"Die Schuld ins Licht des Kreuzes tragen"
Bischof Alois Schwarz über Missbrauch, Schuldverdrängung und die Botschaft der Auferstehung.

Foto © WeichselbraunKärntens Bischof Alois Schwarz
Bei den Ombudsstellen der Kirche in Kärnten sind in den letzten Wochen rund 40 Meldungen über sexuelle oder tätliche Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen eingegangen. Was sagen Sie den Opfern in der Karwoche?
ALOIS SCHWARZ: Ich habe mit einigen Betroffenen gesprochen. Ich führe auch weitere Gespräche, wenn sie bereit sind, mit mir zu reden. Ich versuche, ihnen persönlich zu helfen, indem ich sie anhöre, was sich zugetragen hat und sie frage, ob sie eine therapeutische oder andere Hilfe haben möchten.
Welche Reaktionen erfahren Sie in den Gesprächen?
SCHWARZ: Die Leute sind überrascht und sehr angetan, dass ich mit ihnen über das Leid, das sie erfahren haben, spreche. Sie sind sehr dankbar, dass ich mich persönlich um sie kümmere.
Wie haben die Schilderungen Sie persönlich erschüttert?
SCHWARZ: Mich bewegt alles, was sie sagen, weil es ein Versagen von Einzelnen deutlich macht, das nicht zum Grundprogramm der Kirche und schon gar nicht zum Evangelium gehört.
Es erklärt auch für Sie die stark steigenden Kirchenaustritte?
SCHWARZ: Ich bedauere, dass Menschen austreten. Ich lade jeden ein, dass er zu uns kommt und mit uns über Fehler redet. Wer immer seinen Unmut offen in der Kirche sagt, kann mithelfen, dass wir besser werden.
Haben Sie, wie angekündigt, bereits Missbrauchsfälle an die Staatsanwaltschaft übermittelt?
SCHWARZ: Noch nicht, denn wir fragen jeden Einzelnen, ob er dem zustimmt. Nur wenn die Opfer es wollen, übergeben wir es den Behörden. Die Opfer bestimmen den Raum der Vertraulichkeit. Die mir berichteten Fälle liegen alle über 20 Jahre zurück.
Was gaben Sie am Mittwoch bei der Chrisammesse ihren 300 Kärntner Priestern und Diakonen vor Ostern mit auf den Weg?
SCHWARZ: Ich habe ihnen gesagt, dass sie den Menschen zuhören sollen und habe auch Präventionsmaßnahmen genannt - vom Umgang mit Jugendlichen bis hin zum verantwortungsvollen Gebrauch von Fernsehen und Internet. Ich habe mich aber auch schützend hinter alle gestellt, die ihren Dienst glaubwürdig und in Treue zum Evangelium ausüben.
Selbst hochrangige Kleriker sagen, das Zölibat, die Ehelosigkeit der Priester, sei zu überdenken.
SCHWARZ: Die Sinnhaftigkeit und Lebbarkeit der zölibatären Lebensform muss heute sicher neu verständlich gemacht werden.
Was meinte Ihr Klerus nach der Chrisammesse?
SCHWARZ: Die Priester waren erfreut, dass ich Sie bestärkt habe, die Gläubigen zu ermutigen. Die Priester haben beobachtet, dass am Palmsonntag mehr Menschen bei den Messen waren, als im Vorjahr. Durch ihr Mitfeiern gerade jetzt tragen die Gläubigen den Weg der Kirche und der Priester mit.
Zum Thema Missbrauch wollen Sie auch den Priesterrat aktivieren, das Jungpriesterforum sowie Treffen der Heimleiter und der Religionslehrer. Was erwarten Sie von der Mobilisierung?
SCHWARZ: Eine größere Offenheit zu ihren persönlichen Lebensfragen von ihrer Freizeit bis zur Vereinsamung. Die Priester sind viel bei den Menschen und reden oft sehr wenig über sich, und darüber, wie es ihnen persönlich geht.
"Wir haben vertuscht", hat Kardinal Christoph Schönborn mit seinem Schuldbekenntnis erklärt. "Es muss alles ans Licht", ist auch Ihre Ansage. Warum hat sich die Kirche damit so schwergetan?
SCHWARZ: Nach 1995 wurden Ombudsstellen eingerichtet. Wir werden den Opfern auch weiterhin einen Raum der Vertraulichkeit gewähren und gleichzeitig eng mit den staatlichen Behörden zusammenarbeiten.
Warum brechen Fälle von Erziehungsübergriffen erst nach Jahrzehnten heraus, so wie etwa auch im angesehenen Tanzenberg?
SCHWARZ: Es bricht jetzt heraus, weil wir - auch durch den Hirtenbrief der Bischöfe - den einzelnen Opfern Mut gemacht haben, sich zu melden. Erst die Einladung zum Reden ermutigt die Einzelnen, sich über das zu öffnen, was sie zutiefst verletzt hat.
Was erwarten Sie von Waltraud Klasnic, der Opferbeauftragten?
SCHWARZ: Sie führt hervorragend die Hospizbewegung. Sie wird den Auftrag sehr einfühlsam und objektiv ausüben.
Erwarten Sie Sammelklagen an den geplanten Opferfonds?
SCHWARZ: Nein. Es ist sinnvoll, dass sich die Einzelnen persönlich melden. Man kann Vergehen nicht pauschal gutmachen.
Von Papst Benedikt XVI. hatten viele eine direkte Entschuldigung bei den Opfern erwartet. Wie halten Sie es selbst?
SCHWARZ: Der Papst hat sehr klar gesprochen. Er fühlt mit und leidet mit und weiß, dass er hier für die Kirche um Vergebung zu bitten hat. Ich selbst habe bereits mehrfach für Vergehen von einzelnen Vertretern der Kirche um Entschuldigung gebeten. Betroffenen ist auch wichtig, dass sich die Täter bei ihnen entschuldigen. Auch solche Gespräche führe ich herbei.
Warum fiel das Beichten in all den Jahrzehnten der Kirche selbst so schwer?
SCHWARZ: Am ersten Fastensonntag des Jahres 2000 hat Papst Johannes Paul II. für die Kirche das große Schuldbekenntnis abgelegt, wo er um eine Reinigung des Gedächtnisses gebeten hat. Eine solche Geste der Versöhnung für Schuldhaftes der Kirche gab es vorher noch nie.
Hier ging es aber ums Beichten der konkreten Verfehlungen.
SCHWARZ: Es gibt die Urerfahrung, dass der Einzelne die Sünde nicht verbergen kann. Sie kommt einmal ans Licht. Die Frage ist: Kommt es ins gleißende Licht der Öffentlichkeit oder kommt es in das Licht des Auferstandenen, kommt es in das Licht des Gekreuzigten zur Osterkerze hin? Die Bibel kennt eine Menge Schuldgeschichten, wie das Beispiel der Ehebrecherin bei Jesus, aber immer so, dass der Einzelne aufrecht weitergehen kann.
Zum Beichten, schreiben Sie selbst in Ihrem Buch über die Sakramente, gehört das Bereuen, damit es Heilung von seelischen und körperlichen Wunden ist.
SCHWARZ: Der Täter darf nicht verdrängen, sondern muss zugeben: ich war´s. Wir leben in einer Zeit und Gesellschaft der Schuldverdrängung. Es braucht heilende Gespräche im Schutzraum der Beichte, wo sich jeder der Lebensschuld stellen kann und wo er seine Schuld bei Jesus abgeben kann, der sie mit dem Kreuz für uns alle aufgeladen hat.
Die meisten Menschen haben ganz alltägliche Sorgen. Wie kann sich jeder Erwachsene oder Jugendliche der Schuldverdrängung stellen - gerade zum Triduum Sacrum, den heiligen Tagen der Karwoche mit dem Höhepunkt der Auferstehung heute Nacht?
SCHWARZ: Wer dem eigenen Schatten seines Lebens immer davonläuft, wird immer schneller werden, bis er tot zusammenbricht. Wer aber mit dem Schatten seines Lebens unter den Baum des Gekreuzigten geht, der wird merken, dass sein Schatten eine andere Kontur bekommt.
Erklären Sie diese österliche Schuldtransformation konkreter?
SCHWARZ: Ich lade jeden ein, unter die Arme des Gekreuzigten zu laufen und sich dort festzuhalten mit der eigenen Schuld. Denn es ist Zeichen der Auferstehung, dass es selbst über den Tod hinaus noch Lebenschance gibt. Ewige Lebenschance. Wo immer Menschen hingehen mit ihrer Schuld - sie können sie nur hineingeben in die ewige Liebe des Gekreuzigten. Gott hält die Klagen der Menschen aus.
An der Auferstehung hat der Apostel Thomas gezweifelt. Die Frage der Glaubwürdigkeit betrifft jetzt die Kirche. Wie löst sie es auf?
SCHWARZ: Jesus hat Thomas seine Wunden gezeigt, sodass er geglaubt hat. Glaubwürdigkeit wird dadurch hergestellt, indem wir eine größere Christus-Verbundenheit leben. Je näher wir als Gemeinschaft zu Christus kommen, umso näher kommen wir auch zueinander.
Wäre es ein Osterwunsch, dass aus der Krise ein Aufbruch wird?
SCHWARZ: Papst Paul VI. sagte nach dem 2. Vatikanischen Konzil, die Kirche benötige Selbstevangelisierung. Der erste Schritt dazu ist nicht das Übermitteln, sondern das Leben der Botschaft.





