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Zuletzt aktualisiert: 21.03.2010 um 17:07 UhrKommentare

Sonntags-Interview: Wie schützen wir unsere Kinder?

Warum ist sexuelle Gewalt in der Kirche plötzlich so ein Thema? Und wie schützen wir unsere Kinder? Das grpße Sonntags-Interview mit Yvonne Seidler, Leiterin des Vereins Hazissa, Fachstelle für Prävention gegen sexualle Gewalt.

Foto © AP

Warum bricht im Bereich der Kirche plötzlich so viel auf in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt?
SEIDLER: Wenn Opfer sich melden, ist das für andere eine Anregung, sich auch zu melden oder überhaupt einmal wahrzunehmen: Das war nicht in Ordnung, was damals mit mir passiert ist. Wenn man keinen hat, der einen in diesem Gefühl bestärkt, steht man allein da. Die Kirche hat heute nicht mehr die Macht, das zu vertuschen, jetzt kommt eine Lawine ins Rollen. Das betrifft aber nicht nur Organisationen der Kirche, sondern auch andere - Heime, Internate, Sportvereine. Übergriffe von älteren Schülern, die selbst Gewalt erlebt haben, gegenüber jüngeren, an die sie diese Gewalt weitergeben, waren noch gar kein Thema, das kommt noch.

Warum fällt es Eltern so schwer, mit ihren Kindern über Sexualität zu reden?
YVONNE SEIDLER: Weil das immer noch ein tabuisiertes Thema ist. Eltern haben oft keine Erfahrung, auch weil mit ihnen selbst als Kind nie darüber geredet wurde. Es ist eine Scheu da, das spüren die Kinder. Die stellen dann keine Fragen, kommen aber trotzdem zu Informationen. Die Frage ist dann, aus welcher Quelle.

Ab wann sollte Sexualerziehung passieren?
SEIDLER: Das ist eine pädagogische Haltung, die von klein auf mitwächst. Die Themen verändern sich, aber im weitesten Sinne ist Sexualität immer ein Thema. Schon wenn die Kleinen nackt herumrennen, interessiert sie, wieso Buben anders ausschauen als Mädchen. In der Schule lernen die Kinder die biologischen Fakten, aber ganz wesentlich ist es auch, ihnen Orientierung zu geben, Werte zu vermitteln. Was ist in Ordnung im Umgang mit anderen, was nicht? Das macht es dann ja auch aus, wie ich selber bin, als Bursche Mädchen gegenüber, oder als Mädchen gegenüber Burschen.

Was müssen Kinder lernen, damit sie sicherer werden, wenn ihnen jemand zu nahe kommt?
SEIDLER: Prinzipiell muss einmal klar sein, dass Sexualität ein Thema ist, über das gesprochen werden kann. Wenn Kinder über normale Sexualität nicht sprechen können, über Grenzen, darüber, was angenehm ist und was nicht, können sie über sexualisierte Gewalt noch weniger sprechen. Da sind ja noch viel komplexere Gefühle dabei, Schuld, Scham.

Worüber muss man reden?
SEIDLER: Die Themen unterscheiden sich, je nach Altersstufe. Ich kann Doktorspiele nicht verbieten, die gehören dazu zur normalen Sexualentwicklung, aber es gibt Regeln, wie für andere Spiele auch. Zum Beispiel: Niemand darf gezwungen werden, niemand darf verletzt werden, Kinder sollten ungefähr gleich alt sein. Das ist eine ganz wichtige Regel. Ein Drittel aller Missbrauchsfälle wird von Jugendlichen verübt. Da muss man sich überlegen: Welche Informationen haben genau diese Jugendlichen nicht gekriegt? Wir sind an Schulen unterwegs, wo es nach Übergriffen heißt: "Die Buben sind halt so." Sie sind nicht einfach "so", aber durch diese Rückmeldung werden sie darin bestärkt, "so" zu sein. Und je älter sie werden, desto schwieriger ist es, Verhalten zu verändern.

Wo lauert die größte Gefahr?
SEIDLER: In der Tabuisierung von Sexualität. Dort, wo nicht gesprochen werden kann, ist die Gefahr groß, dass Gewalt passiert. Das betrifft auch viele Institutionen. Dazu kommt: Je fremdbestimmter man ist, je klarer ist, wer mächtig ist und wer nicht, desto leichter kann Gewalt passieren. Es gibt drei Gruppen von Kindern, die besonders gefährdet sind: Das sind Kinder mit Behinderungen, die es gewöhnt sind, fremdbestimmt zu werden, denen nicht geglaubt wird, wo die Täter sich sehr sicher fühlen. Kinder in sehr starren, hierarchischen Strukturen - Heime, Internate, Kirche - genau das bricht jetzt auf. Und Kinder von Alleinerzieherinnen.

Warum Letztere?
SEIDLER: Weil existenzielle Sorgen und Abhängigkeiten oft sehr groß sind - je abhängiger Mütter sind, desto weniger können sie ihre Kinder schützen. Und weil die Kinder auch bedürftig sind, nach Zuwendung, nach männlichen Bezugspersonen.

Sie haben jetzt nicht die eigene Familie erwähnt, in der sexualisierte Gewalt oft entsteht...
SEIDLER: ... genau, zu 60 Prozent im engen sozialen Umfeld, in der Familie, bei Stiefvätern, Freunden. Was es da so schwierig macht, ist, dass die Täter nicht nur böse sind. Sie haben eine Beziehung zum Opfer. In der Familie passieren Übergriffe schleichend, indem Grenzen nach und nach verschoben werden. Die Kinder können dadurch ganz schwer Stopp sagen. Sie brauchen ja auch Zärtlichkeit und Zuwendung. Wenn der Täter das für seine Bedürfnisse ausnutzt, ist es schwer für Kinder zu benennen, was da passiert.

Sexuelle Übergriffe im Bereich der Kirche sind der Anlass für die aktuelle Debatte. Ist hier der Zölibat wesentlicher Auslöser?
SEIDLER: Menschen haben Sexualität. Zu sagen, diese Gruppe hat einfach keine, ist ein höchst riskanter Zugang. Der Zölibat verschärft das Problem, die Tabuisierung hat dazu geführt, dass bisher so wenig aufgedeckt wurde. Starre, hierarchische Strukturen gibt es auch anderswo. In der Behindertenhilfe ist sexualisierte Gewalt schon lange ein Thema. Die Kirche hat viel aufzuholen.

Muss man Angst haben, wenn die Kinder ministrieren gehen?
SEIDLER: Ich habe mir Sorgen gemacht, als mein Sohn zum ersten Mal in den Fußballverein gehen wollte, aus dem Wissen heraus, dass Vereine ein Grundrisiko in sich bergen. Aber ich kann ja etwas tun als Elternteil. Ich kann mit meinen Kindern über Sexualität reden, über Grenzen, darüber, wie sie Stopp sagen, so, dass es auch wahrgenommen wird. Aber auch die Erwachsenen müssen geschult werden, damit sie richtig zuhören: Was meint denn mein Kind, wenn es sagt, der Pfarrer, der Lehrer greift es "so komisch" an?

Woran erkennt man, dass Kinder sexuell missbraucht werden?
SEIDLER: Zum einen natürlich an offensichtlichen Verletzungen. Zum anderen geht es darum, im Gespräch zu bleiben, auf Veränderungen zu achten. Wenn Kinder, die sehr offen waren, sich sehr zurückziehen, wenn sie - scheinbar ohne Grund - nicht mehr in den Fußballklub oder zum Ministrieren gehen wollen, wenn sie den Eindruck erwecken, es belastet sie etwas. Es gibt vieles, was Kinder belastet, aber es braucht den Mut, auch anzudenken, ob das Kind vielleicht Gewalt erlebt und nicht darüber sprechen kann. Daran denken Eltern ja ganz zum Schluss, weil das so weit weg ist, so abstrakt. Es ist grauslich, sich vorzustellen, dass das mich, mein Kind treffen kann.

Was bringt die Warnung vor dem Fremden auf der Straße?
SEIDLER: Der schlichte Zugang - "Geh mit keinem Fremden mit", "Nimm von niemandem ein Zuckerl" - schützt Kinder nicht, das macht nur Panik vor Fremdem. Und dann kommt der Opa, und es heißt: "Jetzt gib dem Opa ein Bussi." Also genau die falsche Botschaft. Kinder sollen lernen, dass sie ein Recht auf ihre Intimsphäre, auf ihre Körpergrenzen haben, dass sie sagen können, wenn sie etwas beunruhigt.

Wie reagiert man, wenn man einen Verdacht hat - in Bezug auf das eigene oder ein anderes Kind?
SEIDLER: Ganz wesentlich ist, sich professionelle Unterstützung zu holen, sich einmal anonym zu erkundigen, in einem Kinderschutzzentrum oder bei einer Sozialarbeiterin. Als Mutter, als Nachbarin kann man keinen Fall lösen, keinen Täter verhören. Wenn man scheitert, kann man oft gar nicht mehr helfen.

Und die Polizei?
SEIDLER: Ich bin für Anzeigen, habe auch nichts gegen härtere Strafen, aber der Zeitpunkt muss passen. Die Kinder müssen vorbereitet, die Jugendwohlfahrt muss involviert sein. Es muss klar sein: Was passiert weiter mit dem Kind? Wir pendeln zwischen zwei Extremen: dass gar nicht reagiert wird, oder aber, dass vorschnell mit der Polizei angefahren wird. Beides ist nicht hilfreich für die Opfer.

Claudia Gigler

KLEINE.tv

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