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Zuletzt aktualisiert: 16.07.2011 um 20:58 UhrKommentare

Zum Adieu das "Gott erhalte"

Das republikanische Österreich verneigte sich vor dem letzten Thronfolger des Habsburgerreiches. Tausende Aristokraten und Nicht-Aristokraten gaben Otto Habsburg in Wien das letzte Geleit.

Der Trauerzug durch die Wiener Innenstadt

Foto © ReutersDer Trauerzug durch die Wiener Innenstadt

Es war einmal ein Kaisersohn, der hatte kein Glück. Erst kam ihm sein Reich abhanden, dann die Heimat. Jetzt, fast ein Jahrhundert später, kehrt er an einem strahlenden Sommertag für immer nach Hause zurück.

Blau leuchtet der Himmel über Wien, die schwarz-goldenen Helme der Dragoner blitzen in der Sonne und die wappenbemalten Banner der Traditionsverbände heben sich sacht im Abendwind.

Einmal, einmal noch funkelt zum Trommelwirbel der alten k. und k. Regimenter die versunkene Habsburgermonarchie in ihrem kakanisch-barocken Glorienglanz auf. Die Kirchenglocken der alten Kaiserstadt läuten. Otto Habsburg, der landlose letzte Thronfolger der Donaumonarchie, ist nach langer Lebensreise am Ende seines Weges angelangt.

Drei Mal pocht der schwarz gekleidete Herold mit silbernem Stab an die Pforte der alten Grablege der Herrscherdynastie, die Kapuzinergruft. "Wer begehrt Einlass?", fragt in harschem Ton der alte Pater am Tor. "Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien, Großherzog von Toskana und Krakau, Herzog von Lothringen, von Salzburg, Steyr, Kärnten, Krain und der Bukowina", und so fort. Es folgt die endlose Reihe der vielen Besitzungen, Titel und Würden, die die Vorfahren des Verstorbenen im Laufe ihrer fast tausendjährigen Geschichte erworben, erkämpft und erheiratet haben.

"Wir kennen ihn nicht", antwortet der Mönch und fragt erneut: "Wer begehrt Einlass?"

"Dr. Otto von Habsburg, Präsident und Ehrenpräsident der Paneuropa-Union, Mitglied und Alterspräsident des Europäischen Parlaments, Ehrendoktor zahlreicher Universitäten und Ehrenbürger vieler Gemeinden in Mitteleuropa." Diesmal sind es die von Otto aus eigener Kraft in einem langen Leben erworbenen politischen Titel und akademischen Ehrungen, die der Zeremoniär dem Torwächter vorträgt.

Doch ein zweites Mal verweigert der Pater Guardian den Zutritt. Erst als der "arme Sünder Otto" um Aufnahme fleht, öffnen sich in weitem Schwung die eisenbeschlagenen Flügel des Klostertores. Tiroler Schützen schultern den Sarg, den ein doppeladlerbesticktes Tuch in den alten Reichsfarben Schwarz und Gelb bedeckt.

Ein letzter Salut

"Ruh in Frieden, Otto!", ein letzter Gruß, ein letzter Trommelwirbel, Salutschüsse donnern aus der Ferne, ein letztes Mal verneigt sich das bunt wogende Fahnenmeer vor dem Monarchen ohne Reich. Ab sofort ist der letzte Kronprinz des alten Österreich von einer anderen Welt. Es ist das Totenreich seiner großen Vorfahren, der Habsburgerkaiser, die da dicht zusammengedrängt in der stillen Düsternis ihres prunkvollen Mausoleums in alten, zinnernen Särgen ruhen.

Otto ist begraben, aber der habsburgische Mythos lebt. Wie sehr, das zeigt sich an dem Klopfritual, das es so nie gegeben hat, sondern seinen Ursprung vielmehr Joseph Roth verdankt, dem melancholisch genialen Kronzeugen des Zerfalls der Donaumonarchie.

Es ist die Nacht des Anschlusses an Hitlerdeutschland 1938, in der der gegen Lebensende im Pariser Exil lebende, schwer alkoholkranke Roth den tragischen Helden seines berühmten Romans "Die Kapuzinergruft", Franz Ferdinand Trotta, an der Pforte der alten Grabstätte der Habsburger stranden lässt. Trotta will als Letzter eines Geschlechts treuer Untertanen seinen toten Kaiser besuchen.

Die Wirkmacht des Mythos offenbart sich aber auch in dem bizarren Gepränge der bunten Uniformen, goldverzierten Banner und gewichsten Husarenstiefel, der pompösen Orden, blitzenden Säbel und grünen Papageienfederbüsche, deren Träger allesamt einem "Sisi"-Heimatfilm der 60er-Jahre entsprungen sein könnten.

Schon zu Lebzeiten der Monarchie, in ihrer Endphase, empfanden viele Zeitgenossen die farbenprächtige Selbstinszenierung der Habsburger als märchenhaftes Überbleibsel einer fernen Vergangenheit, als exotischen Anachronismus.

Jetzt, da keine militärische Großmacht mehr stolz die kaiserlich u. königlichen Uniformbrüste mit ihren goldenen Knöpfen und Litzen bläht, liegt über der Szenerie trotz des ernsten Anlasses ein Hauch von fröhlicher Maskerade. Gefeiert wird nicht die Wirklichkeit, sondern die nostalgische Erinnerung an die gute alte Zeit, die so gut nicht war.

Requiem im Stephansdom

Begonnen hatte das Leichenbegängnis für Otto um drei Uhr nachmittags zwischen Lichtern, viel Weihrauch und Litaneien im Stephansdom, wo der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn zu den wunderbaren Klängen des Requiems von Michael Haydn das Totenamt für den Verstorbenen zelebrierte.

Dass der Kardinal aus gräflichem Geschlecht das nunmehrige Oberhaupt des Hauses Habsburg, Ottos erstgeborenen Sohn Karl, konsequent als "Erzherzog" ansprach und die Totenmesse mit dem Absingen der alten Kaiserhymne beschloss, dürfte, ja muss nicht wenige der im hohen Dom versammelten politischen Spitzen der Republik insgeheim mit Unbehagen erfüllt haben.

Aber man bewahrte Contenance. Sowohl Bundespräsident Heinz Fischer samt Gattin Margit als auch Bundeskanzler Werner Faymann, der alleine nach Sankt Stephan gekommen war, verzogen keine Miene - auch das ein untrügerisches Indiz für die verklärende Kraft des Mythos und dafür, dass Republik und Sozialdemokratie seit Langem ihren Frieden gemacht haben mit dem seit 93 Jahren jeder politischen Macht entkleideten Erzhaus.

Enttäuscht wurden aber auch jene, die erwartet hatten, der Kardinal würde ein letztes Mal mit barockem Pomp die alte und nicht immer selige Allianz zwischen Thron und Altar hochleben lassen.

Seit bald zweitausend Jahren in der Kunst der sakralen Inszenierung geübt, hätte die römisch-katholische Kirche mit ihrer prächtigen Liturgie da den geeigneten Rahmen dafür und jede Menge Erfahrung.

Aber es blieb bei einem kurzen, durch den Apostolischen Nuntius verlesenen Grußwort von Papst Benedikt XVI. an "Seine Kaiserliche Hoheit, Erzherzog Karl von Österreich".

Schönborn aber wuchs wie schon öfter bei ähnlichen Anlässen - es sei hier nur an das Begräbnis des unglücklichen Bundespräsidenten Thomas Klestil erinnert - auch diesmal

über sich hinaus und fand die richtigen Worte.

Ottos Lebenswerk sei der "Versuch" gewesen, das "Unglück des Ersten Weltkrieges" zu sühnen. Den einen "zu modern", den anderen "zu reaktionär", habe Habsburg "nicht der Vergangenheit nachgetrauert", sondern das familiäre Erbe als "Berufung" verstanden und vorgelebt, "wie wir aus dem Gestern für das Morgen schöpfen können", sagte der Kardinal vor der Trauergemeinde.

Rechts vom Sarg hatten Ottos sieben Kinder mit ihren Ehepartnern und Kindern Platz genommen, links der Bundespräsident mit Gattin, König Carl Gustaf von Schweden mit Königin Silvia, Großherzog Henri von Luxemburg mit Großherzogin Maria Teresa, Fürst Hans Adam von Liechtenstein mit Fürstin Marie sowie der Hochmeister des Souveränen Malteserordens. Dahinter der Bundeskanzler.

Ganz als "Friedensprojekt" habe Otto Europa verstanden, sagte Schönborn, ein Friedensstifter sei der Verstorbene gewesen. "Vergelt's Gott, hoher Herr!", rief der Kardinal mit bebender Stimme dem verstorbenen Kaisersohn zu. "Vergelt's Gott, du treuer Diener. Geh ein in die Freude des Herrn!"

Durch ein buntes Spalier von Fahnen wurde der Sarg mit der sterblichen Hülle Ottos nach dem Schlusssegen zu den Klängen der Pummerin aus dem Dom getragen.

21 Salutschüsse donnerten vom Heldenplatz her zum letzten Geleit. Der feierliche Leichenkondukt führte durch die dicht von Menschen gesäumten Straßen der Wiener Innenstadt vom Stephansdom über den Graben durch die Tore der Hofburg und die gesperrte Ringstraße zur Kapuzinergruft auf dem Neuen Markt.

Vorneweg im Trauerschritt und mit geschultertem Gewehr eine Ehrenkompanie des Gardebataillons. Dahinter der Spielmannszug, dessen Trommeln das langsame Marschtempo vorgaben. Es folgten katholische Studenten-Korporationen im Vollwichs, Ordensritter mit kreuzbestickten Umhängen, Hoch- und Deutschmeister, Kaiserjäger, Bürgergarden, Feldjäger mit aufgestecktem Eichenlaub, echte und unechte ungarische Magnaten, Husaren und prachtvolle Dragoner ohne Pferd.

Dann kam Ottos Sarg, gezogen von Tiroler Schützen in bunten Joppen und Lederhosen mit wehender Feder am Hut, flankiert von Rittern des Ordens vom Goldenen Vlies.

Die Goldene Kette des Ordenssouveräns trug ein Enkel Ottos auf einem Kissen voran. Hinter dem Sarg schritt Familienoberhaupt Karl mit seiner Familie. Sie alle, der hohe und der niedere Adel und Zehntausende am Straßenrand gaben dem Verstorbenen ein wahrhaft kaiserliches letztes Geleit. Es war eine Heimkehr ohne Wiederkehr. Denn Otto war der Letzte, der letzte Beinahekaiser von Österreich.

STEFAN WINKLER

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