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Zuletzt aktualisiert: 23.10.2011 um 07:35 UhrKommentare

Das Martyrium eines Kindes

Nach den Missbrauchsfällen im Kinderheim der Stadt Wien am Wilhelminenberg kommt jetzt eine tragische Geschichte aus dem evangelischen Kinderheim "Herrnhilf" in Treffen ans Licht. Ein Oberkärntner wurde in den 1960ern vom Erzieher missbraucht.

"Immer, wenn ich mich daran erinnere, war es, als ob sich in mir etwas auseinanderzieht." Für das Oberkärntner Missbrauchsopfer war "Herrnhilf" ein Albtraum

Foto © Fotolia/Igor Stepovik "Immer, wenn ich mich daran erinnere, war es, als ob sich in mir etwas auseinanderzieht." Für das Oberkärntner Missbrauchsopfer war "Herrnhilf" ein Albtraum

Er kann sich noch genau erinnern. Wo sein Zimmer war, wo sein Bett stand, wie er plötzlich in der Nacht munter wurde. Und wie er jedes Mal erschrocken darüber war, dass "Onkel Otto*", sein Heimerzieher, mit Perücke und Stirnband in seinem Bett kniete. "Onkel Otto hat für mich ausgesehen wie ein Indianer. Er hat mit meinen Genitalien gespielt und dabei kein Wort gesagt. Das ging oft über Tage, Nacht für Nacht."

Helmut K.* war zwei Jahre lang im Kinderheim "Herrnhilf" in Treffen. Im Alter von acht bis zehn Jahren wurde der Oberkärntner regelmäßig Opfer von sexuellem Missbrauch durch den Erzieher - seine einzige Bezugsperson. "Meine ganze Kindheit lang war ich auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit. Weder im Heim noch zu Hause habe ich das finden können", sagt Helmut. Er war als lediges Kind bei seiner Großmutter aufgewachsen, die es oft mit der Strenge übertrieb: "Ich habe mich zu Hause nicht wohlgefühlt, bin oft weggelaufen, oder kam von der Schule nicht heim. Die Oma hat mich dann deswegen hinterm Haus mit Ketten angehängt." Als Helmut einmal ein Abszess am Kopf entwickelte, war sich seine Großmutter sicher, dass sich darin "das Böse" versteckte. Angesichts dieser Behandlung wenig erstaunlich, dass Helmut Widerstand leistete. "Ich wurde bockig." Die Großmutter wusste nicht mehr weiter und schickte ihren Enkel nach Klagenfurt zu einem damals führenden Kinderpsychologen.

Ausgerechnet zu Franz Wurst. Der ehemalige Primar der heilpädagogischen Abteilung am Landeskrankenhaus Klagenfurt galt als Koryphäe im Umgang mit Kindern. Erst im Zuge eines spektakulären Prozesses Anfang des neuen Jahrtausends wurde bekannt, dass Wurst seine jungen Patienten systematisch sexuell missbraucht hatte. Helmut wusste das schon lange: "Ich musste mich nackt ausziehen, Wurst machte sich an mir zu schaffen. Als ich das meiner Mutter erzählt habe, gab es eine Ohrfeige, sonst nichts." Auf Empfehlung Wursts wurde Helmut ins Herrnhilf-Heim gebracht. Das war in den 1960ern.

Wo für andere Kinder das Martyrium zu Ende war, fing es für den Achtjährigen gerade erst an. Jahrelang konnte Helmut über die Erlebnisse nicht reden. "Immer wenn ich mich daran erinnerte, war es, als würde sich in mir etwas auseinanderziehen." Nie hat er gehört, wie "Onkel Otto" in sein Bett gelangte. Helmut wurde als Kind zum Bettnässer, mit 22 entwickelte er schwere Depressionen. "Ich hatte diese Phasen, die waren wie schwarze Löcher. Ich dachte, ich kann nichts, ich bin nichts."

Selbstmordversuch

Seine psychischen Probleme gipfelten in einem Selbstmordversuch. Mit Hilfe von pro mente arbeitete er seine Kindheit auf, als große Stütze sieht er auch die "emotionale Intelligenz" seiner Frau. Er konnte sein Leben in den Griff bekommen, heiratete, bekam Kinder, war erfolgreich im Job. "Nicht alle Heimkinder haben es so gepackt wie ich, einige sind ins Drogenmilieu abgerutscht."

Helmut hofft, dass er mit seiner Geschichte anderen Opfern von "Onkel Otto" Mut machen kann. *Namen von der Redaktion geändert.

JOSEF PUSCHITZ

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