Todeszone wird immer größer
Endzeitszenario im Nordosten Japans: Schon sechs Atomreaktoren sind außer Kontrolle. Japaner flüchten vor dem Super-GAU in den Süden. Die meisten Ausländer verlassen das Land.

Foto © APAIn einer der vielen Notunterkünfte werden Kinder auf Radioaktivität untersucht
Längst fehlen die Worte, mit denen man die Katastrophe, vor allem aber das Leid und die Angst der Menschen gebührend beschreiben könnte. Ohne dass jemand dem Lauf der Dinge Einhalt gebieten könnte, gerät die Lage im Nordosten Japans immer mehr außer Kontrolle.
Die an sich so ruhigen Japaner kommen allmählich in Panik. Vor allem aus dem Umkreis der zerstörten Reaktorblöcke. In langen Autokolonnen flüchten Zehntausende in den Süden des Landes. Bereits 400.000 Menschen hausen in Notunterkünften. Auch in der Megametropole Tokio wird man allmählich unruhig. Ausländer verlassen in Scharen das Land, auch viele Japaner versuchen, ins Ausland zu fliegen. Und wer das nicht kann, fährt zumindest in Richtung Süden.
Die Schäden an mehreren Reaktoren des Atomkraftwerkes Fukushima sind mittlerweile so gravierend, die Strahlung ist so gefährlich, dass man die Techniker aus den Kontrollräumen abziehen musste. Statt 800 sollen nur noch 50 Mann in der gefährlichen Zone ausharren. Mit Hubschraubern will man jetzt Kühlwasser auf die Reaktoren abwerfen, darunter vor allem auf jenen, in dem alte Brennstäbe lagern.
Ansonsten gilt seit gestern ein Überflugverbot. Im Umkreis von 20 Kilometern darf sich niemand den Reaktoren nähern. Kernschmelze und die Möglichkeit, dass auch der Schutzmantel eines Reaktors Schaden nehmen könnte, galten als Super-GAU. Jetzt ist dieses Katastrophenszenario Realität geworden.
Inkompetenz und Irreführung verschärfen die Lage - nicht nur beim Volk. Auch die Nerven von Japans Regierungschef Naoto Kan liegen blank: Gestern früh ließ er sich in die Zentrale der Tokyo Electric Power Company (Tepco), dem Betreiber der Atomkraftwerke in Fukushima, fahren: "Was ist hier los?", soll er die Manager angeschrien haben.
"Weitere Lecks in AKW"
Über die aktuelle Lage hatte man Kan, der die Leitung des Krisenstabes übernommen hat, nicht persönlich informiert. Via Fernsehen hatte er den aktuellen Stand der Dinge erfahren.
Wenig später wandte sich der 64-Jährige persönlich im japanischen Fernsehen an das Volk: "Ihr müsst euch auf weitere Lecks im AKW Fukushima vorbereiten", erklärte er. Im Umkreis von 30 Kilometern solle niemand das Haus verlassen.
"Ja, wir müssen zu Hause bleiben", hat gestern eine junge Japanerin via Facebook gepostet. Viel schlimmer sei aber die Lage jener Menschen, die durch Erdbeben und Tsunami kein Haus mehr haben. In Notunterkünften fristen jene ihr Dasein, die wenigstens ihr Leben retten konnten.
Mindestens 10.000 Menschen dürfte die Naturgewalt in den Tod gerissen haben. Seit Tagen gehen Bilder um die Welt, die selbst dann schockierend wären, wenn es sich um Trickaufnahmen handelte, die ein Endzeit-Szenario illustrieren.
Glaubt man Geodynamikern, so hat der Horrorfilm eine Fortsetzung: Sie sagen noch ein Nachbeben mindestens der Stärke sieben voraus. Mit dieser Angst müssen die Menschen in der Katastrophenregion leben.
In Europa, wo man sich jetzt - fern der Gefahrenquelle - mit Jodtabletten und Geigerzählern eindeckt, ahnt niemand, wie sehr es unter den stets freundlichen und ruhigen Masken der Japaner brodelt. Geduldig stehen sie zwischen dem Gerümpel, das von ihren Häusern übrig ist, im Hochwasser, das der Tsunami hinterlassen hat, Schlange und prügeln sich nicht um Wasser und Brot.
Frieren im Freien
Alten Menschen mache die Lage jetzt am meisten zu schaffen, sagt Patrick Fuller vom Internationalen Roten Kreuz. Es fehlt nicht nur an Lebensmitteln, sondern auch an Medizin und Strom. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sind viele Menschen unterkühlt. Hilfstransporte schaffen es kaum bis in die am ärgsten in Mitleidenschaft gezogenen Zonen. Wo Straßen und Schienen waren, liegt alles in Trümmern. "Die Leute sind körperlich und psychisch erschöpft", sagt der Direktor einer Schule in Rikuzentakata, die zum Auffanglager umfunktioniert wurde. Rund 1800 Menschen müssen dort mit zehn Toiletten auskommen. Und sie sind dankbar dafür.
Für heute sagen die Meteorologen für die Region Regen und Schneefall voraus. Das würde auch die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung erhöhen, zumal die atomaren Wolken, die vom Kraftwerk Fukushima aufsteigen, dann mit dem Boden und letztlich mit Grundwasser in Berührung kommen.
Laut Berechnungen der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik soll sich der Wind heute wieder drehen und erneut in Richtung Pazifik treiben. Für die rund 35 Millionen Bewohner der Hauptstadt Tokio wäre das ein Grund, aufzuatmen. Stromabschaltungen, die zumindest bis Ende April jeden Tag Stunden dauern sollen.















