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Zuletzt aktualisiert: 29.03.2011 um 19:53 UhrKommentare

"Kampf, der eigentlich nicht beherrschbar ist"

Keine Entspannung in Fukushima. "Wir sind Zeugen von einem Kampf, der eigentlich nicht beherrschbar ist", sagt der AKW-Experte Emmerich Seidelberger: "Man weiß nicht, was passiert".

Foto © AP

Die Atomkatastrophe in Fukushima dauert seit fast drei Wochen an. Als Laie hat man den Eindruck, dass sich nichts verbessert hat. Im Gegenteil, jeden Tag kommen neue Hiobsbotschaften dazu. EMMERICH SEIDELBERGER: Dieser Eindruck täuscht auch den Laien nicht. Die Zeit seit dem Unfall ist sehr, sehr lang. Die Situation ist nach wie vor sehr, sehr ernst. Denn es ist noch nicht gelungen, die Kühlung im Reaktor zur Abfuhr der Wärme wieder intakt zu bringen. Denn das Ziel wäre ja, dass man wie bei einem Durchlauferhitzer Wasser umwälzt, kaltes einspeist, warmes Wasser wird abgezogen - aber davon ist man noch weit, weit entfernt.

Man weiß, dass bis jetzt schon sehr viel radioaktive Strahlung nach draußen gekommen ist. . . SEIDELBERGER: Ja.

Die Arbeiter in Fukushima werden plakativ "Die Todgeweihten" genannt. Sind sie das? SEIDELBERGER: Ich bin kein Strahlenmediziner, aber es ist wahrscheinlich, dass diese Männer beachtliche Schäden davontragen.

Gilt das auch für die Japaner, die knapp an der Evakuierungszone leben? Ist das 30-Kilometer-Areal nicht lächerlich angesichts des Ausmaßes der Katastrophe? SEIDELBERGER: Wie man schon an Tschernobyl sehen konnte, war diese 30-Kilometer-Zone bei Weitem nicht ausreichend. In Zukunft wird man sicher gewaltige Überlegungen anstellen müssen.

Ist es nicht eine Illusion der Menschen in Tokio, wenn sie glauben, dass sie von der radioaktiven Strahlung verschont bleiben? Fukushima-Tokio - nur eine Entfernung wie Graz-Salzburg. SEIDELBERGER: Sie sagen es. Man kann nicht sagen, dass Tokio ungeschoren davonkommt. Man weiß auch nicht, was passiert, wenn der Reaktorkern nicht gekühlt werden kann, wo sich sonst noch Lecks finden und dadurch Radioaktivität ins Grundwasser oder ins Meer kommt. Wir können leider noch nicht sagen: Es war. Wir sind noch mittendrin in der Katastrophe. Und wir sind Zeugen von einem Kampf, der eigentlich nicht beherrschbar ist.

Haben Sie den Eindruck, dass Japan die Situation im Griff hat? Einige Atomexperten fordern, dass sich die UNO einmischen sollte. SEIDELBERGER: Bei einer Katastrophe dieses Ausmaßes muss sich meiner Meinung nach auch die Weltgemeinschaft zusammenschließen. Aber natürlich muss der Nationalstaat entscheiden, ob er Hilfe von außen annimmt. Und das ist schwierig, weil ein Land dann zugibt, zu kapitulieren. Aber es ist notwendig, dass man Hilfe und Maßnahmen in größerem Umfang überdenkt.

Von Anfang an war Japans Regierung bemüht zu beschwichtigen, nur keine Panik aufkommen zu lassen. Aber genau das hat die Menschen besonders verunsichert. SEIDELBERGER: Als Ingenieur würde ich sagen: Man hat gehofft, dass man die Katastrophe früher in den Griff bekommt.

Das heißt also, dass man anfangs vertuschen wollte. SEIDELBERGER: Man hätte am Anfang schon sagen können, wenn uns das und das bis dahin nicht gelingt, bekommen wir Probleme dieser und jener Art. Aber diese Offenheit - tja - da hätte ein Mann mit Mut auftreten müssen.

INTERVIEW: MANUELA SWOBODA

Die Katastrophe

Ein verheerendes Erdbeben und eine gewaltige Flutwelle führten am 11. März 2011 in Japan zum Atomunfall von Fukushima.

Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 ist das bisher schwerste in der Geschichte Japans. Es löst auch einen Tsunami aus. Mehr als 260 Küstenstädte wurden zum großen Teil zerstört.

Die Naturkatastrophe fordert rund 15.800 Tote und mehr als 3.700 Vermisste.

Die Katastrophenregion um Fukushima ist auf Jahrzehnte oder noch länger unbewohnbar. Mehr als 100.000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen, Tausende leben noch immer in Notunterkünften.

Über 10.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser fließen in den Ozean. Es gerät 168 mal so viel Cäsium 137 in die Umwelt wie bei der Explosion der Hiroshima-Bombe.

 

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Die Erde bebt, die Kamera läuft

Viele Menschen haben das Geschehen in Japan in ergreifenden Videos festgehalten - ihre Aufnahmen dokumentieren das Ausmaß der Katastrophe. Außerdem: Video-Interviews mit Experten.

Atomkraftwerke rund um Österreich

200 Kilometer rund um Österreich stehen 31 Atomreaktoren. Auch in erdbebengefährdeten Gebieten.



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