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Zuletzt aktualisiert: 11.04.2010 um 14:48 UhrKommentare

Vatikan war bei Missbrauchsfällen zögerlich

Angesichts neuer Dokumente, die in Kanada und den USA aufgetaucht sind wird auch Papst Benedikt belastet. Kardinäle planen ein Solidaritätstreffen mit dem Papst.

Foto © AP

Der Vatikan hat in den 1980er und 1990er Jahren zögerlich auf Hinweise von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche reagiert. Dies geht aus Dokumenten zu zwei Fällen in Nordamerika hervor. In einem neuen Fall aus den USA wird auch Papst Benedikt XVI. belastet. Als Präfekt der Glaubenskongregation soll sich Joseph Ratzinger der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters in Kalifornien widersetzt haben. Im Fall eines pädophilen kanadischen Priesters hielt der Vatikan Gerichtsdokumenten zufolge trotz Missbrauchsvorwürfen an dessen Beförderung fest.

Aus einer Zivilklage in Kanada geht hervor, dass der Vatikan über Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den Priester Bernard Prince informiert war. Die Diözese Pembroke in Ontario sei ein Jahr vor der Ernennung des Priesters zum Generalsekretär des Päpstlichen Werks für die Glaubensverbreitung 1991 über Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in Kenntnis gesetzt worden. Der inzwischen verstorbene Bischof von Pembroke, Joseph Windle, warnte in einem Brief an den päpstlichen Gesandten in Kanada, Carlo Curis, im Februar 1993 vor Prince: "Die Folgen wären katastrophal, nicht nur für die kanadische Kirche, sondern auch für den Heiligen Stuhl." Prince verbüßt derzeit eine vierjährige Haftstrafe wegen des Missbrauchs von 13 Buben zwischen 1964 und 1984. Im Vorjahr wurde er von Benedikt XVI. des Priesteramts enthoben.

In den USA wurden Kirchendokumente bekannt, die zeigen, dass sich Kardinal Ratzinger der Amtsenthebung eines pädophilen Priesters in Kalifornien widersetzt hat. In einem Brief wies der damalige Kurienkardinal Ratzinger im November 1985 eine Bitte der kalifornischen Diözese Oakland zurück, im Fall des Priesters Stephen K. aktiv zu werden. Ratzinger schrieb, die Argumente für eine Amtsenthebung seien zwar schwerwiegend. Aber eine solche Entscheidung verlange eine sehr sorgfältige Prüfung und mehr Zeit.

Der Vatikan bestätigte die Unterschrift Ratzingers unter dem in lateinischer Sprache verfassten Brief. Sprecher Ciro Benedettini sagte, der Brief enthalte keine Hinweise darauf, dass Ratzinger versucht habe, den Fall zu vertuschen.

K. wurde bereits 1978 wegen sexueller Belästigung von zwei Buben zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Nach Ende der Frist 1981 bat er darum, aus dem Priesterstand entlassen zu werden, und die Diözese sandte ein entsprechendes Schreiben an den Vatikan. Erst nach vier Jahren antwortete Ratzinger dem Bischof. Bis zur Amtsenthebung des pädophilen Priesters 1987 vergingen zwei weitere Jahre, in denen der Mann weiter freiwillig als Jugendpfarrer tätig war.

Die Kardinäle der Weltkirche wollen indes am 19. April - dem fünften Jahrestag der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst - ein außerordentliches Treffen in Rom abhalten, um sich hinter den Pontifex zu stellen. Sie wollen ihre Solidarität mit dem Papst nach den scharfen Attacken wegen der Missbrauchsfälle ausdrücken, berichtete die römische Tageszeitung "La Repubblica" am Sonntag. Am 13. Mai soll zudem auf dem Petersplatz eine große Kundgebung mit Hunderttausenden Demonstranten zur Unterstützung des Papstes stattfinden.

Die katholische Kirche wird derzeit von einer Welle von Enthüllungen über Missbrauchsfälle in Ländern auf der ganzen Welt erschüttert. Der Vatikan steht in der Kritik, Fälle sexuellen Missbrauchs vertuscht zu haben. Dabei kam auch der Papst selbst unter Druck. US-Medien hatten berichtet, Ratzinger habe in den 1990er Jahren nichts gegen einen Priester in den USA unternommen, der Jahrzehnte zuvor gehörlose Buben missbraucht haben soll. Belastet wird Ratzinger auch durch die umstrittene Versetzung eines pädophilen Priesters während seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising.

Unterdessen wurden neue Einzelheiten zu Missbrauchsfällen in Deutschland bekannt. Der für das Kloster Ettal bei Garmisch-Partenkirchen zuständige Sonderermittler Thomas Pfister sagte dem Nachrichtenmagazin "Focus", es handle sich um "so abartige Gräueltaten, dass ich nachts nicht einschlafen konnte". 15 Mönche, darunter ein Ex-Abt, hätten weit mehr als hundert Schüler systematische gequält und sexuell missbraucht. Die Opfer berichteten von Prügeln mit Skistöcken, geplatzten Trommelfellen durch Schläge sowie lebendige Molche, die sie essen mussten. Auch melden sich immer mehr Opfer. Die vom Jesuitenorden beauftragte Anwältin Urusla Raue sagte am Samstag in Berlin, ihr seien mittlerweile 170 Opfer in Bildungseinrichtungen des Ordens in Deutschland bekannt, darunter 59 frühere Schüler des Berliner Canisius-Ordens.


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