Schwarzer Peter für die Bio-Bauern
Noch ist das EHEC-Virus in Kärnten gar nicht nachgewiesen, trotzdem sind die Kunden in Panik. Gurken sind jetzt Ladenhüter. Bio-Bauern und -Händler müssen den Skandal ausbaden.

Foto © APADie heimischen Lebensmittelprüfer nahmen am Montag Proben von unter Verdacht stehendem Gemüse. Bis Donnerstag soll klar sein, ob kontaminierte Lebensmittel dabei waren
Sie können nichts für den Schlamassel, ausbaden müssen sie ihn dennoch. Die heimischen Bauern und Gemüsehändler bekommen jetzt das Fett ab. Denn die Panik der Konsumenten vor dem in Deutschland ausgebrochenen EHEC-Keim ist groß. Er hat bisher zwölf Deutschen das Leben gekostet.
Schwarze Liste
Im Naturladen Regenbogen in Villach wären Gurken am Montag der Ladenhüter gewesen. Egal ob aus Spanien oder aus Österreich. "Gurken nehme ich in nächster Zeit nicht ins Programm", sagt Bio-Händler Richard Zöttl. Er ist einer von drei Bio-Händlern, die in Kärnten auf der "schwarzen Liste" gestanden sind. Österreichweit waren es 33 Händler. Das heißt, der Regenbogenladen erhielt in der Vorwoche eine Lieferung von Gurken aus Spanien über den Zwischenhändler Dennree. "Wir haben sie sofort vernichtet, als uns der Großhändler informiert hat", so Zöttl. Kontrollen haben hinterher ergeben, dass Zöttls Biogurken aus Spanien nicht mit dem aggressiven EHEC-Keim verseucht waren. Im Normalfall verkauft Zöttl nur Gemüse aus Österreich. "Wenn die Kunden Gemüse verlangen, das bei uns aus klimatischen Gründen noch nicht wächst, müssen wir es anbieten", weist er auf die Problematik von Gemüse hin, das von weit her transportiert werden muss. Die gute Nachricht: In zwei Wochen kommt heimische Ware auf den Markt.
Dennoch: Den "Schwarzen Peter" haben jetzt vor allem die Bio-Bauern. Sie können sich ihre Gurken, bis die Ursache geklärt ist, an den Hut stecken. "Der Imageschaden bleibt", sagt der Obmann von "Bio Austria" in Kärnten, Johann Kreschischnig. "Mich wundert, dass nur von Bio-Händlern die Rede ist. Gurken aus Spanien sind auch beim konventionellen Handel im Regal", sieht Kreschischnig einen geschäftsstörenden Angriff auf Bio. Bei einer Online-Umfrage von Ökonsult gaben gestern 78 Prozent der Befragten an, vorerst auf Gurken, Tomaten und Melanzani verzichten zu wollen.
Erreger breitet sich weiter aus
BERLIN, MADRID, LINZ. Auch in Norwegen haben die Behörden gestern den Erreger der Darminfektion EHEC in einer Gurkenlieferung aus Spanien entdeckt. In den Nachbarländern Schweden und Dänemark werden bereits 40 Menschen mit teils schweren Erkrankungen behandelt, weitere Verdachtsfälle gibt es in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden. In Deutschland selbst, wo in der vergangenen Woche die ersten Erkrankungsfälle aufgetreten sind, sind bereits zwölf Patienten an der Infektion gestorben. Erstmals gab es auch einen Todesfall außerhalb Norddeutschlands: Es handelt sich um eine 91-jährige Frau aus Nordrhein-Westfalen, die mehrere schwere Vorerkrankungen gehabt haben soll. Insgesamt haben die Behörden in Deutschland bislang 329 Krankheitsfälle diagnostiziert.
Ob die Erreger tatsächlich aus den spanischen Biogurken, Tomaten und Melanzani stammen, ist immer noch nicht restlos geklärt. Die beanstandeten Produzenten beschuldigen bekanntlich ihre Abnehmer, das Gemüse verunreinigt zu haben. Die spanischen Behörden haben jetzt Proben aus dem Boden des Gewächshauses eines der Produzenten genommen. Die Untersuchung wird von einem spanischen Labor durchgeführt, gleichzeitig gehen die Proben an das zuständige EU-Referenzlabor in Rom. Bis morgen erwartet sich die EU-Kommission Gewissheit, ob die Vermutung mit dem Gemüse aus Spanien zutrifft. Die großen Handelsketten haben bereits reagiert und vorerst spanische Gurken sicherheitshalber aus den Regalen entfernt.
Gute Nachrichten gibt es indes aus Linz: Jene beiden an EHEC erkrankten Radtouristen aus Deutschland, die am Freitag ins Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern gebracht wurden, sind auf dem Weg der Besserung. Einer der Radler wurde bereits aus dem Spital entlassen, der andere war am Montag noch in stationärer Behandlung, erhole sich aber gut, hieß es aus dem Krankenhaus.
Mittlerweile verdichten sich die Annahmen, dass die Gurken vor der Verpackung mit verunreinigtem Wasser gewaschen worden sind. "Die Sache ist natürlich furchtbar für die Landwirtschaft", sagt der Kärntner Landwirtschaftskammerpräsident Johann Mössler. Er gibt zu bedenken, dass die Massenproduktion von spanischem Gemüse Probleme berge. Er würde sich wünschen, dass Konsumenten auf den Wert des Lebensmittels schauen würden und nicht vorrangig auf den Preis.
"Kontrollierte Ware aus Österreich kann nie so billig sein, wie Importware", gibt Mössler zu bedenken. Kärnten sei ein Gemüseimportland, weil es zu wenige Bauern gäbe, für die sich der Aufwand bei dem geringen Erzeugerpreis rechne. "Am besten man kauft Bio, regional und saisonal, dann geht nichts schief", sagt Christian Perkounig, Geschäftsführer von Bio Austria Kärnten. Und auch Alfred Dutzler, Leiter der Kärntner Lebensmittelaufsicht kalmiert: "In Kärnten ist kein verseuchtes Gemüse in den Verkehr gekommen."
DNA-Analyse
Sein Kollege Peter Wiedner, Leiter der Kärntner Lebensmittel-Untersuchungsanstalt, überprüft indes die einzige aktuelle Probe aus Kärnten. Die Oberfläche des Gemüses wird untersucht, Bakterien zum Wachsen gebracht, dann das EHEC-Bakterium gesucht, und falls es überhaupt da ist, isoliert. Es folgt eine DNA-Analyse. Am Mittwoch wird das Ergebnis frühestens feststehen.
Features
EHEC-Hotline
Eine EHEC Hotline wurde am Dienstag von Konsumentenschutzreferent Harald Dobernig (FPK) und Kabeg-Vorstandsdirektorin Ines Manegold präsentiert.
Unter der Nummer 0463/538 38388 informieren Spezialisten rund um die Uhr über Aktuelles zum EHEC-Keim.
Kommentar
33 BIOMÄRKTE
1500 Bio-Bauern gibt es in Kärnten. Das ist ein Flächenanteil von 18 Prozent und ein Bauernanteil von 12 Prozent.
Von den Gemüselieferungen sind 33 Bio-Märkte in Österreich betroffen, in Kärnten sind es drei.
Analysiert werden die bundesweit gezogenen Proben im Referenzlabor Ages in Graz.









