"Kinderhändler werden ihre Chance wittern"
Haiti-Rückkehrerin Viktoria Perschler über die Hilfe, auf die es jetzt ankommt.

Foto © APAViele Kinder wurden auf Haiti Opfer des Erdbebens
Frau Perschler, Sie und Ihr Sohn haben mit viel Glück das Erdbeben in Haiti überlebt. Sie arbeiten als Juristin seit 16 Jahren für Hilfsorganisationen wie die Unicef. Eineinhalb Jahre waren sie in Port-au-Prince, zuletzt als selbstständige Konsulentin und kennen das Land daher sehr gut - wenn Sie jetzt die Bilder von dort sehen: Wovor haben Sie Angst? VIKTORIA PERSCHLER: Dass Seuchen ausbrechen, die Cholera. Es ist ja unglaublich heiß und unter den Trümmern liegen die Leichen. Ich habe auch Angst davor, dass die Unruhen stärker werden. Was aber viel zu harmlos klingt für das, was ich dort befürchte. Aber ich möchte mich vor dem Hochspielen hüten - mir reicht es schon, wenn ich dauernd Meldungen vom aufgebrachten Mob lese. Denn die Haitianer sind so freundliche und hilfsbereite Menschen. Bitterarm, und das schon so lange, und trotzdem hatten sie immer ein Lächeln im Gesicht.
Das Land war vor dem Beben schon in einem verheerenden Zustand. Und jetzt? PERSCHLER: Port-au-Prince war vor der Katastrophe kompliziert genug: Wahnsinnsverkehr, enge Straßen, überall Menschen. Das ist ja eine total überbevölkerte Stadt. Man weiß ja nicht einmal genau, ob zwei, drei oder vier Millionen Menschen dort leben. In den letzten Jahren ist es zu einem enormen Zuzug aus den ländlichen Gegenden gekommen. Und dann darf man nicht vergessen, wie der Mensch in der Masse funktioniert: Die Hysterie greift wie ein Feuer um sich, davon wird jeder angesteckt, einer fängt zu laufen an, alle anderen laufen mit. Und jeder muss Angst haben, niedergetrampelt zu werden.
Was ist jetzt an Hilfe besonders wichtig? PERSCHLER: Neben der medizinischen Versorgung, neben Wasser und Lebensmitteln: Man muss eine gewisse Ordnung hineinbringen. Das sage ich, obwohl ich keine Freundin des Militärs bin. Aber jetzt ist Disziplin notwendig. Was gern vergessen wird, ist die psychologische Betreuung. Und meine ganz große Sorge gilt den Kindern. Den vielen Waisen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Kinderhandel schon vor dem Erdbeben ein Thema war. Ich mag mir nicht ausdenken, was da noch alles kommen kann.
Was kann man dagegen tun? PERSCHLER: So banal es klingt: Es muss gespendet werden! Man braucht keine Angst zu haben, dass das Geld nicht dort ankommt, wo es gebraucht wird - es wird überall gebraucht. Ich arbeite seit 1993 für die UNO und verschiedenste Hilfsorganisationen und kann Ihnen sagen: Ohne die vielen Spenden, könnten solche Organisationen gar nicht existieren, ohne diese Gelder wären die Menschen in Not völlig allein gelassen. Damit müssen auch wieder neue Strukturen geschaffen werden.
Man fragt sich als Außenstehender immer: Warum braucht es so lang, bis Hilfe ankommt? Warum vergehen Tage, bis Wasser im Katastrophengebiet landet? PERSCHLER: Ich kann es mir schon vorstellen: Das Wasser kommt mit dem Flugzeug. Dann lagert es einmal auf dem Airport. Von dort muss der Transport organisiert werden. Dabei ist schon ein Problem, wie man zu Benzin kommt. Das muss auch eingeflogen werden, es gibt ja nix mehr. Das dauert. Man kann ja keine Million Menschen auf den Flughafen losrennen lassen.
INTERVIEW: MANUELA SWOBODA









