Nicht einmal die Toten finden Ruhe
Im Zwischenreich des Todes: In den japanischen Katastrophengebieten müssen die Überlebenden zwischen Leichenbergen dahinvegetieren.

Foto © Reuters
Der Frühlingsbeginn, in Japan ein Feiertag, war diesmal ein Trauertag. Das Kirschblütenfest, Inbegriff der japanischen Kultur, entfiel im ganzen Land. Vor einem Jahr standen die Kirschbäume bereits in voller Blüte, heuer sind sie grau und kahl. Als würde die Natur das widerspiegeln, was sich in den Menschen abspielt. Kalte verstrahlte nördliche Winde halten die warmen südlichen zurück.
Wird der Tag der Kirschblüte sonst lautstark mit reichlich Sake gefeiert, blieb es diesmal so still im Land wie im Senen-Krankenhaus in Tagajo, das vom Tsunami schwer getroffen wurde. Selbst Sauerstoff und Antibiotika sind Mangelware im sechsstöckigen Spital, das seit dem elften März nur noch eine bessere Ruine ist, in der aber immer noch Dutzende Patienten versorgt werden müssen. Seit eineinhalb Wochen ohne Strom, daher gibt es für die Patienten kaum warme Mahlzeiten, geschweige denn, eine richtige Pflege. Ärzte und Schwestern arbeiten in 24-Stunden-Schichten, um die älteren Menschen wenigstens am Leben zu halten.
Die Erwachsenenwindeln werden mit Zeitungspapier abgewischt, um sie wieder und wieder gebrauchen zu können. Elf ältere Patienten starben an einem Tag. "Sie würden noch leben, wenn wir hätten, was wir brauchen", sagt die Ärztin Satsuki Ishigaki.
Ein kalter Wind weht durch die dunklen Gänge des Krankenhauses, das inzwischen wenigstens am Abend zwei Stunden Licht hat, seit die Regierung einen Generator brachte und etwas vom rationierten Diesel. Helfer aus nahen Evakuierungslagern bringen Essen und Handtücher. Auch einen Gaskocher haben sie mitgebracht, was bedeutet, dass es zumindest einmal am Tag für die Kranken eine warme Mahlzeit gibt. "Wir nehmen alles, was wir kriegen können", sagt Takahiro Suzuki, der Chef des Krankenhauses. "Mir ist schon klar, dass die Regierung überfordert ist, doch das geht viel zu langsam."
Massengräber
Die Region, in der das Senen-Krankenhaus liegt, soll noch diese Woche wieder an das Stromnetz angeschlossen werden. Im Krankenhaus wird es trotzdem kalt und dunkel bleiben.
Der Heizkessel, die Elektroschränke und die wichtigsten Maschinen standen im überfluteten Erdgeschoss und sind seitdem unbrauchbar. Inzwischen haben Polizeiärzte in den zwölf Erdbeben- und Tsunamiprovinzen 9080 Tote obduziert und identifiziert. Eigentlich müssen Verstorbene in Japan eingeäschert werden. Weil es keine Leichenhallen mehr gibt, sondern nur Leichenberge, und weil Treibstoff für die Krematorien fehlt, erlauben die Behörden eine Umgehung des Gesetzes: Die Toten werden begraben - vorübergehend. Die Kleinstadt Higashimatsushima hat ein Stück Land für die Beerdigung von 1000 Toten vorbereitet, wo es jetzt das erste Gruppenbegräbnis gab.
Innerhalb von zwei Jahren sollen die Toten exhumiert und eingeäschert werden. In Japan finden in dieser schwere Zeit nicht einmal die Toten Ruhe.













