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Zuletzt aktualisiert: 04.08.2011 um 19:28 UhrKommentare

Der Ruhm schmeckt nur noch bitter

Man hat sie zwar nicht vergessen - aber berühmt oder reich wurden die 33 Kumpel, die heute vor einem Jahr in Chile verschüttet wurden, nicht. Jorge Galleguillos ist einer der 33, er verbringt seine Zeit mit Warten.

Jorge Galleguillos winkt bei seiner Befreiung Mitte Oktober 2010

Foto © APJorge Galleguillos winkt bei seiner Befreiung Mitte Oktober 2010

Ich warte", antwortet Jorge Galleguillos auf die Frage, womit er seine Tage verbringe. Warten, worauf? "Na ja, dass eine Lösung kommt", sagt er zögernd und ratlos. "Dass mir Gott hilft", fügt er dann hinzu, "der hat mir ja schon einmal geholfen." Das kann man wohl sagen: Vor einem Jahr, am 5. August, wurde Galleguillos, der seit seinem zwölften Lebensjahr unter Tag gearbeitet hat, mit 32 Kollegen in der chilenischen Kupfermine San José verschüttet. Erst nach 17 furchtbaren Tagen der Ungewissheit traf eine Suchsonde ihren Stollen. Eine der teuersten, langwierigsten und spektakulärsten Rettungsaktionen in der Geschichte des Bergbaus begann. Und am 13. Oktober hielt die ganze Welt den Atem an - da wurden sie, einer nach dem anderen, nach oben gezogen. Galleguillos stieg, als habe ihm der liebe Gott ein zweites Leben geschenkt, als Elfter aus der Rettungskapsel "Phönix". Und nun - wartet er.

Keine Spur von Esperanza

Der Ort, auf den sich damals die Kameras der Welt richteten, sieht heute aus wie ein verlassener Schrottplatz. Die Senke weit draußen in der abweisenden Atacama-Wüste, in der damals die Rettungsteams fieberhaft arbeiteten, in der die bangenden Familien der Verschütteten kampierten, in der Hunderte von Journalisten warteten, ist übersät mit lecken Ölfässern, abgefahrenen Lkw-Reifen, steinhart gewordenen Zementsäcken. Die Mine San José ist geschlossen, Maschinen und Geräte wurden versteigert.

Ein getilgter Ort: keine Spur mehr von Zeltlager "Esperanza". Keine Fahnen, keine Fotos, keine Figuren von Heiligen mehr. Keine Mahnung, keine Erinnerung - als wollte Chile den Ort und das Unglück vergessen.

Ein ärmliches Häuschen in Tierra Amarilla, einer Bergarbeitervorstadt von Copiapó: Hier wohnt Jorge Galleguillos. Die Kälte dringt herein, eine Glühbirne baumelt nackt vom mit Welleternit gedeckten Dach. An der Bretterwand hängt, neben Fußballer- und Folklore-Postern, die gerahmte Reproduktion des weltberühmt gewordenen Zettels mit der Überlebensnachricht "Uns 33 geht es gut im Schutzraum". Aber ein Jahr danach geht es Jorge Galleguillos nicht gut. Er ist krank, er ist arm, er fühlt sich getäuscht und betrogen, und er hält es für aussichtslos, mit seinen 56 Jahren jemals wieder Arbeit zu finden.

"Es ist ja lachhaft", knurrt er, "wenn ich auf den Markt gehe, betteln sie mich um ein Bier an - mich!" Dass sie alle 33 bald Millionäre oder wenigstens gemachte Männer sein würden, hieß es nach ihrer Rettung, und bis heute schlage ihm Neid entgegen. Aber "nicht mal für ein Kilo Brot" habe es gelangt, was man ihm angeboten hat. Wobei sicherlich "einige von uns besser profitiert haben als andere".

Galleguillos, der unter Schlafstörungen leidet und 23 Prozent seines Hörvermögens verloren hat, gehört eindeutig zu den anderen. Die umgerechnet 7600 Euro, die der exzentrische Millionär Leonardo Farkas jedem der 33 in die Hand gedrückt hat, sind längst weg. Von der Pension, die die Politiker versprachen, war nie wieder die Rede, und bisher hat die pleitegegangene Unglücks-Mine nur Teilbeträge vom "finiquito", der gesetzlichen Abfindung, abgestottert. In dieser traurigen Schilderung der Ausweglosigkeit lässt der alte Mann plötzlich Ironie aufblitzen: 31 der Bergleute hätten ja den Staat verklagt, irgendwann sei er also reich - "so ungefähr in 200 Jahren, wenn das Urteil kommt".

Durch diese Klage - auf umgerechnet zwölf Millionen Euro - habe sich die Haltung der Gesellschaft gegenüber den Helden von gestern verändert, sagt der Psychologe Alberto Iturra, der die 33 in ihrem Bergwerksgefängnis betreut hat. Die Klage bezieht sich darauf, dass die Behörden die Schlampereien in San José nicht abgestellt haben. Aber "die meisten Chilenen sind der Meinung, der Staat habe die Verpflichtung gehabt, sie zu retten, und nichts weiter", sagt Iturra - deshalb "hat man ihnen viele Türen zugeschlagen".

"Kein Einziger!", antwortet er auf die Frage, ob wenigstens einige der 33 die Chance ihres Unglücks nützen konnten: "Niemand hat auch nur ein kleines Vermögen gemacht - im Gegenteil, die Familien leiden, die Männer haben sich verändert, die Frauen auch . . ." Und selbst dort, wo man sie geehrt und hofiert hat, seien sie "absolut missbraucht worden" - etwa von der Politik, die sich mit ihnen geschmückt und sie danach fallen gelassen habe. Und ihre Geschichte gemeinsam zu vermarkten hätten sie nicht geschafft.

Leere Versprechungen

Präsident Sebastián Piñera hatte letztes Jahr allen 265 Beschäftigten der Pleite-Mine - also nicht nur den 33 - Hilfe und neue Jobs versprochen, aber "dazu ist es nie gekommen", sagt Javier Castillo, der Chef der Minenarbeiter-Gewerkschaft in Copiapó. Von Arbeitsplätzen mag er gar nicht reden - aber der Staat könnte den 265 doch wenigstens die Abfindung vorstrecken und sie dann bei den Minenbesitzern eintreiben. Dabei gehe es um gut zwei Millionen Euro - 2004 habe der Staat die Betreibergesellschaft von San José mit fünf Millionen Euro subventioniert, damit diese ihre Bergwerke modernisiere.

Das Unglück sei "unsere große Chance gewesen, die Arbeitsverhältnisse im Bergbau zu verbessern", sagt Castillo, "aber wir haben sie verpasst, weil der ganze Zirkus um die 33 so groß war". Wie Iturra meint auch er, dass die 33 ihre Identität verloren haben: "Schweres Gerät, Freundschaft, Sauferei - das sind wir Bergarbeiter, wir gehören doch nicht vor die Scheinwerfer!"

"Es ist eine einzige Enttäuschung", resümiert Osman Araya, ein anderer Geretteter, das letzte Jahr. Aber dann lacht er auf: "Unsere zehn Minuten Ruhm sind eben längst vorbei!"

WOLFGANG KUNATH, COPIAPO

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