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Zuletzt aktualisiert: 13.03.2011 um 14:44 UhrKommentare

Strahlenbiologe: "Niemand weiß, was vor sich geht"

Wie kurz Japan vor einer Atom-Katastrophe steht ist unklar. In der Provinz Miyagi wurde am Sonntag eine 400 Mal höhere Radioaktivität als normal gemessen.

Foto © APA

Doch was bedeutet das für die Menschen? Und was genau geht in den Reaktorblöcken in Fukushima vor sich? Darüber sprach die Deutsche Presse-Agentur mit dem Strahlenbiologen Wolfgang-Ulrich Müller vom Institut für medizinische Strahlenbiologie am Universitätsklinikum Essen.

In der Provinz Miyagi wurde eine 400 mal höhere Radioaktivität als normal gemessen. Wie ernst ist die Lage?

Müller: "Wenn lediglich die Radioaktivität gemessen wurde, dann sagt das noch nichts aus über das Strahlenrisiko. Um das zu beurteilen, wäre eine Dosis-Messung wichtig. Dann könnte man Angaben machen etwa in Millisievert pro Stunde. Das ist eine Dosisleistung, da kann man die Dosis ermitteln, je nachdem, wie lange man sich dort aufhält. Ein Beispiel: bei einem Millisievert pro Stunde würde das bei einem Aufenthalt von zehn Stunden zehn Millisievert ausmachen. Wenn man aber nur die Radioaktivität misst, sagt das noch nichts aus. Es hängt davon ab, welche radioaktiven Stoffe gemessen werden. Und das können die Messgeräte, die jetzt vor Ort im Einsatz sind, nicht sagen."

Welche radioaktiven Stoffe sind gefährlich?

Müller: "Ob ein radioaktiver Stoff gefährlich ist, hängt von der Zerfallsart ab und davon, ob der Stoff in den Körper gelangen kann oder nicht. Bei einem Kernkraftwerk wird es vor allem um die Stoffe Cäsium 137 und Jod 131 gehen. Diese Stoffe können sehr schädlich für die Gesundheit sein, etwa im Fall des Jod 131 Schilddrüsenkrebs verursachen. Man muss aber beachten: Auf längeren Strecken verdünnen sich die Stoffe. Da spielen dann viele Faktoren eine Rolle: ob es regnet, wie stark der Wind ist, wie hoch die radioaktiven Stoffe in die Umgebung kommen, oder ob sie im Boden bleiben."

Es wurde gemeldet, dass mehrere Menschen bereits verstrahlt sind.

Müller: "Verstrahlt ist ein Begriff, den wir gar nicht mögen. Es gibt mit Sicherheit einige Personen, bei denen sich radioaktive Stoffe auf der Körperoberfläche niedergeschlagen haben - das nennen wir Kontamination - oder bei denen die Stoffe in den Körper gelangt sind - dabei sprechen wir von Inkorporation."

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Müller: "Wenn es "lediglich" eine Kontamination ist, dann versucht man, die Stoffe abzuwaschen mit normalem Wasser und Seifenschaum. Bei einer Inkorporation ist es wesentlich schwieriger. Da wird man versuchen, die Ausscheidungsrate zu erhöhen. Die Menschen müssen viel trinken und schwitzen, Abführmittel nehmen. Es gibt zudem wenige Medikamente, die man einsetzen kann, um die Stoffe aus dem Körper herauszubefördern. Wer Jod aufgenommen hat, sollte zuvor Jodtabletten genommen haben, um zu verhindern, dass der Stoff in die Schilddrüse gelangt. Von den Messdaten, die vorliegen, denke ich aber, dass man noch nicht von einer massiven Gefährdung sprechen kann. Bei Mitarbeitern des Kernkraftwerks kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass bei ihnen eine deutlich starke Kontamination oder Inkorporation vorliegt. Und das kann durchaus lebensgefährlich sein."

Reicht der verordnete Evakuierungsradius von 20 Kilometern aus?

Müller: "Ja. Das würden wir in Deutschland ähnlich handhaben." Die Angaben zu den Vorgängen in den Reaktorblöcken sind nicht eindeutig.

Wie beurteilen sie die derzeitige Informationspolitik?

Müller: "Das Problem derzeit ist: niemand weiß ganz genau, was dort vor sich geht und in welchem Ausmaß. Das ist auch das Problem der japanischen Regierung. Deswegen ist es auch keine Böswilligkeit, dass sie keine eindeutigen Informationen liefert. Sie weiß einfach selbst nicht genau, wie weit die Entwicklung fortgeschritten ist, ob eine Kernschmelze wirklich in Gang ist oder ob sie gestoppt ist. Zu dem tatsächlichen Ausmaß kann man derzeit einfach nichts sagen, da die dortigen Messgeräte mit großer Sicherheit kaputt sind."

Die Regierung spricht nun von einer teilweisen Kernschmelze. Was bedeutet das?

Müller: "Es muss nicht so sein, dass der ganze Kern schmilzt. Wenn nur einige Brennstäbe schmelzen, dann ist das eine Teilschmelze. Das ist zwar nicht wünschenswert, aber es ist noch beherrschbar, da es sich in der intakten Reaktorhülle abspielt. Wenn aber jetzt sehr viele dieser Kernbrennstäbe schmelzen, dann werden Hitze und Druck so groß, dass die Fundamente schmelzen und die Stahlhülle des Reaktors zerbricht. Dann würden massiv radioaktive Stoffe freigesetzt wie bei Tschernobyl."

Es wird nun versucht, die Reaktoren mit Meerwasser zu kühlen. Ist das der richtige Weg?

Müller: "Es gibt derzeit gar keine andere Möglichkeit. Würde man es nicht tun, würde man die Katastrophe heraufbeschwören." Was passiert anschließend mit dem Wasser? Müller: "Es wird wieder ins Meer geleitet, es bleibt gar nichts anderes übrig. Das ist soviel Wasser, das kann man nicht in Tanks auffangen, die irgendwo endgelagert werden."

Was bedeutet das für die Umwelt?

Müller: "Das ist im Moment nicht vorhersehbar. Es gibt keine Information darüber, wie stark der Bereich, wo das Wasser im Reaktor hingeleitet wird, kontaminiert ist. Man wird später Proben nehmen müssen, um das zu beurteilen. Aber im Moment haben wir ganz andere Sorgen. Das ist in der derzeitigen Situation das kleinste Übel."


Die Katastrophe

Ein verheerendes Erdbeben und eine gewaltige Flutwelle führten am 11. März 2011 in Japan zum Atomunfall von Fukushima.

Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 ist das bisher schwerste in der Geschichte Japans. Es löst auch einen Tsunami aus. Mehr als 260 Küstenstädte wurden zum großen Teil zerstört.

Die Naturkatastrophe fordert rund 15.800 Tote und mehr als 3.700 Vermisste.

Die Katastrophenregion um Fukushima ist auf Jahrzehnte oder noch länger unbewohnbar. Mehr als 100.000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen, Tausende leben noch immer in Notunterkünften.

Über 10.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser fließen in den Ozean. Es gerät 168 mal so viel Cäsium 137 in die Umwelt wie bei der Explosion der Hiroshima-Bombe.

 

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