Herta Müller - Eine kleine Zeitreise in den Kommunismus
Weltberühmt für eine Woche: In ihrem rumänischen Heimatort Nitzkydorf ist Literaturnobelpreisträgerin Herta Mülle kaum bekannt.

Foto © ReutersHerta Müller
Es dauerte nur eine Woche im Oktober, bis der träge Frieden im westrumänischen Ort Nitzkydorf wieder eingekehrt war. Doch während dieser Zeit stand es zum ersten Mal in seiner Geschichte in grellem Scheinwerferlicht. Denn einem seiner Kinder, der Autorin Herta Müller, war der Literaturnobelpreis zugesprochen worden.
Der Trip von Bukarest zur 1600-Seelen-Gemeinde ist mühselig. Da die Minibusse rar und die rumänischen Straßen katastrophal sind, ist man gut beraten, den Zug zu nehmen. Nach etwa neun Stunden gelangt man in eine der größten Städte Rumäniens: Timisoara, wo im Dezember 1989 die Revolution begann. Die letzten 30 Kilometer nach Nitzkydorf kommen einer kleinen Zeitreise in den Kommunismus gleich. Mihai, der 28-jährige Minibusfahrer, gibt redselig zu: "Ich weiß nicht genau, wer Herta Müller ist. Eine Autorin oder so was. Egal, der Preis lässt uns Rumänien gut dastehen."
Im Bus sitzt auch die Lehrerin Minodora Tanasache mit sieben ihrer Schüler. Sie ist überzeugt, Nitzkydorf sei dank Herta Müller schon jetzt ein historischer Ort. Die rumänische Literaturszene bedauere sie aber: "Es werden immer nur diejenigen Rumänen berühmt, die das Land verlassen haben." Bezeichnenderweise waren drei der vier rumänischen Nobelpreisgewinner Auswanderer: Emil Palade erhielt den Preis 1974 für Medizin und war in den USA. Dasselbe gilt für den überzeugten Zionisten Elie Wiesel, der 1988 den Friedensnobelpreis erhielt. Und Herta Müller lebt seit 22 Jahren in Deutschland. Nur Ioan Moraru (Friedensnobelpreis 1985) lebte tatsächlich in Rumänien, aber das Ceausescu-Regime ließ ihn nicht ausreisen. Der Mediziner starb 1989, zwei Tage, bevor Nicolae Ceausescu gestürzt wurde.
Ehrungen und Wehrungen
Hatte Nitzkydorf 1977 noch 1131 deutsche Einwohner, leben hier heute nur noch 19. Auf den ersten Metern erscheint es wie ausgestorben, doch schnell stößt man auf herausgeputzte Kirchgänger.
Sie wissen den Weg zum Rathaus. Ioan Mascovescu ist Sozialdemokrat und sehr stolz, dass er einem nun weltberühmten Dorf vorsteht. "Wir wollen Herta Müller den Titel der Ehrenbürgerin verleihen. Außerdem wollen wir Deutsch in unserer Schule wiederbeleben", sagt der Bürgermeister. Doch Herta Müller verwehrt sich strikt dagegen, mit etwas anderem als ihrer Literatur in Verbindung gebracht zu werden. 2005 wollte man die Dorfschule nach ihr benennen: Sie legte ihr Veto ein.
Müllers Schulfreund Anton Kohl ist einer der wenigen, die sich noch lebhaft an die junge Herta erinnern: "Sie war ein Genie, extrem korrekt und intelligent. Sie hatte die besten Noten und kämpfte schon immer gegen den Kommunismus", sagt er. Aber abgesehen von Ausnahmen kennt in Nitzkydorf niemand die Frau, die mit der bedeutendsten Literaturauszeichnung der Welt geehrt wurde.
Neid
Im ganzen Land war sie kaum bekannt. So überrascht es nicht, dass keiner der so genannten großen Autoren Rumäniens Müller gratulierte. Der Neid und auch die Tatsache, dass sie die Korruption anprangerte, machte ihr kaum Freunde. Sie lenkte die Aufmerksamkeit stets darauf, dass ehemalige Kommunisten - darunter auch Autoren - heute immer noch Schlüsselpositionen besäßen.
Von Müllers Werken "Herztier" und "Der König verneigt sich und tötet" wurden in Rumänien jeweils nur 2000 Exemplare in Umlauf gebracht. Nur wenige Tage vor der Preisvergabe wurden ihre Romane noch verscherbelt - für 4,9 rumänische Lei, 1,10 Euro. Einen Tag nach der Nobelpreis-Sensation aber waren sie ausverkauft und wurden neu aufgelegt - zum achtfachen Preis. Buchhändler Mihai Ionescu aus der Kleinstadt Pitesti hat die Kunden beobachtet: "Die meisten haben ihre Bücher nur wegen des Nobelpreises gekauft. Herta Müller ist jetzt in Rumänien groß in Mode."
Features
Fakten
Herta Müller: Lesung am 13. Jänner, 20 Uhr, im Literaturhaus Graz. Karten: Tel. 0676 67 101 66









