"Was bleibt, sind Zweifel"
Japan erfindet sich ein Jahr nach der Fukushima-Katastrophe neu: Energiesparen ist Volkssport geworden, doch den Glauben an ihr Land haben die Japaner verloren. Ein Lokalaugenschein.

Foto © APAÜber 15.000 Menschen starben an den Folgen des Erdbebens und der Flutwelle
Seit dem Unglück bezweifeln wir vieles, was unserem Land bisher Zusammenhalt gegeben hat", sagt die Ökonomin Noriko Hama, eine von Japans führenden Intellektuellen. "Unser Glaube an unsere Technologie, die Effektivität unseres Staatswesens und unsere Fähigkeit, Naturkatastrophen zu bewältigen - all das ist erschüttert." Von Japans insgesamt 54 AKWs sind ein Jahr nach der Katastrophe noch zwei in Betrieb.
Eine Nation erfindet sich neu
Ende April werden auch die letzten beiden Reaktoren für Wartungsarbeiten vom Netz genommen - vor Fukushima deckten AKWs rund ein Drittel von Japans Strombedarf ab. Diesen Sommer hängt die Nation der Technologiegläubigkeit komplett von herkömmlichen Energieressourcen ab. Nicht weniger erstaunlich ist, dass Japan trotz null Prozent Atomstrom keine Energieengpässe hat. Schon der harte Winter wurde ohne nennenswerte Probleme überbrückt. Im Japan des Paradigmenwechsels erfindet sich die Nation neu. Japan macht die Not zur Tugend. Energiesparen ist nationale Volksbeschäftigung geworden, Forschung konzentriert sich auf saubere Energien und die Behörden befinden sich in einem endlosen Erklärungsnotstand.
Nirgends ist die Verunsicherung stärker zu spüren als in Fukushima selbst. Einst war die Region bekannt für ihre heißen Quellen und ihr köstliches Obst. Noch heute hängen im Bahnhof der gleichnamigen Präfekturhauptstadt, die 50 Kilometer vom Unglückskraftwerk entfernt liegt, Werbungen für Thermalbäder, als würden hier bald wieder Touristengruppen aus dem Zug steigen. "Bis vor ein paar Monaten hat ja auch die Regierung noch behauptet, die Lebensmittel aus der Region seien sicher und könnten problemlos konsumiert werden", sagt Nobuyuki Abe. Der Mittvierziger steht hinter einem Tresen in einer von Fukushimas Shoppingmalls, vor sich eine Batterie Milchkartons, auf denen er die Strahlenwerte vermerkt hat, die er darin gemessen hat.
Abe ist Mitbegründer der Initiative "Bürgerstation für Strahlenmessung", eine von zahlreichen Anti-AKW-Organisationen, die im Vorjahr quasi aus dem Nichts entstanden sind, denn vor der Katastrophe war Kernenergie in Japan kein kontroversielles Thema. An Abes Stand kann jeder kostenlos die Belastung seiner Lebensmittel messen lassen.
Desillusioniert
Früher hätte sich Abe nicht träumen lassen, dass er in seiner Freizeit sozial und politisch aktiv werden würde. Ziviles Engagement hat in Japan keine Tradition. "Ich war immer sicher, dass es kein schöneres, sichereres und besser funktionierendes Land gibt als Japan", sagt er. "Aber jetzt fühle ich mich, als ob man mir mein Land gestohlen hätte." Einige Straßen weiter hat die Initiative "Mütter für Fukushima" Japans erstes Anti-AKW-Café eröffnet. "Wir wollten einen Raum schaffen, wo Mütter über ihre Sorgen sprechen können", sagt Frau Toyama, die das Café mit zwei Freundinnen führt. Oft werde diskutiert, ob man nicht aus Fukushima weg sollte.
Zwar ist das havarierte Kraftwerk nach Angaben von Tepco unter Kontrolle und die 300.000- Einwohner-Stadt muss nicht mehr akut befürchten, dass es zu einer neuen Explosion und radioaktiven Wolke kommen könnte. Doch welche Ausmaße die Verstrahlung von Grundwasser und Flüssen noch annehmen wird, ist bisher unklar, und auch eine sorgfältige Dekontamination der Stadt hat es bisher nicht gegeben. "Die meisten von uns sind hier geboren und wüssten gar nicht, wo sie hin sollten", sagt Toyama. "Auch der soziale Druck hierzubleiben, ist groß", meint sie. Wer Fukushima den Rücken kehre, stehe in den Augen vieler Bekannter als Verräter da.
Zerrissen
Sie selbst habe mit ihrer Familie einen Umzug in den Süden des Landes erwogen, bis sich ihr 17-jähriger Sohn querstellte, der nicht auf einen Schlag alle Freunde verlieren wollte. "Wenn wir gegangen wären, hätte dies unsere Familie zerrissen", sagt sie, "also sind wir geblieben."
Der frühere Obstbauer Sadami Namie, dessen Notunterkunft auf einem Parkplatz in Fukushima steht, hat seine Familie dagegen in den Süden Japans geschickt, nachdem er feststellen musste, wie wenig er den Angaben der Regierung vertrauen konnte. Nach dem Beben sei er zunächst froh gewesen, dass sein eigenes Haus kaum beschädigt worden sei, erzählt der Strahlenflüchtling. Als sich später Nachrichten über eine mögliche Kernschmelze verbreiteten, habe sein Sohn die Familie überredet, zur Sicherheit zu Verwandten zu fahren, die 30 Kilometer entfernt wohnten.
"Heute wissen wir, dass wir dort für die nächsten drei Tage direkt unter der radioaktiven Wolke waren", sagt Namie. "Und wir wissen auch, dass die Regierung es die ganze Zeit wusste und trotzdem keine Warnungen ausgegeben hat." Um sich selbst mache er sich keine großen Sorgen, wohl aber um seinen Sohn und seine Enkelin. "Dass ein Land, das die Atombombe erlebt hat, sein Volk noch einmal einer solchen Gefahr aussetzen würde, macht mich sprachlos", klagt er.
Features
Fakten
Ein verheerendes Erdbeben und eine gewaltige Flutwelle führten am 11. März 2011 in Japan zum Atomunfall von Fukushima. Die Naturkatastrophe fordert rund 15.800 Tote und mehr als 3.700 Vermisste.












