Kirche rechnet mit "weiteren Leichen im Keller"
Die Diözesen verlieren zunehmend den Überblick: In diesem Jahr wurden in Österreich bisher weit mehr als 100 Missbrauchsfälle gemeldet. Und es vergeht kein ein Tag ohne neue Missbrauchsvorwürfe.

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Obwohl die Diözesen immer mehr an Überblick über die ihnen gemeldeten Fälle sexuellen Missbrauchs verlieren, steht fest: Weit mehr als 100 Personen haben sich seit Jahresbeginn bei den diözesanen Ombudsstellen gemeldet. Großteils mangelt es allerdings noch an konkreten Zahlen, wie ein Rundruf der APA am Montag ergab. Argumentiert wird etwa damit, dass sich die Fälle überschneiden würden oder auch, dass noch konkrete Definitionen für die Zählung der Missbrauchsfälle fehlten.
Genaue Zahlen zu gemeldeten Missbrauchsfällen zu eruieren sei derzeit schwer, beschied ein Sprecher der Wiener Erzdiözese gegenüber der APA. Man wolle zunächst die Ergebnisse der Projektgruppe unter dem Wiener Generalvikar Franz Schuster abwarten, welche im Auftrag der Bischofskonferenz die Voraussetzungen für eine hieb- und stichfeste gesamtösterreichische Missbrauchsstatistik schaffen soll. Dann erst könne man dezidiert klären, wie man einen Verdachtsfall, wie einen bestätigten Verdacht definiere. Und diese Ergebnisse sollten "ehebaldigst" vorliegen, so der Erzdiözesensprecher.
Steiermark: In der Steiermark wurden seit der Gründung der Diözesanen Ombudsstelle von Graz-Seckau 1996 sieben Missbrauchsfälle bis Ende 2009 gemeldet. Sechs von ihnen fallen in das Gebiet der Diözese und passierten laut Pressesprecher Georg Plank vorwiegend im Rahmen der Pfarrseelsorge. Um den momentanen vermehrten Meldungen nachzugehen, befassten sich ab sofort zehn Mitarbeiter mit dem Abarbeiten von großteils Anrufen und Emails. Sie prüfen, ob Melder Opfer, Zeugen oder Täter sind und gehen den Vorwürfen nach. Eindeutig als Missbrauchsfall entpuppt habe sich in diesem Jahr noch kein Fall, dafür müsste noch genauer geprüft werden, so Plank. Man sei aber darauf gefasst, "dass sich weitere Leichen im Keller befinden".
Kärnten: In Kärnten wurde die Ombudsstelle der Diözese Gurk-Klagenfurt seit Jahresanfang zehn Mal kontaktiert. Wie der Pressesprecher von Diözesanbischof Alois Schwarz, Matthias Kapeller, erklärte, würden derzeit in drei Fällen Vorwürfe "ganz konkret geprüft". Die einzige echte Klosterschule in Kärnten ist das Gymnasium im Stift St. Paul im Bezirk Wolfsberg. Aus dieser Schule seien keinerlei Vorfälle bekannt, hieß es. Kirchliche Internate gibt es im südlichsten Bundesland keine mehr, jenes in Tanzenberg wurde im vergangenen Jahr mangels Nachfrage geschlossen. Ein ehemaliger Tanzenberg-Schüler sprach von heftigen Prügeln als Erziehungs- und Disziplinierungsmaßnahmen (die Kleine Zeitung berichtete). Von sexuellen Übergriffen ist derzeit nichts bekannt.
Die Ombudsstelle bei der Diözese Gurk-Klagenfurt gibt es seit nunmehr 15 Jahren, seit ihrer Gründung wurde sie insgesamt 23 Mal kontaktiert. Dazu wurde am Montag von der Diözese eine zusätzliche Hotline eingerichtet, der Kärntner Patientenanwalt Erwin Kalbhenn konnte als Ansprechpartner und "Anwalt für Opfer" gewonnen werden. Damit soll Betroffenen die Möglichkeit gegeben werden, sich an eine kirchenunabhängige Person zu wenden, hieß es in einer Aussendung.
Niederösterreich: In der Diözese St. Pölten werden seit Jahresbeginn "sieben bis acht" Missbrauchsfälle geprüft. Es handle sich dabei aber nicht rein um sexuellen Missbrauch, sondern auch um gewalttätige Übergriffe und Fälle, wo Nichtbetroffene einen Verdacht gemeldet hatten, teilte Dechant Johann Zarl von der Ombudsstelle am Montag mit. "In den zwei Jahren davor war es sehr ruhig, da war fast nichts", sagte er. Welche kirchlichen Einrichtungen aktuell betroffen sind, wollte der Dechant nicht bekanntgeben: Vor allem die Fälle sexuellen Missbrauchs seien teilweise schon sehr alt, so dass die Beschuldigten mittlerweile bereits verstorben seien, hieß es.
Gegründet wurde die Ombudsstelle in der St. Pöltener Diözese im Jahr 2005, nachdem der Wechsel von Bischof Kurt Krenn zu Klaus Küng vollzogen war. Seither gab es 18 Verdachtsfälle, einige davon seien auch schon abgeurteilt. Nicht immer handle es sich aber um Vorwürfe in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch, betonte Zarl. Auch Übergriffe mit Gewalt und unwahre Anschuldigungen habe es gegeben.
Oberösterreich: In Oberösterreich sind die Eingaben an die diözesane Kommission gegen Missbrauch und Gewalt zuletzt deutlich in die Höhe geschnellt: Von den insgesamt 25 Fällen, die an das Gremium in den vergangenen zweieinhalb Jahren herangetragen wurden, kamen 21 allein im März herein. Zwei waren es im Februar, zwei weitere sind älter.
Von den aktuellen Eingaben beziehen sich acht auf sexuellen Missbrauch und fünf auf Gewaltanwendung sowie acht weitere auf beide Vorwürfe. Wie viele Einrichtungen betroffen seien, könne man derzeit nicht sagen, hieß es bei der Diözese Linz. Denn viele Opfer würden zunächst beispielsweise nur von "einem Internat" berichten und erst später sagen, wo der mutmaßliche Missbrauch passiert sei. Zuletzt waren Vorwürfe gegen das Stift Kremsmünster (Bezirk Kirchdorf) aufgetaucht, wo fünf Patres ihrer Ämter enthoben wurden, und gegen das Stiftsinternat in Wilhering (Bezirk Linz-Land), die allerdings weiter zurückliegen.
Salzburg: In Salzburg haben sich seit dem Rücktritt des Erzabtes von St. Peter am vergangenen Montag, der den sexuellen Missbrauch eines Buben vor 40 Jahren zugegeben hatte, zehn mögliche Opfer von Übergriffen durch Kirchenvertreter bei der Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs gemeldet, sagte am Montag der Sprecher der Erzdiözese Wolfgang Kumpfmüller auf APA-Anfrage. Damit gingen binnen einer Woche beinahe so viele Meldungen ein, wie in der Stelle seit ihrem Bestehen insgesamt, denn seit 2002 wurden in Summe 13 Anschuldigungen wegen möglichen Missbrauchs geprüft. Bei keiner einzigen davon kam es zu einem Strafverfahren, weil die Fälle entweder verjährt oder die mutmaßlichen Täter schon verstorben waren.
Außer dem Stift St. Peter seien bisher keine weiteren Klöster genannt worden, sagte Anton Ehmann, der diese Woche den Leiter der Ombudsstelle Johann Reißmeier vertritt. Einige Anrufer habe er inzwischen kontaktiert. Darunter sei etwa eine Frau gewesen, die vor Jahren in Wien Opfer von Gewalt durch einen Kirchenvertreter geworden sei, es aber keinen sexuellen Missbrauch gegeben habe.
Burgenland: In der Diözese Eisenstadt sind die 1995 ins Leben gerufene "Kommission für besondere Fälle" und seit vergangenem Donnerstag Woche auch die Ombudsstelle der Diözese Ansprechstelle bei Fällen von sexuellem Missbrauch. Bei ihm seien innerhalb von drei Tagen rund 30 Anrufe eingegangen, Missbrauchsopfer hätten sich bei ihm keine gemeldet, so Ombudsmann Bernhard Dobrowsky. Die Anrufe hätten sich zum Teil auf den Fall des nach Missbrauchsvorwürfen von seinem Amt zurückgetretenen Priesters im Südburgenland bezogen. Auch zwei bis drei Beschimpfungen habe es gegeben. Im Durchschnitt hat der Ombudsmann pro Jahr mit etwa 40 Fällen in verschiedensten Angelegenheiten zu tun. Von der Kommission für besondere Fälle wurde seit 2004 ein Fall im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen behandelt.
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