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Zuletzt aktualisiert: 21.12.2011 um 20:53 UhrKommentare

Armut, die man nicht sieht

Zwölf Prozent aller Österreicher sind armutsgefährdet. Die Hälfte von ihnen, also sechs Prozent oder etwas über 500.000 Menschen, lebt schon jetzt in manifester Armut. Gründe, die in die Armut führen, gibt es viele...

Immer mehr können sich immer weniger leisten. Zeigen will das aber niemand

Foto © Reuters | SujetImmer mehr können sich immer weniger leisten. Zeigen will das aber niemand

Die Verkäuferin reicht die sorgfältig ausgewählte und liebevoll verpackte Halskette über den Ladentisch: Zu keiner anderen Zeit im Jahr wird so viel geschenkt wie zu Weihnachten.

Aufhorchen ließ dabei eine Erhebung, die am Wochenende von der Statistik Austria veröffentlicht wurde: Zwölf Prozent aller Österreicher sind armutsgefährdet. Die Hälfte von ihnen, also sechs Prozent oder etwas über 500.000 Menschen, lebt schon jetzt in manifester Armut. Das heißt, diese Menschen haben nicht genug Geld, um auch nur die Grundbedürfnisse zu decken.

Gründe, die in die Armut führen, gibt es viele (siehe Fallbeispiele), Lösungswege mittlerweile ein paar (siehe Interview rechts). Mit Armut beschäftigen sollen sich aber nicht nur die Armen, sondern alle. Denn nicht nur der tatsächliche Mangel an Geld, sondern auch das Streben nach so viel Materiellem wie möglich führt dazu: Dazugehören kann ja bekanntlich nur, wer das richtige Auto fährt, oder?

Plötzlich stand Frau allein mit Kindern da

Die Diagnose war kurz, aber schrecklich: Herr B. hatte Krebs und nur noch wenige Monate zu leben. Zu dem unsagbaren Leid für die Frau und die beiden Kinder - sie sind drei und vier Jahre alt - kam die finanzielle Not. Zwar besteht Anspruch auf Witwen- und Waisenpension sowie Wohnbeihilfe. Die Anträge sind bereits eingebracht, doch der Behördenlauf dauert eben. Völlig unerwartet starb dann auch ein Freund der Familie, der bis dato immer wieder unterstützend eingriff.

Besonders schlimm trifft es die Familie jetzt im Winter: Muss doch das alte Haus geheizt werden - Kostenpunkt: ein paar Tausend Euro. Geld, das die Witwe nicht hat. Ein Wohnungswechsel ist geplant, die Angebote aber rar. Ein Ortswechsel ist ausgeschlossen - das würden die Kinder nach dem Tod des Vaters psychisch nicht verkraften.

Staat springt ein, aber es reicht nicht

Karin M. ist alleinerziehende Mutter. Ihr Sohn Thomas ist ihr Sonnenschein, für den sie alles getan hat - bis Juli dieses Jahres. Ein Lkw kollidierte mit dem Wagen der jungen Frau. Sie bleibt schuldlos, aber schwer verletzt zurück. Nach Intensivstation und Normalstation folgt ein Aufenthalt in einer Reha-Klinik. Thomas wird in dieser Zeit von seiner Großmutter, einer Mindestpensionistin, betreut. Um nicht aus dem gewohnten Umfeld gerissen zu werden, fährt sie ihr Enkelkind täglich in den Kindergarten. Laut Psychologen ist das eine der wenigen Möglichkeiten, dem Buben Halt zu geben. Doch das kostet Geld. Ebenso wie Miete und Betriebskosten, die weiter zu bezahlen sind. Frau M. ihrerseits bekommt ein Krankengeld. Darauf hat sie gesetzlich Anspruch. Doch es ist zu gering, um die laufenden Kosten decken zu können.

Das dicke Minus am Konto bleibt

Gerlinde und Markus B. sind seit zwölf Jahren ein Paar. Ihre Tochter Sonja ist 10 Jahre, ihr Sohn Paul ist 8. Während Frau B. immer halbtags arbeitete, um die Kinder versorgen zu können, arbeitete Herr B. ganztags in einer Fabrik. Die Familie fand ihr finanzielles Auslangen. Doch mit der Wirtschaftskrise fingen auch die Probleme an: Zuerst verlor der Familienvater seinen Job, später die Mutter. Vom normalen Familienleben blieb kaum etwas übrig: Jeden Tag stellte man sich die Frage, wie lange das Geld noch reicht. Vor einem Jahr fand Herr B. wieder Arbeit. Seine Frau hat noch keinen Job gefunden. Außer den Erinnerungen an die schwierige Zeit sind auch noch Miet- und Stromschulden geblieben. Die Familie versucht, sie zwar abzustottern, doch nach Abzug der Kosten für die aktuelle Miete, Strom, Lebensmittel und Schulausgaben bleibt nicht mehr viel dafür übrig.

MONIKA SCHACHNER

Fakten

Rund zwei Millionen Menschen in Österreich sind in zentralen Lebensbereichen benachteiligt: Sie wohnen in mangelhaften Wohnungen, können sich übliche Konsumgüter nicht leisten oder Grundbedürfnisse nicht ausreichend befriedigen.

Die Schwelle zur Armutsgefährdung liegt laut EU bei 1031 Euro pro Kopf und Person.

Manifeste Armut bedeutet schließlich ein Einkommen von 854 Euro und darunter.

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