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Zuletzt aktualisiert: 12.03.2011 um 17:10 UhrKommentare

Atomexperte: Kühlung birgt Chancen, aber auch Risiken

Der langjährige Atomexperte Helmut Rauch glaubt, dass die Kernschmelze im Atomreaktor von Fukushima 1 bereits in Gang gesetzt worden ist. In der Kühlung mit Meerwasser sieht er Chancen und Risiken.

Helmut Rauch

Foto © APAHelmut Rauch

Nach dem Unfall im Atomkraftwerk Fukushima 1 in Japan sieht der Wiener Atomexperte Helmut Rauch eine Chance, dass der Plan, den Reaktor mit Meerwasser zu kühlen, Erfolg haben könne. Das Vorhaben berge aber auch große Risiken und müsse sehr sorgfältig durchgeführt werden, sagte der langjähriger Leiter des Atominstituts in Wien im Gespräch mit der Austria Presse Agentur.

APA: Herr Prof. Rauch, wie schätzen Sie nach derzeitigem Informationsstand die Lage in Fukushima 1 ein?

Rauch: Ferndiagnosen sind sehr schwierig, man müsste die Situation im Reaktor kennen. Aber es scheint schon zur Kernschmelze gekommen zu sein. Es dürfte so sein, dass sich im Sicherheitsbehälter bereits diese radioaktive Suppe befindet und dass man die Kühlung nicht mehr in Funktion setzen konnte.

APA: Wie kam es zu dem Unfall?

Rauch: Es scheint sich ein großer Druckaufbau ergeben zu haben, zuerst im Containment, das den Reaktorkern umgibt. Wenn dort der Druck steigt, kann man ihn ablassen. Das scheint diese Art Explosion gewesen zu sein: Dafür vorgesehene Öffnungen wurden explosionsartig gezündet. Der Überdruck entweicht nach außen. Man muss sich im Klaren darüber sein: Da ist schon eine kleinere Menge Radioaktivität ausgetreten.

APA: Wie würden Sie den Vorfall unter den bekannten Atomunfällen einreihen?

Rauch: Der Unterschied zu Tschernobyl ist, dass dort kein Containment vorhanden war. Ich vergleiche die jetzige Situation immer noch mehr mit dem Unfall im US-Kernkraftwerk Three-Mile-Island im Jahr 1979. Auch da kam es zur Kernschmelze, aber die Auswirkungen nach außen waren sehr begrenzt. Die Lage in Japan ist jetzt so, dass die Notkühlung nicht mehr existiert. Sie scheint noch einige Zeit gegangen zu sein. Aber die Dieselmotoren, die den Strom erzeugt haben, waren so beschädigt, dass sie nach kurzer Zeit eingegangen sind. Dadurch kam es zur Überhitzung. Der geschmolzene Kern, der sich unten ansammelt, könnte sich durch den Sicherheitsbehälter durchfressen.

APA: Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten der Pläne, den Reaktor mit Wasser zu kühlen?

Rauch:Grundsätzlich: Auf so heißes Material kann man nicht gleich a priori mit kaltem Wasser draufspritzen, etwa mit einem dicken Schlauch. Im Prinzip wäre die Kühlung mit Wasser kein besonders Problem, wenn nicht die Brennelemente schon so heiß wären. Das ist alles glühend bei sehr hohen Temperaturen. Wenn dann viel kaltes Wasser daraufgegeben wird, verdampft es sofort und baut wieder hohen Druck auf.

APA: Wie muss vorgegangen werden?

Man muss das sehr sorgfältig machen, in kleinen Schritten, damit man keine riesige Verdampfung hervorruft. Dann könnte man den Reaktorkern auf diese Weise kühlen. Der Zeithorizont von fünf bis zehn Stunden (diesen Rahmen hat der japanische Kabinettssekretär Yukio Edano für die Befüllung mit Meerwasser genannt, Anm.) spricht dafür, dass sie das langsam machen wollen. Wenn das gelingt, dann wäre die Gefahr vorbei. Beim Unfall in Three-Mile-Island hat man das gemacht, und es hat funktioniert.


Die Katastrophe

Ein verheerendes Erdbeben und eine gewaltige Flutwelle führten am 11. März 2011 in Japan zum Atomunfall von Fukushima.

Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 ist das bisher schwerste in der Geschichte Japans. Es löst auch einen Tsunami aus. Mehr als 260 Küstenstädte wurden zum großen Teil zerstört.

Die Naturkatastrophe fordert rund 15.800 Tote und mehr als 3.700 Vermisste.

Die Katastrophenregion um Fukushima ist auf Jahrzehnte oder noch länger unbewohnbar. Mehr als 100.000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen, Tausende leben noch immer in Notunterkünften.

Über 10.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser fließen in den Ozean. Es gerät 168 mal so viel Cäsium 137 in die Umwelt wie bei der Explosion der Hiroshima-Bombe.

 

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Viele Menschen haben das Geschehen in Japan in ergreifenden Videos festgehalten - ihre Aufnahmen dokumentieren das Ausmaß der Katastrophe. Außerdem: Video-Interviews mit Experten.

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