Die seltsamen Japaner
In der Katastrophe bewundern wir die Japaner. Ruhig und diszipliniert ertragen sie ihr Schicksal. Aber es gibt auch das andere Japan, das uns abstößt und schockiert.

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Laut Sprachführer heißt "ja" auf Japanisch "hai". Aber in Japan ist dieses "Ja" nicht unbedingt wörtlich zu nehmen. Es kann auch bedeuten, dass jemand damit lediglich bestätigt, dass er begriffen hat, dass man ihn etwas gefragt hat. Japaner sagen ungern "nein", weil sie auch ungern zugeben, etwas nicht zu wissen. Es gilt als unhöflich, seinen Gesprächspartner mit einer klar negativen Antwort zu brüskieren.
Dieses für uns merkwürdige Verhalten erklärt ein wenig, warum sich die große Mehrheit der Japaner im Angesicht der größten Katastrophe ihrer Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg so unaufgeregt verhält. Die oberste Maxime lautet: Nur dem anderen nicht offen seine Gefühle zeigen, ihn nicht mit eigenen Problemen behelligen. Daher können Japaner zwar perfekt planen und Pläne auch durchziehen. Aber wehe, es geschieht etwas Unvorhergesehenes. Dann herrscht blitzartig Chaos. Denn was die Japaner gar nicht beherrschen, ist die Kunst des Improvisierens.
Daher warten sie bei Ungeplantem wie dieser Katastrophe ruhig, beinahe stoisch ab, stellen sich diszipliniert in Schlangen an und regen sich nicht einmal über die aus europäischer Sicht geradezu skandalöse Desinformationspolitik ihrer Regierung auf.
Es ist dieses Japan, das wir in diesen Tagen für den Gleichmut seiner Menschen bewundern. Das Japan, das auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges ein blühendes Gemeinwesen schuf. Das Hightech-Land, die Wirtschaftsweltmacht. Es ist das Japan der militärischen Arbeitsdisziplin mit lebenslanger Firmentreue und maximal zwei Wochen Urlaub pro Jahr, das Japan, dessen Schul- und Universitätswesen Höchstleistungen ermöglicht.
Akohol und Spielsucht
Aber es gibt auch das andere Japan, das uns in seiner Andersartigkeit vor den Kopf stößt, das schockiert. Jenes Land, in dem der tägliche Leistungsdruck für immer mehr Menschen schier unerträglich ist. Jenes Land, in dem der Zehn-Stunden-Arbeitstag damit endet, dass man sich im Kollegenkreis mit Alkohol zuschüttet oder/und in riesigen Spielhallen abreagiert. Das Land, in dem an Straßenkreuzungen Automaten stehen, aus denen sich Männer Säckchen mit gebrauchten Mädchenslips drücken, an denen sie dann verzückt schnüffeln. Männer, die gern besonders brutale Vergewaltigungspornos konsumieren, und Mädchen in Schuluniformen, die sich anbieten, um mit einer "schnellen Nummer" Geld für Luxusklamotten zu verdienen.
Dieses Japan ist auch ein Land, in dem es - vor allem unter Jugendlichen - mehr Selbstmorde gibt als in jedem anderen. Ein Land, in dem niemand etwas dabei findet, dass beinahe ausgestorbene Tiere, wie Wale oder Thunfische, wider jede Vernunft weiter gejagt werden. Und es ist ein Land, das auch heute noch mehrheitlich nationalistisch und rassistisch ist. Bei der Eingangstür vieler japanischer Lokale prangt das Schild "Japanese only!" - "Geijin", also "Außenseiter", das japanische Wort für Ausländer, müssen draußen bleiben.
Aber bei all den Schattenseiten der japanischen Gesellschaft überwiegt in dieser dramatischen Zeit dennoch unsere Bewunderung für ein Volk, das nicht auf Hilfe von außen wartet, sondern tatkräftig versucht, die Katastrophe mit eigener Kraft zu überwinden.














