Greenpeace kritisiert Schutz der Bevölkerung vor Strahlung
Laut Greenpeace wird die japanische Bevölkerung nicht ausreichend vor der Radioaktivität geschützt. So seien zum Beispiel radioaktiv verseuchte Kinderspielplätze nicht gesperrt worden.

Foto © ReutersEin Greenpeace-Mitarbeiter misst die Radioaktivität in einer verseuchten Ortschaft
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat der japanischen Regierung vorgeworfen, die Bevölkerung nicht ausreichend vor der Radioaktivität aus den zerstörten Reaktoren von Fukushima zu schützen. Die Informationspolitik der Behörden sei "katastrophal" und setze die Menschen einem "hohen Risiko" aus, sagte Thomas Breuer, Leiter des Atom- und Energiebereichs bei Greenpeace Deutschland, am Montag in Hamburg nach seiner Rückkehr aus dem betroffenen Gebiet. Greenpeace-Teams messen dort die Strahlung.
Japans Regierung erwägt, die Evakuierungszone über 20 Kilometer hinaus partiell auszuweiten. In einer Zone zwischen 20 und 30 Kilometern um das Werk sind Bewohner aufgerufen, sich freiwillig in Sicherheit zu bringen. In den von radioaktivem Fallout betroffenen Regionen, die außerhalb des offiziellen Evakuierungsradius von derzeit 20 Kilometern rund um das zerstörte Kraftwerk lägen, seien nicht einmal einfachste Schutzmaßnahmen wie die Sperrung von Kinderspielplätzen oder Parks getroffen worden, kritisierte Breuer. Die Strahlenbelastung sei aber auch weit außerhalb dieser Zone teils bedenklich. Zumindest die am stärksten verseuchten Orte müssten evakuiert werden, andere so gut wie möglich dekontaminiert und gereinigt.
Unzufrieden mit Krisenmanagement
Auch die Bevölkerung ist mit dem Krisenmanagement offensichtlich unzufrieden: Die Mehrheit der Japaner stellte Ministerpräsident Naoto Kan ein miserables Zeugnis für seinen Umgang mit der Atomkatastrophe aus. Nahezu 70 Prozent sprachen sich in einer am Montag veröffentlichten Umfrage der Tageszeitung "Nikkei" für einen Wechsel an der Spitze der Regierung aus. Fast ebenso viele halten Kans bisherige Reaktion auf die Havarie in Fukushima für nicht akzeptabel.
In der Kraftwerksruine versuchten die Arbeiter weiter, die Massen an verseuchtem Wasser loszuwerden. Sie hoffen, dieses bald aus einem Schacht des Reaktors 2 in eine Müllbeseitigungsanlage abpumpen zu können, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Jiji Press am Montag. Mit Hilfe ferngesteuerter Roboter überprüfen die Arbeiter Strahlendosis und Temperatur in den Anlagen 1 bis 3. Laut Betreiber Tepco können die Reaktoren frühestens in etwa sechs Monaten stabilisiert werden.
Im Zentrum der Stadt Fukushima, 60 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, maß Greenpeace in den vergangenen Wochen im Schnitt Strahlenwerte von drei Mikrosievert pro Stunde. Das bedeutet, dass ein Mensch in zwei Wochen die zulässige Jahresdosis abbekommt. In den am stärksten verstrahlten Orten wie dem Dorf Itate seien Werte von fast 50 Mikrosievert je Stunde erreicht worden. Dort werde die Jahresdosis in rund zwei Tagen erreicht, sagte Breuer. "Das sind dramatische Zahlen." Auf sandigen oder erdigen Böden, etwa auf Spielplätzen, ist die Belastung besonders hoch, weil sich radioaktive Partikel darin gut verfangen.
Anders als 1986 rund um Tschernobyl gebe es bei Fukushima keine Kontrollen des Verkehrs, kritisierte Breuer. Obwohl mitten durch das Gebiet eine stark befahrene Fernroute führe, gebe es keine Radioaktivitätsmessungen an den Fahrzeugen. Auch die Bauern würden mit dem Strahlenproblem alleingelassen. Sie erhielten keine Informationen darüber, was sie mit ihren Feldfrüchten machen und wie sie mit dem kontaminierten Land in Zukunft umgehen sollten.
Bei Untersuchungen fanden die Greenpeace-Experten in den vergangenen Wochen im Umkreis von Fukushima schon mehrfach kontaminierte Lebensmittel, sogar in Supermärkten. Die japanische Regierung müsse endlich ein flächendeckendes Kontrollsystem für Nahrungsmittel rund um Fukushima auf die Beine stellen, forderte Breuer. "Die Probleme werden noch über Jahrzehnte in der Region sein."
In dem Atomkraftwerk Fukushima eins waren nach der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe am 11. März mehrere Atomreaktoren außer Kontrolle geraten. Es kam zu Explosionen und Bränden, es trat massiv Radioaktivität aus. Inzwischen stufen die Behörden das Atomunglück auf der höchsten Stufe der internationalen Ines-Störfallskala ein. Es liegt damit gleichauf mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986.











