Falsche Informationen schüren Todesangst
Das Zehnmillionenfache der normalen Strahlung sei gemessen worden, hieß es. Dann war vom 100.000-Fachen die Rede. SuperGAU, so oder so.

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Es ist ein Widerspruch gemessen an der Dramatik der Ereignisse, aber ein durchaus menschliches Phänomen: Kaum jemand will sie noch hören, sehen oder über die immer neuen Schreckensbotschaften aus Japan lesen. "Die Sättigung ist erreicht", sagt Linda Pelzmann, Uni-Professorin für Psychologie, "je dramatischer die Ereignisse sind, desto mehr sucht man Ablenkung. Man will zum Alltag zurückkehren." Anders sei die Situation bei den Betroffenen, sagt Pelzmann: "Sie wollen jetzt nur hören, dass es aufwärts geht."
Vorerst scheint diese Hoffnung allerdings vergebens zu sein. Vieles deutet darauf hin, dass das AKW Fukushima auf den nuklearen SuperGAU zusteuert, sollte dieser nicht längst eingetreten sein. Selbst Experten zögern, die Lage einzuschätzen, zumal die Informationen des Betreibers widersprüchlich sind. Hieß es zunächst, aus Reaktor 2 sei Wasser mit dem Zehnmillionenfachen der zulässigen Strahlung ausgetreten, so machte Tepco später einen Rückzieher. Die Radioaktivität sei zwar besorgniserregend hoch, aber "nur" 100.000 Mal höher als normal, erklärte Sakae Muto, der Vizepräsident des Unternehmens. Die Arbeiten am Reaktor wurden jedenfalls gestoppt.
Suche nach Plutonium
Unklar ist, wie viele Tepco-Mitarbeiter bereits verstrahlt sind. Aber nicht nur sie bangen um ihr Leben. Im Meer nahe Fukushima steigt die Strahlung weiter: Das 1850-fache der Belastung mit radioaktivem Jod wurde gemessen. Tepco lässt im Boden nach hochgiftigem Plutonium suchen.
Entwarnung dürfte es noch lang nicht geben: "Die Krise kann noch Wochen oder Monate dauern", sagt Yukiya Amano, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Die Behörden seien nicht sicher, ob die verbrauchten Brennstäbe und die Reaktorkerne mit genügend Kühlwasser bedeckt sind.
Immer noch nehmen die meisten Japaner ihr Schicksal wenigstens nach außen hin ruhig an.
Unvorstellbar ist, wie es im Inneren von hunderttausenden Menschen aussieht, die durch Beben und Tsunami Wohnung, Arbeit - und vor allem geliebte Menschen - verloren haben. Kaiser Akihito, den sein Volk einem Gott ähnlich verehrt, bewies jetzt erneut Menschlichkeit: Er ließ in Nasu die Kaiserliche Villa öffnen, wo durchfrorene Bewohner von Notlagern jetzt wenigstens heiße Bäder nehmen können.
In der japanischen Hauptstadt Tokio gingen gestern Massen aus Protest gegen den AKW-Betreiber Tepco auf die Straße. International ebbt die Welle des Widerstandes gegen die Kernenergie nicht ab: Hunderttausende nahmen am Wochenende in deutschen und italienischen Städten an Großdemonstrationen teil.











