Atomkraft: Der weite Weg zum Ausstieg
Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima scheint die Welt vom Atomausstieg nichts mehr wissen zu wollen. Dennoch: Die Zahl der Reaktoren sinkt von Jahr zu Jahr weiter ab.

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Weg von der Atomkraft - die Botschaft war klar und verbreitete sich in den Wochen nach dem 11. März 2011 um den ganzen Erdball. Noch am Tag der atomaren Katastrophe in Japan brachen in Europa Diskussionen um einen Atomausstieg los. Drei Tage später verkürzte Deutschland die Laufzeiten seiner Reaktoren, die EU entschloss sich, über "Stresstests" die Sicherheit ihrer Anlagen zu prüfen. Kurz darauf stellte auch die Schweiz die Weichen für einen Atomausstieg, während die Italiener den ursprünglich geplanten Wiedereinstieg mit überwältigender Mehrheit ablehnten. Die Katastrophe von Fukushima schien die Welt zu verändern.
Aufbruchstimmung ist eingeschlafen
Ein Jahr später ist die Aufbruchsstimmung wieder eingeschlafen. Mit Ausnahme weniger europäischer Staaten scheint die Welt nicht daran zu denken, sich von der zivilen Nutzung der Kernspaltung zu verabschieden. 436 Reaktoren arbeiten heute in 30 Staaten, 63 neue Reaktoren sind im Bau. Heuer nehmen laut der Atomenergieorganisation IAEA fünf Staaten, darunter die Türkei, die Arbeiten an ihren allerersten Kernkraftwerken auf.
Ist die Welt nach Fukushima doch die alte geblieben? "Es hat sich schon etwas verändert", sagt der Wiener Risikoforscher Wolfgang Kromp. "Nur nicht in einem Ausmaß, das der Katastrophe wirklich gerecht wird." Zumindest Deutschland hält daran fest, im Jahr 2022 das letzte seiner Atomkraftwerke abzuschalten, acht Reaktoren sind bereits im Vorjahr für immer vom Netz gegangen. Auch die Schweiz und Belgien wollen aussteigen. "Wenn Deutschland dabei bleibt, dann wird sich mittelfristig ganz Europa aus der Atomkraft verabschieden", sagt Kromp.
Schwellenländer bauen fleißig weiter
In anderen Teilen der Welt allerdings tut sich diesbezüglich wenig. Allein China errichtet derzeit 26 Reaktoren, Russland zehn, Indien sieben. Während die Schwellenländer also tatsächlich bauen, existiert die Ausweitung der Atomkraft in der westlichen Welt fast nur in Form von Ankündigungen. Nur sechs Reaktoren an vier Standorten sind in Europa im Bau, im Atomland USA ist es ein einziger. Der Hauptgrund für diese Zurückhaltung sind die Kosten. Laut IAEA erfordern neue Kernkraftwerke Kapitalkosten von 2000 Euro je Kilowattstunde Leistung, Erdgaskraftwerke ein Viertel der Summe.
"Neue Atomkraftwerke rechnen sich nur, wenn der Staat mithilft und einen großen Teil der Kosten dem Steuerzahler aufdrückt", sagt Kromp. So habe allein Deutschland seit den Siebzigerjahren mehr als 200 Milliarden Euro an Steuergeld in die Atomkraft investiert. Dazu kommen Bauzeiten von teils zehn Jahren. Aus diesem Grund kämpften die Atomkonzerne in den vergangenen Jahrzehnten vorzugsweise darum, die Laufzeiten ihrer bestehenden Anlagen verlängern zu dürfen, anstatt neue zu bauen. Dennoch müssen jedes Jahr alte Atomkraftwerke vom Netz.
Immer weniger Reaktoren
Bereits 2005 rechnete das Fachblatt "Nuclear Engineering International" vor, dass bis 2015 weltweit alle sechs Wochen ein neues Kernkraftwerk in Betrieb gehen müsste, damit die Zahl der aktiven Reaktoren nicht sinkt. Im Jahrzehnt danach wäre es sogar ein Reaktor alle 18 Tage. Trotz des Zubaus in den Schwellenländern ein unrealistischer Wert. Die Atomreaktoren werden also auf Sicht weniger. Fukushima hat diese Entwicklung beschleunigt - wenn auch der Weg bis zum weltweiten Ende der Atomkraft immer noch weit ist.











