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    Zuletzt aktualisiert: 19.07.2010 um 13:13 UhrKommentare

    Aids-Epidemie unter Kindern und Jugendlichen

    Erschütternde Fakten aus Wien: HIV breitet sich unter Straßenkindern in Osteuropa rasant aus. Etwa ein Drittel der Neuinfektionen sind Kinder und Jugendliche.

    Straßenkinder sind stark gefährdet, HIV-positiv zu werden.

    Foto © APAStraßenkinder sind stark gefährdet, HIV-positiv zu werden.

    "Schuld und Verbannung": HIV-positive Kinder und Jugendliche werden in Osteuropa beschämend ausgegrenzt und diskriminiert. Dort und in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion breitet sich nach einer neuen Untersuchung des UNO-Kinderhilfswerkes UNICEF eine verdeckte Aids-Epidemie unter benachteiligten Kindern und Jugendlichen rasant aus. Der Report "Blame and Banishment - the Underground Epidemic Affecting Children in Eastern Europe and Central Asia" wurde heute, Montag, in Wien bei der Internationalen Aids Konferenz (AIDS 2010, bis 23. Juli) von UNICEF-Direktor Anthony Lake vorgestellt.

    Ein Drittel der Neuinfektionen sind Jugendliche

    Nirgendwo auf der Welt steigt laut UNICEF die Rate der HIV-Neuinfektionen so stark an. Seit 2006 verzeichnen zum Beispiel einige Regionen Russlands einen Anstieg um 700 Prozent. Etwa ein Drittel der Neuinfektionen entfallen inzwischen auf Jugendliche und junge Erwachsene. 80 Prozent der Infizierten sind jünger als 30 Jahre. Die UNO schätzt die Zahl der HIV-Infizierten in Osteuropa und Zentralasien auf rund 1,5 Millionen - gegenüber 900.000 im Jahr 2001.

    Vor allem Heranwachsende am Rande der Gesellschaft sind bedroht: Jugendliche, die ihr ganzes Leben im Heim verbracht haben, Straßenkinder, minderjährige Prostituierte, Drogenabhängige, die oft schon im Jugendalter ihre Hoffnungslosigkeit mit der Spritze betäuben.

    Über die Situation der Heimkinder heißt es in dem Report: Die Tradition, Kinder aus schwierigen Familien in staatliche Fürsorgeeinrichtungen zu stecken, ist in den CEE-Staaten ungebrochen. Rund 1,3 Millionen Kinder in der Region wachsen in Heimen auf, wo sie nur selten auf ein normales Leben vorbereitet werden. Aus Hoffnungslosigkeit laufen viele fort und landen auf der Straße.

    40 Prozent der Straßenkinder HIV-positiv

    Ein anderer Krisenpunkt sind Straßenkinder: Eine aktuelle Untersuchung in St. Petersburg unter über 300 Straßenkindern ergab, dass 40 Prozent HIV-positiv waren. Ähnlich hohe Raten fand man in Odessa und Donetsk in der Ukraine. Eine von UNICEF zusammen mit Partnern durchgeführte Befragung in der Ukraine unter 800 Kindern und Jugendlichen, die die Hälfte des Tages auf der Straße verbrachten, zeigte, dass 56,7 Prozent der Mädchen sich gelegentlich prostituierten.

    Drogenmissbrauch: Der häufigste HIV-Übertragungsweg sind verseuchte Spritzbestecke. Gerade junge Drogenabhängige achten nicht auf diese Gefahr. Vielfach prostituieren sich die Buben und Mädchen. Viele Straßenkinder nehmen bereits im Alter von zwölf bis 16 Jahren harte Drogen.

    "Außenseiter" und "Ausgestoßene"

    Umfragen - so UNICEF in dem rund 70 Seiten starken Report - zeigen, dass HIV-Infizierte und ihre Angehörigen in Osteuropa und Zentralasien meist als "Außenseiter" oder "Ausgestoßene" und nicht mehr als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen werden. Die Folge: Viele HIV-Infizierte fürchten das Stigma mehr als den Ausbruch von Aids und verheimlichen ihre Infektion.

    Inkompetent sind auch Gesundheitseinrichtungen und Sozialbehörden: Der Gedanke, dass die Aids-Epidemie wirksamer bekämpft werden kann, indem man die Risikogruppen unterstützt, wächst nur langsam. Fehlende Vertraulichkeit führt dazu, dass Hilfebedürftige keine Unterstützung suchen. HIV-positiven Kindern wird regelmäßig der Zugang zu Kindergärten und Schulen verweigert.

    Zugang zu Gesundheitsdiensten

    "Kinder und Jugendliche, die am Rande der Gesellschaft leben, brauchen Zugang zu Gesundheitsdiensten und sozialen Einrichtungen, nicht eine herbe Dosis Missbilligung", sagte UNICEF-Direktor Anthony Lake bei der Aids-Konferenz in Wien.

    So erzählt zum Beispiel die Pflegemutter eines HIV-positiven Kindes, wie ihr Pflegesohn geächtet wird, seit sein HIV-Status bekannt wurde. "Seine Klassenkameraden sagen, dass er "ekelerregend" ist und weigern sich, mit ihm zu spielen."

    Eindämmung der Diskriminierung stoppt die Epidemie

    "Der Report ist ein Aufruf, die Rechte und Würde aller Menschen, die mit HIV oder mit dem Risiko einer Ansteckung leben, zu schützen, vor allem aber Rechte und Würde von Kindern und jungen Menschen", sagte Lake. "Nur durch die Eindämmung der Diskriminierung von Menschen mit HIV könne Osteuropa und Zentralasien beginnen, die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen."

    Als Konsequenz fordert UNICEF einen programmatischen Wechsel in der Gesundheits- und Sozialpolitik im Kampf gegen Aids in der Region. An die Stelle von Schuldzuweisung und Ausgrenzung müssten Hilfe und Verständnis treten.


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