Horror am Horn von Afrika
Tod, Trauer und Verzweiflung, dazwischen aber auch Hoffnung, Lebenswille und Helfer, die alles geben: Im größten Flüchtlingslager der Welt im kenianischen Dadaab spielt sich derzeit ein unbeschreibliches Drama ab.
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Abgemagert bis auf die Knochen, die Augen treten aus den Höhlen, keine Kraft mehr, um aufrecht zu sitzen, verängstigt und völlig verzweifelt: Die Bilder, die die Welt derzeit aus den drei Flüchtlingslagern im kenianischen Dadaab erreichen, sorgen für Entsetzen. 12 Millionen Menschen sind von einer der größten Hungerkatastrophen der Geschichte bedroht, die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten hält Somalia, Äthiopien und Teile Kenias fest im Griff. Am Horn von Afrika sterben täglich unzählige Menschen an den Folgen von Unterernährung und Dehydrierung – allen voran Kinder.
Seit nunmehr zwanzig Jahren gilt das Flüchtlingslager von Dadaab, bestehend aus den drei Camps Dagahaley, Hagadera und Ifo, als Ort der Hoffnung. Nicht einmal hundert Kilometer von der Grenze entfernt, finden Flüchtlinge aus dem vom Krieg und Dürre gebeutelten Somalia Zuflucht im Osten Kenias.
Über eintausend neue Flüchtlinge täglich
Doch die schwerste Dürre seit Jahrzehnten bringt das größte Flüchtlingslager der Welt und die darin arbeitenden Helfer an die Grenze des Möglichen. Derzeit kommen jeden Tag über eintausend neue Flüchtlinge an – bis auf die Knochen abgemagert, dehydriert, krank. Mütter, die ihre Babys zurücklassen mussten, weil sie sie nicht mehr tragen konnten. Kinder, die miterlebt haben, wie ihre Familien auf der Flucht verdurstet sind. Menschen, die dem Tod näher sind als dem Leben.
Ursprünglich für 90.000 Flüchtlinge konzipiert, suchen nun mehr als 380.000 Menschen Zuflucht in den drei Lagern von Dadaab. Ein Ende des Flüchtlingsstromes ist nicht abzusehen. Bis zum Ende des Jahres könnten laut einer Schätzung des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR 450.000 Hilfesuchende in den und um die Camps leben.
Zu wenig Platz in Camps und Klinik
Für viele der Flüchtlinge ist mittlerweile schlichtweg kein Platz mehr. Sie errichten außerhalb der Camps notdürftige Unterkünfte und hoffen auf Hilfe. Die extreme Hitze, Wassermangel, die Bedrohung durch wilde Tiere sowie Verzögerungen bei der Registrierung der Flüchtlinge und der Verteilung der Lebensmittelrationen verschärfen die prekäre Situation zusätzlich. Medizinisch versorgt werden können fast ausschließlich die dringendsten Fälle. So ist das Krankenhaus des Camps Dagahaley, das von der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" betrieben wird, die einzige Anlaufstation für über 113.000 Menschen. Allein in diesem Krankenhaus werden derzeit mehr als 1700 Kinder wegen schwerer Mangelernährung behandelt. Täglich kommen neue hinzu.
Die Geschäftsführerin von Care Österreich, Andrea Wagner-Hager, befindet sich in Dadaab, um sich ein Bild von der Lage zu machen: "Man kann sich gar nicht vorstellen, in welchem Zustand die Flüchtlinge hier ankommen. Viele von ihnen sind so geschwächt, dass sie nicht einmal ihre Lebensmittelpakete zu ihrem Platz tragen können." Wagner-Hager weiter: "Viele von den Flüchtlingen haben Unvorstellbares durchgemacht. Ich habe eine 40-jährige Frau getroffen, die alle ihre sieben Kinder durch diese Hungerkatastrophe verloren hat. Wir müssen dringend auch die psychosozialen Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigen." Trotz all dem Leid ist sie beeindruckt von der gegenseitigen Hilfsbereitschaft der Flüchtlinge vor Ort: "Jene Flüchtlinge, die schon seit 1992 in Dadaab leben, teilen das Wenige, das sie haben, mit den Neuankommenden."
Auch Uno-Flüchtlingskommissar António Guterres zeigte sich nach einem Besuch in Dadaab tief betroffen: "Ich habe schon viele Flüchtlingslager auf der Welt besucht. Aber noch nie sah ich Menschen in einer so verzweifelten Lage ankommen".
Bürgerkrieg verhindert Hilfe
Dadaab selbst ist umgeben von unfruchtbarer Wüste, lediglich ein paar Nomaden leben in der Region. Kein Platz zum Ansiedeln, lediglich die Notlösung für internationale Hilfsorganisationen, somalische Flüchtlinge zu unterstützen. In deren Heimatland ist das nicht möglich, tobt doch seit nunmehr zwanzig Jahren ein erbitterter Bürgerkrieg in Somalia. Besonders die Schergen der diversen radikal-islamistischen Gruppierungen, allen voran "Al-Shahaab", dulden keine Einmischung, auch wenn das eigene Volk leiden muss. Politischen Profit schlagen besagte Gruppierungen ohnehin aus dem Elend der Menschen. Wenn sie Hilfe zulassen, loben sie sich selbst dafür. Und wenn sie Hilfe verhindern, wird der Bevölkerung erzählt, dass einfach niemand helfen will.
Doch die Hoffnung lebt. Viele Industriestaaten haben Gelder zugesagt. Die verschiedenen Hilfsorganisationen haben Spendenaufrufe gestartet und ihre Aktivitäten vor Ort ausgeweitet. Mittlerweile lenkt auch die kenianische Regierung, die sich bislang strikt gegen einen Ausbau oder Neubau von Flüchtlingslagern ausgesprochen hat, ein und ist zu Gesprächen darüber bereit. Es könnte die letzte Hoffnung für die Menschen in Dadaab sein.














