Biomassepräsident Kopetz: "Alle sollen für CO2 bezahlen"
Wir werden in die Ölpreisfalle getrieben, weil die Politik zu wenig Mut hat, sagt Biomassepräsident Heinz Kopetz. Er beschreibt ein Horrorszenario mit kalten Heizkörpern und Menschen ohne Strom.

Foto © PrivatBiomassepräsident Heinz Kopetz
In Ihrem neuen Buch schildern Sie eine Energiekrise mit kalten Heizkörpern und Menschen ohne Strom. Ein Horrorszenario, das Sie bis 2025 erwarten. Ist das nicht Panikmache?
KOPETZ: Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass das eintritt, auf 30 Prozent. Es hängt davon ab, welche Energiepolitik jetzt gemacht wird. Es ist eine Farce, heute, wo Russland schon wieder mit Öllieferstopps droht, noch in fossile Energie zu investieren. Die einzige Alternative ist, dass wir konsequent in erneuerbare Energie umsteigen und damit auch die Energiesicherheit erhöhen.
Die Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember hat diese Konsequenz nicht an den Tag gelegt.
KOPETZ: In Kopenhagen ging es um internationale Klimaschutzpolitik. Ich denke, dass wir zu sehr die Klimakrise in den Mittelpunkt stellen und zu wenig die Sicherheit. Die Klimaproblematik ist ja nur eine Folge des Energiesystems, quasi ein Symptom. Die Wurzel ist das Energiesystem selbst. Wenn ich das ändere und weg von den fossilen Energieträgern gehe, dann habe ich mehr Sicherheit, mehr Arbeitsplätze im Inland und als Nebeneffekt auch weniger Treibhausgase.
Wo muss die Politik ansetzen, damit das passiert?
KOPETZ: Es reicht nicht, dass wir jetzt alle warten, bis sich die Welt auf irgendetwas einigt. Wir brauchen eine Steuer auf CO2. Eine Besteuerung auf Emissionen, dafür weniger Steuer auf menschliche Arbeitskraft. Insgesamt bedeutet das keine Steuererhöhung. Das Kuriosum ist, dass die Industrie über den Zertifikatehandel bereits jetzt für CO2 zahlen muss. Der Rest hat keine Kosten. Das kann's auf Dauer nicht sein. Alle sollen je nach CO2-Ausstoß zahlen. Außerdem muss das Förderprogramm für erneuerbare Energie verbessert werden. Fotovoltaik, Solarthermie und Biomasseheizungen sollten generell zu 40 Prozent gefördert werden.
Laut neuer Ökostrom-Verordnung werden die Einspeisetarife für Biomasse aber zurückgefahren.
KOPETZ: Wir brauchen gesetzliche Rahmenbedingungen, die das Investieren in erneuerbare Energie interessant machen. Da gehört das Ökostromgesetz dazu. Das österreichische ist absolut ungenügend, es topediert die EU-Vorgaben für den Ausbau erneuerbarer Energie. Die geplanten Tarife sind so niedrig, dass niemand investieren will. Also werden wir mehr Atomstrom und Gas importieren. Diese ganzen neuen Gaskraftwerke stehen voll im Widerspruch zur Klimaschutzpolitik.
In Mellach wird bereits an einem 800-Megawatt starken Gaskraftwerk gebaut. Was konkret wäre denn die Alternative dazu?
KOPETZ: Prinzipiell ist ein Gaskraftwerk in der Steiermark schon berechtigt. Aber es würde ein 400-Megawatt-Block genügen. Das Kohlekraftwerk Voitsberg brauchen wir überhaupt nicht. Wenn wir massiv Wind, Wasserkraft, Fotovoltaik und Biomasse aufbauen, dann haben wir reichlich Energie für die Zukunft.
Sie behaupten, dass wir 2030 den gesamten Strombedarf aus erneuerbarer Energie decken können. Ganz ehrlich, wie real ist das?
KOPETZ: Sehr realistisch. Es gibt bereits Berechnungen, die sagen, es geht bis 2020. Wenn wir ein attraktives Ökostromgesetz haben, können wir das locker umsetzen. Nur gibt es Widerstände, teils aus dem Wirtschaftsministerium, teils von der Industrie. Sie befürchtet fälschlicherweise, dass ihr dadurch Nachteile entstehen.
Die Steiermark ist ein Industrieland. Die Betriebe brauchen große Mengen Strom. Wo ist die schnelle Alternative zum Erdgas?
KOPETZ: Wenn ich den Strom aus Wind, Wasser und Biomasse ausbaue und Reserven durch Gas bereithalte, lässt sich das machen.
Auch wenn der Wind nicht bläst und die Sonne nicht scheint?
KOPETZ: Die Industrie braucht leistungsfähige Stromnetze in einem europäischen Verbund. Woher der Ökostrom kommt, ist egal. Auch die Industrie weiß, dass Öl und Gas einmal ausgehen werden.
Wann das passieren soll, darüber wird seit 50 Jahren gestritten.
KOPETZ: Wir werden auch in 70 Jahren noch Öl haben. Das Problem ist, welche Menge kann und will man jährlich bereitstellen? Fix ist, das Ölangebot wird zurückgehen. Wenn die Wirtschaft wieder boomt, werden die Preise rasant steigen. Solange wir vom Öl abhängen, wird's mit der Wirtschaft schubweise auf- und abgehen.
Gleichzeitig erzählen Installateure von einem Rekordjahr beim Einbau neuer Ölheizungen.
KOPETZ: Weil Ölfirmen den Einbau mit 3000 Euro fördern. Die Verlockung war Anfang 2009 groß, als die Ölpreise niedrig waren, jetzt kostet es wieder hundert Prozent mehr. Da werden Privatpersonen in eine Ölpreisfalle gelockt.
Soll man den Leuten verbieten, eine neue Ölheizung zu kaufen?
KOPETZ: Nein, aber man kann den Einbau von Biomasse-Heizungen förden und attraktiver machen. Auch die erwähnte CO2-Steuer hätte Lenkungsfunktion. Investitionen in Ölheizungen wären dann weniger attraktiv, wenn sich der Liter Heizöl durch die CO2-Steuer anfangs um sechs bis sieben Prozent, nach drei Jahren um etwa 16 Prozent verteuert.
Welcher Politiker soll sich da drüber trauen?
KOPETZ: Nicolas Sarkozy hat es in Frankreich gerade vorgemacht, auch Merkel in Deutschland. Die Schweden haben seit Jahren eine Emissionssteuer. Unsere Politiker sollten den selben Mut haben.
Warum haben sie ihn nicht?
KOPETZ: Weil der Einfluss der fossilen Energiewirtschaft auf unsere Regierenden zu hoch ist. Es ist eine Riesenblamage, dass gerade Österreich als einziges EU-Land höchstwahrscheinlich die Kyoto-Ziele nicht erreichen wird.
Warum sind wir in der holzreichen Steiermark in dieser Hinsicht nicht schon längst viel weiter?
KOPETZ: Im Wärmebereich wird in der Steiermark schon sehr viel getan. Bei Hackschnitzel- und Pelletsheizungen sind wir führend in Europa. Wärme aus Holz nimmt ständig zu. Auch bei der Solarthermie liegen wir gut. Bei der Stromerzeugung haben wir zuletzt international aber viel an Terrain verloren.
Zum Abschluss: Woher bezieht der Chef des Europäischen Biomasseverbandes seine Energie?
KOPETZ: Ich habe eine Fotovoltaikanlage, mit der ich seit kurzem sogar ins Stromnetz der Estag einspeise. Früher hatte ich eine monatliche Stromrechnung von 120 Euro, jetzt liegt sie bei 15 Euro.
Features
Zur Person
Heinz Kopetz, geboren am 19. 5. 1941, studierte Landwirtschaft in Wien und den USA.
Von 1974 bis 2006 Kammeramtsdirektor der steirischen Landwirtschaftskammer.
Seit 1997 Chef des Biomasseverbandes Österreich, seit 2006 europaweiter Biomasse-Chef.
"DIE VERMEIDBARE ENERGIEKRISE"
Warum ein Energienotstand in den nächsten 15 Jahren eintreten könnte und wodurch er sich vermeiden ließe, sind Themen des Buches von Heinz Kopetz, der seit mehr als 20 Jahren für die Nutzung bäuerlicher Biomasse und Solarenergie kämpft.
Der Autor untermauert mit detaillierten Studien und Zukunftsszenarien, wer an welchen Stellen die Hebel zur Energiewende in Bewegung setzen muss.
Zu bestellen unter: www.biomasseverband.at






