Dschingis Khan feiert mit Nikolo
Die mongolische Flüchtlingsfamilie von Lunuu Badrakh hat in Kärnten eine neue Heimat gefunden. Ob sie endgültig hier bleiben darf, ist aber immer noch nicht fix. Ein Hausbesuch.

Foto © WeichselbraunLunuu Badrakh mit Purevjal und Eknhmurun. Der Jüngste, Bilguun, war zum Fototermin noch im Kindergarten
Dschingis Khan blickt gnädig auf seine kleine Nikolo-Truppe herab. Die Schokoheiligen stehen auf dem Kühlschrank aufgereiht, als bildeten sie eine schützende Phalanx vor dem Porträt des legendären mongolischen Anführers. Asiatische Kultur und christliche Tradition treffen aufeinander, stehen nebeneinander: Willkommen bei der Familie Badrakh.
Vater Lunuu, Tochter Enkhmurun und die beiden Söhne Bilguun und Purevjal sind vorerst in ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand von Klagenfurt in Sicherheit. Seit Juni drohte der mongolischen Flüchtlingsfamilie die Abschiebung, ihr Asylantrag wurde vom Asylgerichtshof abgelehnt. Anfang November wurde ihre missliche Lage bekannt, auf Druck der Öffentlichkeit setzten sich Kärntner Politiker über die Parteigrenzen hinweg für die Familie ein. Mit Erfolg. Die Ausweißung wurde ausgesetzt, der Asylantrag erneut vom Asylgerichtshof begutachtet. Die Prüfung läuft noch immer.
Auf die nächste Entscheidung warten die Badrakhs hoffnungsvoll. Schließlich haben sie unverhofften Rückhalt aus der Bevölkerung erfahren: "Es gibt Leute, die uns auf der Straße anreden und Mut zusprechen. Die sagen dann: ,Ihr schafft das schon!' Das gibt Kraft", erzählt Lunuu. Das Leben der Familie hat sich seit ihrer Bekanntheit verändert - zum Positiven. "Früher fühlten wir ständig die Anspannung: Dürfen wir bleiben, dürfen wir nicht? Doch die vergangenen Tage haben uns gezeigt, dass die Menschen auf unserer Seite stehen."
Dankbarkeit
Das tun die Kärntner tatsächlich. Die Unterstützung fällt nicht nur moralisch aus: Etwa wenn die Kinder, die ohne jegliche Sozialversicherung über die Runden kommen müssen, medizinische Hilfe brauchen. Dann erklären sich Ärzte bereit, gratis zu behandeln und die Medikamente zu besorgen. "Wir sind glücklich, dass uns so viele Leute helfen", sagt Lunuu. Er unterbricht seine Erzählungen immer wieder, um seine Dankbarkeit zu betonen. "Das ist mir wichtig." Die Badrakhs leben bescheiden. Lunuu hat wegen des Asylwerberstatus keine Arbeitsgenehmigung, auch deshalb brennt er auf eine rasche Entscheidung: Er will unbedingt arbeiten. Zusagen für einen Job hat er bereits, er könnte bei einer Baufirma anfangen. "Das Nichtstun ist eine Belastung für mich. Arbeiten ist einfach besser", findet Lunuu.
Denn wenn die Kinder in der Schule sind und der Jüngste in den Kindergarten gebracht wurde, ist für Lunuu der Tag mehr oder weniger gelaufen. Abwechslung bringt seit Kurzem ein Deutschkurs, den er regelmäßig besucht. Bisher musste seine Tochter als Übersetzerin einspringen, wenn es kompliziertere Anliegen auf Deutsch zu besprechen galt. Verstanden hat Lunuu eigentlich alles, nur selbst zu sprechen fiel ihm schwer. "Ich habe schon viel von meinen Kindern gelernt, aber manchmal sprechen sie zu schnell für mich."
Enkhmurun und Purevjal wurden zwar noch in der Mongolei geboren, sprechen das Kärntnerische jedoch so selbstverständlich wie sie atmen. Aber auch sie haben mit Fremdsprachen zu kämpfen, Enkhmurun büffelt gerade für eine ziemlich schwere Italienisch-Prüfung. "In der Hauptschule habe ich mir leichter getan." Dort war Enkhmurun auch Schulsprecherin, ihre Klassensprecher-Kollegen haben sie gewählt. In der Funktion verabschiedete sie Lehrer in die Pension, vertrat die Schüler bei Konferenzen. Und: Sie hielt die Abschlussrede bei der Schulmesse.
Plastikbaum
Im Wohnzimmer der Badrakhs stehen Buddhastatuen, Gebetsmühlen, Glücksbringer. Die Familie lebt nach dem buddhistischen Glauben. Weihnachten wird nicht extra gefeiert, wichtiger ist das Silvesterfest. Da gibt es die mongolischen "Buuz", mit Fleisch gefüllte Teigtaschen.
"Aber am Heiligen Abend schmücken wir schon einen Baum", sagt Purevjal. Es ist ein Plastikbaum, der schon öfter verwendet wurde. Aus Plastik ist wahrscheinlich auch der kleine weiße Engel, der das Bild einer jungen Frau bewacht. Es ist das Foto von Lunuus verstorbener Frau, der Mutter der drei Kinder. Sie wurde 2005, in ihrem ersten Jahr in Kärnten, von einem Lkw getötet. Das Bild steht ganz oben im Wohnzimmerkasten.
Die Familie hält zusammen. Sie gehen gerne gemeinsam in der Stadt spazieren, im Sommer trifft man die Badrakhs oft im Strandbad. Die beiden jüngeren sind große Fans vom Tretbootfahren. Purevjal ist überhaupt eine Sportskanone, jeden Donnerstag geht er zum Fußballtraining. Er ist Verteidiger. "Mir gefällt das Zusammenspielen mit anderen. Ich habe echt gute Teamkameraden." Auch Enkhmurun ist viel mit Freundinnen unterwegs, am liebsten in den City Arkaden. Lunuu fühlt sich in Kärnten wohl, ihm gefällt die "intakte Natur und die frische Luft". Aber Kärnten ist für ihn mehr geworden, als das Bundesland, in das ihn die Behörden des Asylzentrums Traiskirchen vor fünf Jahren geschickt haben. "Die Leute hier haben uns in den schwierigsten Stunden aufgefangen. Die Kärntner werden ja oft kritisiert, aber sie sind hilfsbereit, wenn es darauf ankommt."





