Klimakonferenz nur ein Gipfel der Heucheleien?
Der Punkt unumkehrbarer ökologischer Schäden könnte schon vor 2050 erreicht sein, so Experten - doch schon vor der nahenden Uno-Konferenz in Kopenhagen wird politisch tüchtig gebremst.

Foto © APA"Die Spitze des Eisbergs", Installation des Künstlers Inuk Silis Höegh zum Gipfel
Ein Klimagipfel, der schon im Vorfeld zur Farce wird, ein weiteres Lippenbekenntnis, das die Umwelt bis in ihren Untergang vertröstet? Was im Vorfeld der UNO-Konferenz vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen als Ziel ausgegeben wurde, könnte Umweltschützer skeptischer nicht stimmen: Eine juristisch unverbindliche Willenserklärung, nur eine "politische Einigung als Startschuss für weitere Verhandlungen", bloß ein "Minimalkonsens" wird da angestrebt: Der dänische Gastgeber Lars Lökke Rasmussen hatte dies wenige Wochen vor Start des Mammuttreffens nach einer Vorbereitungsrunde allen Ernstes als "Durchbruch" für seine Bemühungen um einen erfolgreichen Abschluss gefeiert. Man muss kein "Öko-Fundi" sein, um diese Jubelmeldung anzuzweifeln.
Unumkehrbare Folgen vor 2050?
Dass die Zeit drängt, machen nun z. B. die Umweltstiftung des deutschen WWF und der deutsche Finanzkonzern Allianz SE klar: Bereits vor dem Jahr 2050 könnten laut aktueller Studie "Kipp-Punkte" erreicht werden, die ökologische Folgen samt Billiarden-Dollar-Schäden unumkehrbar machen: Dazu gehören laut Expertenmeinung z. B. die Eisschmelze an den Polen, die Trockenheit in Kalifornien in den USA, die Veränderungen des Sommermonsuns in Indien und das Waldsterben am Amazonas. Das Abschmelzen der Polkappen könnte bereits vor 2050 zu einem Meeresspiegelanstieg von einem halben Meter führen - in 136 Küstenstädten mit mehr als einer Million Einwohner seien Vermögenswerte von über 28 Billionen US-Dollar (18.900 Milliarden Euro) gefährdet. Bis 2100 könnten zudem laut Studie 70 Prozent des Amazonas-Regenwaldes absterben.
Special
Dass es trotzdem radikal nach unten geschraubte Ziele sind, die man für Kopenhagen vor Politikeraugen hat, wurde mittlerweile auch von der Europäischen Union unumwunden zugegeben: Nur ein politisches, aber kein juristisch bindendes Abkommen solle es geben - auch von europäischer Seite schlägt man also jene Linie ein, die zuvor unter anderem von den USA, China und Russland und eben Veranstalterland Dänemark als Marschrichtung ausgegeben worden war: Verminderung der Treibhausgase? Ja, sicher doch, aber mehr als der bloße Willen dazu wird einmal mehr nicht bekundet - sollen doch die anderen erste Schritte setzen. Auch der österreichische Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) gab sich von den bescheidenen Zielen - frei nach dem politisch gängigen Motto: "Wer sich schon zuvor selbst jeden Wind aus den Segeln nimmt, kann auch 'Peanuts' als Erfolg verkaufen" - überrascht: Man müsse wenigstens bis "zum Schluss um ein rechtlich verbindliches Abkommen kämpfen". Endgültig gescheitert sei Kopenhagen deshalb aber noch nicht.
Obamas Schlüsselrolle zu China
Vor allem an konkreten Zahlen zur CO2-Reduktion mangelt es nach wie vor: Viele Staaten der Welt zögern beharrlich damit, ihre Beitragszahlen zur Begrenzung des Ausstoßes von Kohlendioxid auf den Tisch zu legen. Immerhin hat sich ja auch Russland der EU-Haltung angeschlossen - ohne weitreichende Zugeständnisse der USA und Chinas, die zusammen für rund 40 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich sind, wird es aber freilich nicht gehen. Gerade auf Barack Obama (er will "sofortige Taten" als Ergebnis des Klimagipfels in Dänemark sehen) ruhen einmal mehr viele Hoffnungen. Von "neuer Dynamik", die der amerikanische "Yes, we can"-Präsident da ins lecke Klima-Boot bringt, spricht auch Berlakovich. Man wird sehen, was dem US-Visionär, der zuletzt stark an Zustimmung einbüßte, in Kopenhagen gelingt bzw. was nach der Konferenz als Erfolg verkauft wird. Und was die von ihm verabredete "Zusammenarbeit" mit der chinesischen Führung, für die Umweltschutz bislang ein Fremdwort war, denn wirklich bringt.
Wenigstens vier Fragen sollen - glaubt man der offiziellen Homepage zur Klimakonferenz, die von "Essentials" spricht - immerhin geklärt werden: "Um welchen Prozentsatz wollen Industrienstaaten ihre Treibhausgase verringern? Wie viel wollen Schwellenländer wie China und Indien dafür tun? Wie kann man Entwicklungsländer bei diesen Bestrebungen unterstützen? Wie werden diese Zielsetzungen finanziert?" Selbst die Beantwortung dieser Fragen dürfte aber bei weitem nicht genug sein: Man dürfe anspruchsvolle Klimaschutz-Ziele nicht auf den viel zitierten "St. Nimmerleinstag" verschieben, meinte zuletzt auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Heucheln hat der Umwelt noch nie geholfen.
Zitiert
Ohne Beteiligung von China und der USA werden wir die Klimakrise nicht unter Kontrolle bringen.
EU-Umweltkommissar Stavros Dimas vor dem Klimagipfel
Zum Thema
Klimakonferenz
Die UNO-Klimakonferenz findet zwischen dem 7. und 18. De-zember 2009 im Bella Center in Kopenhagen, Dänemark, statt. Sie ist die bereits 15. Konferenz der Vertragsstaaten der Klima-rahmen-Konvention der UNO. Die internationale Staatengemein-schaft kommt dort zusammen, um - theoretisch - ein Nachfolgeab-kommen für das Kyoto-Protokoll von Ende 1997 auszuhandeln.








-Anzeigen