Missbrauch: Weitere Opfer klagen an
Nachdem ein Ex-Zögling des Landesjugendheims Görtschach sein Schweigen gebrochen hatte, meldeten sich weitere Opfer. Auch sie kannten die Ketten.

Foto © Repro: Odebrecht"Ich war nie ein Kind, ich war Zögling Nr. 44"
Ein 62-jähriger Künstler hat erstmals in der Kleinen Zeitung darüber gesprochen, dass er als Zögling in den 1950er- und 60er-Jahren im Landesjugendheim Görtschach wie ein Tier angekettet und anschließend auf abartigste Weise sexuell missbraucht worden ist. Jahrelang wurde er geschändet, gedemütigt und gequält. Vom Stallknecht, vom Pfarrer, von Erziehern und deren Freunden und von Kinderarzt Franz Wurst.
Am Freitag haben sich weitere Betroffene beim Opferschutzverein "Weisser Ring" gemeldet. "Sie haben alles bestätigt", sagt Opferschützerin Renate Mosser. "Sie wussten auch über die Ketten Bescheid." Diese ehemaligen Heimkinder wollen jedoch völlig anonym bleiben. Mosser: "Sie haben gesagt, dass sie nicht mehr in der Vergangenheit rühren wollen."
Bei der Kleinen Zeitung hat sich ein Ex-Zögling gemeldet, der zwar von der Brutalität des Stallknechtes wusste, nichts aber davon, dass im Stall Kinder angekettet wurden. "Das kann ich nicht glauben", sagt er. "Sicher, es waren keine guten Zeiten dort und die Schilderungen sind richtig - aber das, nein. Das hätte man doch im Schlafsaal erfahren!" Allerdings: Als der betroffene Künstler im Heim war (von 1957 bis 1965), lebten dort bis zu 300 Kinder.
Christine Gaschler-Andreasch, Leiterin der Landes-Jugendwohlfahrt, ist derzeit dabei den Fall des 62-Jährigen hinsichtlich einer finanziellen Entschädigung zu prüfen. Von der Kirche wurde er bereits entschädigt. In wenigen Tagen soll der Akt über seinen Heimaufenthalt komplett sein, dann soll der Künstler ihn auch ausgehändigt bekommen. Für ihn wäre dieser Schritt sehr wichtig. Renate Mosser: "Nur wenn er Einblick in seinen Akt hat, hat er die Chance seine traumatische Vergangenheit zu verarbeiten - wenn man das überhaupt verarbeiten kann."
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Warum Betroffene erst jetzt reden
Missbrauchsopfer waren lange Zeit zum Schweigen verdammt. Bis vor 20 Jahren hätte man ihnen auch nicht geglaubt. Bis 1975 war es nur bedingt strafbar, wenn ein Mann seine Frau schlägt. Und wenn ein Vater sein Kind geschlagen hat, wurde ihm nur Lieblosigkeit vorgeworfen. "Weil man das alles wusste, haben Missbrauchsopfer nichts gesagt, alles wurde verdrängt. Still haben sie ihr Leid ertragen", sagt Renate Mosser (Weisser Ring). "Viele wurden mit ihren Erlebnissen nicht fertig und haben Selbstmord verübt." Erst jetzt, wo die Gesellschaft bereit ist zuzuhören, reden die Opfer.







