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Zuletzt aktualisiert: 02.04.2010 um 20:57 UhrKommentare

Die Opfer wollen vor allem reden

Die Ombudsstellen können die Erwartungen der Opfer schwer erfüllen.

Ein Anrufbeantworter, oje, da legt er gleich auf. Dann drückt er die Wahlwiederholung und spricht doch auf das Tonband. Gerhard Glohs, Bäcker in Frühpension, bittet um Rückruf. Eine Woche lang passiert nichts.

Erinnerungen waren 40 Jahre verschüttet

Eine Woche, in der er jede Nacht aufwacht. Weil ihm plötzlich eingefallen ist, wie der Judotrainer bei der Jungschar in Wien Währing hieß, der, selbst noch ein Jugendlicher, ihn, damals neun, zehn Jahre alt zum ersten Mal ausgriff. Weil ihn die Erinnerung daran überfallen hat, wie der junge Kaplan die beiden Burschen einmal halb nackt erwischte und ihm nicht half. Und dann das Zeltlager ein paar Jahre später, wo sich der Kaplan und die Jungscharführer jeden Abend ungeniert bedienten, in aller Brutalität. Glohs war immer wieder wegen Depression in Behandlung, aber den Grund dafür hat kein Arzt gefunden. 40 Jahre waren die Erinnerungen verschüttet. Jetzt ist alles wieder da. Und er will darüber reden. Mit wem? Mit seiner Frau, mit seiner Tochter, das schafft er noch nicht.

Opfer wollen vor allem reden

Nach einer Woche meldet sich ein Herr von der Erzdiözese Wien. Am nächsten Tag sucht Glohs ihn in der Ombudsstelle auf. "Er war sehr nett", sagt er danach, "und hat nicht auf die Uhr geschaut. Therapie war das keine, eher eine Protokollaufnahme, ein bissl über eine Stunde." Wie es weitergeht, erfährt er nicht. Hat er sich zu viel erwartet? Heuer haben sich bereits 174 Menschen an die Wiener Ombudsstelle gewandt, österreichweit waren es 566. Die Mitarbeiter versuchen, alle Fälle zu recherchieren, dann bieten sie den Betroffenen Geld oder Hilfe an. Therapiezentren sind die Büros freilich keine.

Und was will Gerhard Glohs selbst? Er will den Kaplan, der damals von einem Tag auf den anderen in ein Grazer Kloster versetzt wurde, zur Rede stellen. Er würde gerne andere Opfer treffen, die ihn verstehen. Er würde sich auch einer Klage anschließen, nur um gehört zu werden - wäre sein Fall nicht längst verjährt. Vor allem aber will er reden.

EVA WEISSENBERGER

KLEINE.tv

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