Die Krise als Chance für Naoto Kan
Japan und die Welt schauen auf Naoto Kan. Japans Premier ist der oberste Krisenmanager des Landes und sein Vorgehen im Katastrophenfall wird entscheidend für zukünftige Wahlen sein.

Foto © APAJapans Premier Naoto Kan
Nationale Katastrophen sind nicht nur menschliche Tragödien, sondern auch politische Großereignisse, in denen Karrieren gemacht und zerstört werden können.
1962 erwarb sich der Hamburger Polizeisenator Helmut Schmidt im Kampf gegen die Sturmflut seinen Ruf als zupackender Krisenmanager, der ihn bis ins Kanzleramt trug. Sein Nachfolger Gerhard Schröder machte 2002 das Elb-Hochwasser erfolgreich zum Wahlkampfhelfer, während US-Präsident George W. Bush durch sein Versagen im Umgang mit dem Hurrikan Katrina 2005 sein politisches Ende einläutete.
In Japan rückt eine knappe Woche nach Beben und Tsunami und dem dadurch ausgelösten Kernreaktorunfall die Frage ins Visier, ob Regierungschef Naoto Kan nach der Katastrophe als Mann der Stunde dastehen wird oder als Mann von gestern.
Kurz vor dem Beben hatte sich der 64-Jährige noch gegen Rücktrittsforderungen wegen einer illegalen Wahlkampfspende verteidigen müssen. Seine Zustimmungswerte lagen bei 19 Prozent und die Zeitung Asahi prophezeite bereits baldige Neuwahlen, die Kan mit hoher Wahrscheinlichkeit zum fünften Premier in Folge mit einer Amtszeit von weniger als einem Jahr gemacht hätten.
Doch das Beben gibt Kan und seiner seit 2009 regierenden Demokratischen Partei Japans (DPJ) die Chance, nach eineinhalb Jahren der politischen Enttäuschungen noch einmal das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Zunächst schien Kan auch alles richtig zu machen. Schon kurz nach dem Beben schlüpfte Kan in die schlumpfblaue Uniform der Rettungskräfte, flog per Helikopter ins Krisengebiet und übernahm es fortan selbst, die Öffentlichkeit regelmäßig über das Ausmaß der Katastrophe und die Fortschritte der Rettungsmaßnahmen zu informieren.
Worte waren richtig
Kans Einsatzbereitschaft und Offenheit kommt bei den Japanern gut an, die nicht vergessen haben, dass bei ihrem letzten großen Erdbeben im Jahr 1995 der damalige Premier drei Tage lang auf Tauchstation gegangen war.
Außerdem hat Kan die Worte gefunden, die das Volk in einer solchen Ausnahmesituation hören will: dass Japan nun zusammenstehen müsse. Dass die Japaner die Krise bewältigen würden. Dass er, der Regierungschef, sein Leben geben würde, um das Land vor weiterem Schaden zu bewahren. Damit könnte Kan die Glaubwürdigkeit wiedererlangen, auf der er seinerzeit seine Karriere aufgebaut hatte: Der studierte Physiker und Jurist profilierte sich 1996 als Gesundheitsminister durch die Aufdeckung eines vertuschten Skandals um HIV-verseuchte Blutplasmakonserven. Doch Kans Kritiker zeichnen ein anderes Bild der Situation: Viel zu lange habe der Premier sich auf die Informationen des Kraftwerkbetreibers verlassen und dessen Verharmlosungen an die Öffentlichkeit weitergegeben.
Tage gezählt
Dabei ist Tepco in den vergangenen Jahren immer wieder dadurch aufgefallen, Unfälle zu vertuschen oder herunterzuspielen.
Erst vier Tage nach dem Beben, als aus den beschädigten Reaktoren schon mehrfach Strahlung entwichen war und der Wind die nächste radioaktive Wolke in Richtung Tokio zu blasen drohte, habe Kan eingriffen.
Auch aus den Tsunami-Gebieten kommen immer mehr Berichte, dass die Versorgungslage der Betroffenen längst nicht so gut ist, wie es in den ersten Tagen schien. Hat Kan die Größe seiner Aufgabe womöglich doch unterschätzt? Sollte sich diese Version der Geschehnisse durchsetzen, wären Kans Tage im Premierministerbungalow wohl gezählt.












