zur rund 40 Kilometer entfernten Insel. Breivik ist als Polizist verkleidet, trägt eine schusssichere Weste, hat mindestens zwei Waffen (ein Automatikgewehr und eine Pistole) bei sich. Zeugen werden später berichten, dass der Amokläufer auch eine Tasche voll Munition und weiteren Waffen bei sich hatte. Sogar an einen (gefälschten) Ausweis dachte der 32-Jährige. Diesen zeigt er einem ahnungslosen Wachmann, dann setzt er mit einem Boot auf die Insel über.

Das Massaker

Kaltblütig und erbarmungslos wie eine Figur aus einem seiner geliebten Internetspiele, so geht Breivik vor. Auf der Insel gelandet, ruft der 32-Jährige die Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren zu sich, um sie angeblich über den Bombenanschlag in Oslo zu informieren. "Kommt zu mir, ich habe wichtige Informationen für euch. Kommt zu mir, es besteht keine Gefahr." Dann eröffnet er das Feuer auf die Menge. Zunächst wortlos, dann beginnt der 1,90 Meter große, blonde Norweger zu brüllen: "Ich bringe euch alle um. Alle müssen sterben. Alle!"

Schock, ungläubiges Entsetzen, Todesangst. Unter den Jugendlichen bricht Chaos aus. Breivik feuert immer wieder in die Menschenmenge, tödlich getroffen brechen Dutzende junge Menschen an Ort und Stelle zusammen. Breivik, seine halbautomatische Waffe im Anschlag, funktioniert wie eine Maschine, wie ein Roboter des Todes. "Alle müssen sterben!" Leichenberge türmen sich auf, Überlebende verstecken sich darunter. Spüren den Atem des Massenmörders, hören die Schritte seiner schweren Stiefel, stellen sich tot, bangen um ihr Leben. "Der Typ hat ausgesehen wie in einem Nazi-Film", wird später eine Augenzeugin erzählen.

Die Kopfschüsse

Keine Gnade, Anders Behring Breivik kennt keine Gnade. Nach den Schüssen in die Menge eröffnet er die Jagd auf die Flüchtenden. Fotos zeigen, wie er am Boden liegende Jugendliche durch gezielte Kopfschüsse hinrichtet. Viele versuchen, sich schwimmend ans rund 700 Meter entfernte Ufer zu retten. Auch ihnen schießt Breivik hinterher. "Alle müssen sterben, ich bringe euch alle um. . ." Breivik durchkämmt die Insel nach weiteren Opfern. Sieht, findet - drückt ab. Marschiert weiter, brüllt, schießt.

Rund um die Insel spielen sich dramatische Szenen ab. Um ihr Leben kämpfende Jugendliche, die sich schwimmend ans Ufer retten wollten, werden von Rettungsbooten geborgen. Einer der Retter ist der 52-jährige Kasper Ilaug, der mit seinem privaten Fischerboot Dutzende Flüchtende in Sicherheit bringt. Ein Freund hatte den Computerexperten alarmiert. "Er sagte mir, dass ich sofort auf die Insel muss, weil dort etwas Schreckliches passiert sei." Ilaug glaubt zunächst an einen Scherz, sieht dann aber Hubschrauber über der Insel kreisen und stößt bald auf winkende Jugendliche, die verzweifelt um Hilfe rufen. Der Retter bringt so viele Menschen an Bord, wie er unterbringen kann, ohne zu kentern. Er sieht auch Jugendliche, die hinter Felsen liegen und nicht auf seine Zurufe reagieren. "Zuerst habe ich geglaubt, dass sie unter Schock stehen. Erst später habe ich realisiert, dass sie alle tot waren."

Die Festnahme

Auch die 42-jährige Anita Lien, die nur wenige Hundert Meter von der Insel entfernt lebt, wurde Augenzeugin der apokalyptischen Szenen. "Ich sah, wie rund 50 Menschen ins Wasser sprangen. Die Leute weinten, zitterten, waren völlig verängstigt. Und sie waren so jung!"

45 Minuten. 45 blutige, albtraumhafte Minuten. So lange hat Anders Behring Breivik Zeit, um seine "Mission", die vermutlich in kruden, religiös-politischen Motiven wurzelt, zu erfüllen. 45 lange Minuten. Erst dann erreicht eine Spezialeinheit der Polizei die Insel und kann den Amokläufer mittels Tränengas außer Gefecht setzen. Die vorläufige Opferbilanz geht von 94 Toten aus, mehrere Jugendliche schweben aber noch in Lebensgefahr. Norwegische Agenturen berichten, dass nach seiner Festnahme auch Sprengstoff auf der Insel gefunden wurde. Offenbar hatte der Attentäter vor, sämtliche Menschenleben auf Utøya auszulöschen. Auch von einem zweiten Täter, einem Komplizen, ist die Rede. Davon berichten übereinstimmend mehrere Überlebende. Offizielle Bestätigung gibt es dafür aber noch keine.

BERND MELICHAR

Breiviks Bluttat

Am 22. Juli 2011 tötete der rechtsradikale Norweger Anders Behring Breivik bei einem Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel und einem anschließenden Massaker auf der Insel Utöya insgesamt 77 Menschen.

 

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