Pazifik: Testgelände, Deponie und U-Boot-Friedhof
Die nukleare Wolke über dem Pazifik ist nicht die erste Strahlenverseuchung, die der Ozean verkraften muss. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden im Pazifik Atomtests statt und radioaktiver Abfall wurde einfach ins Meer gekippt.

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Während die Welt gebannt die Bemühungen verfolgt, das Kernkraftwerk Fukushima eins an der japanischen Pazifik-Küste vor dem Super-GAU zu retten, hat Matashichi Oishi seinen persönlichen Super-GAU hinter sich: Am 1. März 1954 war der japanische Fischer mit 22 Kameraden Augenzeuge der ersten Wasserstoffbombe, gezündet von den USA auf dem Bikini-Atoll im Pazifik. Japan war nach Hiroshima und Nagasaki neuerlich Zeuge militärisch eingesetzter Atomkraft. Der sogenannte Bravo-Test hatte eine tausendmal höhere Sprengkraft als die Atombombe von Hiroshima.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bedienten sich die Weltmächte ungeniert des Pazifiks, um Atombomben zu testen: Die USA von 1946 bis 1958 der mikronesischen Marshall-Inseln, zu denen das Bikini-Atoll gehört, Frankreich von 1964 bis 1996 seines polynesischen Übersee-Territoriums - Stichwort: Mururoa-Atoll - und die Briten führten in den 50er Jahren ebenfalls im Pazifik Atomversuche durch. Die USA testeten dort 66 Atombomben, Frankreich 180 bis 190 - die Angaben gehen auseinander. Die Vereinigten Staaten haben inzwischen offiziell eingestanden, dass die Inselbewohner teils bewusst der radioaktiven Strahlung ausgesetzt wurden, um die Folgen eines Atomkrieges zu untersuchen.
Als Oishi und die anderen Fischer im März 1954 nach zwei Wochen in den Hafen einliefen, hatten einige die Haare verloren, Verbrennungen auf der Haut und waren ausgebleicht. Sie litten an Durchfall, die Zahl ihrer weißen Blutkörperchen war gefährlich niedrig. Der Funker des Fischerboots starb sechs Monate später, Überlebende erkrankten an Krebs. Die USA zahlten 1955 zwei Millionen Dollar (1,43 Mio. Euro) Entschädigung an Japan, womit auch die Kosten für medizinische Behandlung und Schäden für die Fischerei-Industrie abgegolten wurden. 1983 ließen die Vereinigten Staaten knapp 184 Millionen Dollar den inzwischen unabhängigen Marshall-Inseln zukommen, zu denen das Bikini-Atoll gehört. Oishi startete in den 80er Jahren eine Vortragsserie über Atomtests an Schulen, bei Versammlungen und in Museen.
Folgeschäden
Eine kleine Gruppe Menschen kämpft noch immer um Anerkennung ihrer Schäden: Ehemalige Bewohner des Bikini benachbarten Rongelap-Atolls, die erst 48 Stunden nach der Explosion evakuiert wurden. Die Atom-Flüchtlinge kehrten drei Jahre später zurück und mussten ihre verstrahlten Inseln 1985 neuerlich verlassen, nachdem sich Folgen der Atomtests gezeigt hatten: Krebserkrankungen, tot oder mit Missbildungen geborene Kinder. Seit damals leben die Menschen auf dem Kwajalein-Atoll und kommenden Oktober läuft eine Frist aus: Entweder sie kehren auf Rongelap zurück oder die USA stellen ihre Finanzhilfe ein. 45 Millionen Dollar haben die Vereinigten Staaten in Rongelap investiert, die Strahlung ist nach ihren Angaben niedriger als die Normalwerte in den USA und Europa. Nur die Hauptinsel sei gesäubert worden, kontern die früheren Bewohner des Atolls, nicht aber die an die 60 kleinen Inseln, von denen einige landwirtschaftlich genutzt wurden.
Frankreich nutzte polynesische Atolle von 1966 an 30 Jahre lang für seine Atomtests, die bis zur Unabhängigkeit Algeriens in der früheren Kolonie durchgeführt worden waren. Erst 1996 stellte der Staat nach weltweiten Protesten die Versuche ein. Auf den Atollen Mururoa und Fangataufa wurden angeblich etwa 41 Explosionen in der Atmosphäre und 146 unterirdische Kernversuche durchgeführt. 1995 versenkten französische Agenten das Greenpeace-Forschungsschiff "Rainbow Warrior" in einem neuseeländischen Hafen. Dessen Besatzung wollte weitere Atomtests auf Mururoa verhindern.
In Bohrschächten lagern nach wie vor große Mengen radioaktiven Abfalls, Mururoa ist Sperrgebiet. Das Magazin "New Scientist" berichtete 1998 unter Berufung auf einen Forschungsbericht der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO / IAEA), "mehrere Kilogramm" Plutonium lagerten im Sediment der Lagunen von Mururoa und Fangataufa. Radioaktives Tritium gelange aus Höhlen, die bei den unterirdischen Tests entstanden, ins Meereswasser. Die Belastung sei dort zehnmal höher als auf dem offenen Meer.
Vergleichsweise rücksichtsvoll war Großbritannien in seinem Umgang mit dem Pazifik: Neun Atomtests wurden auf den damaligen Christmas Islands und auf Malden island durchgeführt, ehe das Land sich dem Verbot oberirdischer Tests anschloss und seine Versuche in Kooperation mit den Vereinigten Staaten unterirdisch im US-Staat Nevada durchführte.
Atommüllhalde
Russland stand als pazifischer Atom-Sünder erst in den 90er Jahren am Pranger: Damals wurde bekannt, dass zumindest 30 Jahre lang radioaktiver Abfall unter anderem im Pazifischen Ozean nahe der japanischen Küste entsorgt wurde. Die Pazifik-Flotte Moskaus hatte laut 1993 erschienenen Medienberichten fast 7.000 Container im Meer versenkt, große Mengen flüssiger radioaktiver Stoffe sollen direkt in den Ozean geleitet worden sein. Im Jahr 2001 wurde ein russischer Journalist wegen seiner Berichte über die Lagerung von Atommüll im Pazifik zu vier Jahren Haft verurteilt. Schuldig gesprochen wurde er von einem Militärgericht in Wladiwostok wegen Spionage und Hochverrats - der frühere Marine-Offizier hatte 1997 Informationen an das staatliche japanische Fernsehen weitergegeben.
Abgesehen von radioaktiven Abfällen lagern auch Atom-U-Boote in den Tiefen des Ozeans. So sank 1980 ein sowjetisches U-Boot der "Echo"-Klasse mit fast 100 Mann Besatzung 140 Kilometer östlich der japanischen Hafenstadt Okinawa. 1983 sank ein ebenfalls sowjetisches Atom-Unterseeboot mit 90 Besatzungsmitgliedern vor der Halbinsel Kamtschatka. 1968 wurde nach Erkenntnissen der USA ein sowjetisches U-Boot mit Atomraketen an Bord nordwestlich von Hawaii von einer Explosion zerrissen - 80 Tote.












