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Zuletzt aktualisiert: 12.07.2011 um 22:02 UhrKommentare

Mythos Habsburger: Der letzte Walzer

Die Habsburgermonarchie ging unter, weil ihre Völker nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft glaubten. Geistig und kulturell erlebte sie in Wien ein letztes Abendglühen.

Foto © APA

Nur an wenigen Orten zeigt der Krieg so brutal seine hässliche Fratze wie im Museum von Kobarid, dem altösterreichischen Karfreit. Das slowenische Dorf liegt am Fluss Isonzo, wo im Ersten Weltkrieg zwölf mörderische Schlachten zwischen den Armeen der Donaumonarchie und des Königreichs Italien tobten.

Im Museum kann man die Bilder der Hingemetzelten sehen: weggeschossene Arme und Beine, von Schrapnells zermantschte Gesichter und die verrenkten Körper von Giftgasopfern.

Das alles ist nur schwer zu ertragen und es rüttelt am Mythos von Seiner k. u. k. Apostolischen Majestät, die gütig wie ein Vater über seine Untertanen wachte.

Der alte Kaiser

Wäre Franz Joseph nur annähernd der weise Herrscher gewesen, als den ihn Joseph Roth, der literarische Chronist des Zerfalls des Habsburgerreiches im Rückblick verklärte, dann hätte er 1914 das Massenmorden verhindert. Aber der Kaiser war alt und müde. Und so setzte er am 28. Juli 1914, als die Kriegshetzer am Wiener Hof ihm in Bad Ischl mehr als vier Wochen nach dem Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand die Kriegserklärung gegen Serbien vorlegten, seine Unterschrift darunter und blieb zum Jagen in der Sommerfrische.

Seine Militärs hatten dem Kaiser einen raschen Sieg gegen das kleine Balkanland versprochen. Entfacht wurde ein Weltenbrand, der Millionen von Menschen das Leben kostete und zum Untergang der Donaumonarchie führte. Franz Joseph hat das Ende nicht mehr erlebt. Nach 68-jähriger Regierungszeit starb er am 21. November 1916 in Schönbrunn. Sein Nachfolger Karl I., der Vater von Otto Habsburg, bemühte sich zwar redlich um einen Friedensschluss, aber er war unerfahren, ungeschickt und schwach.

Die nach nationaler Eigenständigkeit strebenden Völker Österreich-Ungarns wollten sich nicht mehr mit der Autonomie bescheiden, die der Kaiser ihnen in letzter Minute versprochen hatte. Da half es auch nichts, dass Karl zuletzt dem deutschen Kaiser Wilhelm II. das Bündnis aufkündigte. Ungarn, Italiener, Polen, Serben, Kroaten, Tschechen, Ruthenen, Slowaken, Slowenen, Rumänen - sie alle lösten sich nun aus dem Reichsverband.

Für Österreich oder nach den Worten des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau "das, was übrig blieb" bedeutete das den Sturz vom nach Russland zweitgrößten Flächenstaat Europas ins kleinstaatliche Nichts. Am 21. Oktober 1918 wurde in Wien die Republik "Deutschösterreich" ausgerufen, am 11. November verzichtete Karl auf die Regierungsgeschäfte, nicht aber auf den Thron und wurde darauf mit seiner Familie ins Schweizer Exil abgeschoben. Damit ging die fast 640-jährige Herrschaft der Habsburger über die Länder an der Donau zu Ende.

Der letzte Walzer hatte für das morsche Vielvölkerreich freilich schon viel früher zu spielen begonnen. Es ist der ungelöste Nationalitätenkonflikt, an dem das Reich letztlich zugrunde ging.

Zwar hatte Franz Joseph unter dem Druck der Niederlage gegen die Preußen 1867 den Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn herbeiführen müssen, der die Monarchie zur Doppelmonarchie machte mit zwei Hauptstädten (Wien und Budapest), zwei eigenen Regierungen, aber einem gemeinsamen Außenministerium, einer gemeinsamen Armee, gemeinsamen Finanzen und vor allem einem Monarchen - Franz-Joseph I., Kaiser von Österreich und König von Ungarn.

Aber die Ungarn waren unzufrieden. Sie fühlten sich übervorteilt und knuteten ihrerseits die Kroaten, Slowaken und Rumänen. Ein Ausgleich mit den Tschechen kam nie zustande.

So verwundert es nicht, dass Politiker wie Tomá Masaryk, der spätere Gründervater der Tschechoslowakei, noch 1909 für ein föderales Österreich stritt, schließlich aber den Glauben an eine gemeinsame Zukunft der Völker der Monarchie verlor.

Untergangsstimmung

Kulturell erlebte der untergehende Vielvölkerstaat noch einmal eine letzte Hochblüte. Das Wien der Jahrhundertwende stieg neben Paris zur geistigen Metropole Europas auf. Die Stadt war das Laboratorium für alle neuen Formen der Malerei, der Literatur und der Baukunst. Auch die Psychoanalyse entstand in Wien. Hier wurde Adolf Hitler aber auch mit dem bösen Keim des Antisemitismus infiziert. Und es herrschte eine eigenartige Endzeitstimmung, die Hermann Broch von der "fröhlichen Apokalypse" sprechen ließ. So, als ob die Menschen von damals bereits ahnten, dass ihre Welt bald eine Welt von gestern sein würde.

STEFAN WINKLER

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