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Zuletzt aktualisiert: 29.12.2007 um 19:04 Uhr

"Dann macht es eben bumm"

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Vesuv wieder ausbricht. Für den Tag X, um Menschenleben zu retten, gibt es längst einen Katastrophenplan.

Gebannt schauen die Menschen zum Vesuv

Foto © APAGebannt schauen die Menschen zum Vesuv

Erst vor kurzem haben sie wieder ein leichtes Beben gespürt: zum ersten Mal seit sieben Jahren. "Ein Vibrieren, wie bei einem schweren Lastwagen", sagt Anna Gozzolino, während sie im Topf die köchelnde Tomatensoße umrührt, deren Duft von der Küche bis in den Garten zieht. Hinter dem Garten kommt kein Haus mehr, nur noch Pinienwald, fünf Souvenirstände auf einem Parkplatz, dann schon der Krater des gefährlichsten Vulkans Europas, des Vesuvs.

Der Tag X. Wenn der ausbricht, ist das Haus der Familie Gozzolino das erste, welches er mit seiner Lava überrollt, denn es ist das nächste am Kraterrand. Dass sich die Lava einmal mit geschätzten 400 Stundenkilometern den Weg aus dem Vulkan durch den Garten und weiter hinunter zum Golf von Neapel suchen wird, ist gewiss, schließlich hat der Vesuv in seiner Geschichte schon manches Dorf verbrannt. Zuletzt im Jahr 1944. Heute liegt er meist ruhig zwischen ein paar Wolken, die Gefahr ist nicht konkret, doch Wissenschaftler und Zivilschutz bereiten sich schon jetzt für den Tag X vor, den Tag des Ausbruchs.

Als wäre der berg tot. Eine halbe Stunde Autofahrt den Vesuv hinab und über die verstopfte Stadtautobahn von Neapel, sitzt Dottore Marcello Martini an seinem Schreibtisch und bastelt an einer Powerpoint-Präsentation. Martini ist Leiter des Osservatorio Vesuviano, 24 Stunden täglich beobachten er und andere Geologen die Launen des Vulkans. Zwar kann er den 1281 Meter hohen Berg vom vierten Stock aus nicht sehen, doch weiß er mehr über sein Inneres als jeder andere Neapolitaner. Im Kontrollraum, einen Stock tiefer, stehen Dutzende Flachbildmonitore, überall Linien. Schwarze Linien auf weißem Grund, wie mit dem Lineal gezogen. So, als gäbe es keinen Herzschlag, als wäre der Vesuv tot.

Unheimliche Ruhe. Wer näher hingeht, sieht auf den vermeintlich geraden Linien Miniberge, einer hinter dem anderen. "Der Vesuv zittert unaufhörlich", sagt Dottore Martini. "Er ist nicht tot, er schläft nur." Sein derzeitiger Schlaf macht ihn so gefährlich. Während ein Vulkan wie der Ätna ständig Feuer spuckt, hält der Vesuv eine trügerische Ruhe aufrecht. Bis er explodiert. So lebt man hier mit der Gefahr im Rücken.

Ernsthaft Sorgen macht sich kaum jemand, auch nicht Nando Di Somma. Der 37-Jährige betreibt das "Cafe Vesuviano" an der Straße auf dem Weg zum Krater und verkauft nebenbei sagenhaft kitschige Souvenirs aus "original Lavastein". Aus dem Fenster seines Kiosks hat Nando einen spektakulären Blick auf beides, das Häusermeer von Neapel und auf den Berg, der die Stadt immer bedrohen wird. "Ich bin hier geboren. Der Vesuv ist unser geringstes Problem." Und wenn er doch ausbricht? "Irgendwann macht es eben bumm", erklärt er.

Der Tag rückt näher. Dottoressa Immacolata Postiglione kann über Leute wie Nando nur den Kopf schütteln. "Die Leute haben sich zu sehr daran gewöhnt, den Vesuv als Nachbarn zu haben, ihnen fehlt das Bewusstsein für die Gefahr", sagt sie. In ihrem garantiert vesuvsicheren Büro in Rom bei der Protezione Civile, dem nationalen Zivilschutz, erstellt sie eine neue Version des Katastrophenplanes, welcher der Theorie nach am Tag X bis zu 600.000 Menschen und auch Nando in Sicherheit bringen soll. Bei heftigen Erdbeben, wenn es Risse im Boden gibt und Gas entweicht, müssen alle 18 Dörfer, die am nächsten am Vesuv liegen, innerhalb von drei Tagen evakuiert werden. "Mit jedem Tag, an dem der Vesuv nicht ausbricht, rückt der Tag näher, an dem er ausbricht, und dann umso stärker", weiß sie.


Fakten

Die heutige Höhe des Vesuv beträgt 1281 Meter. Der Berg besteht aus den Resten eines früher wesentlich höheren, älteren Schichtvulkans, des Somma, dessen Spitze zu einer Caldera eingestürzt ist, und dem im Inneren des Einsturzbeckens neugebildeten Kegel des "eigentlichen" Vesuvs.

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