Zivilcourage am Prüfstand: Theorie und Praxis weit auseinander
Schreie aus einer fremden Wohnung lassen fast jeden Zweiten kalt. Nur jeder Vierte würde einem Fahrkartenkontrollor in Bedrängnis helfen.
Die Zivilcourage der Österreicher unterscheidet sich
in der Theorie stark von der gelebten Praxis. Das Linzer
Meinungsforschungsinstitut IMAS hat das soziale Verhalten kritisch
unter die Lupe genommen und die Ergebnisse am Freitag veröffentlicht.
Es zeigte sich: Schreckensschreie aus einer fremden Wohnung lassen
fast jeden Zweiten kalt. Einem Fahrkartenkontrollor, der von einem
Betrunkenen attackiert wird, würde nur jeder Vierte helfen.
1.099 Befragte. IMAS hat im Zeitraum von 23. Oktober bis 9. November 1.099
repräsentativ für die österreichische Bevölkerung über 16 Jahre
ausgewählte Personen befragt. Ihnen wurden verschiedene Situationen,
in die man im Alltag geraten kann, beschrieben. Dann mussten sie
sagen, was man tun sollte und wie sie persönlich handeln würden.
Hilfeleistung. 85 Prozent finden, man sollte einer Frau, die sexuell belästigt
wird, zu Hilfe kommen. 69 Prozent würden das auch tatsächlich tun. 63
Prozent würden sich die Nummer eines Fahrerflüchtigen notieren und an
die Polizei weiterleiten, fast ebenso viele der Befragten für einen
verletzten Obdachlosen Hilfe holen. Einen Bankräuber verfolgen würden
13 Prozent, bei einer Rauferei dazwischengehen zwölf Prozent.
Vorsichtige Österreicher. Wenn es gilt, einen ungerecht behandelten Kollegen vor dem Chef zu
verteidigen, sind die Österreicher schon vorsichtiger: Zwei Drittel
halten das zwar für richtig, den nötigen Mut würden aber nur 45
Prozent aufbringen. Nur jeder Dritte würde bei einer Versammlung auch
dann seine Meinung vertreten, wenn die Mehrheit anders denkt. Auch
mit einem offenen Bekenntnis zur politischen Einstellung sind die
Österreicher zurückhaltend: Weniger als die Hälfte findet, man müsse
sich zu einer Partei, der man nahesteht, auch bekennen. Gar nur 31
Prozent würden sich selbst politisch outen.
Nur nicht einmischen. 39 Prozent würden einen Ausländer darauf aufmerksam machen, er solle sich
an "unsere Spielregeln" anpassen. Bei Verstößen gegen Vorschriften,
mischen sich aber viele lieber gar nicht erst ein: Auch wenn 38
Prozent finden, man sollte jemanden, der sich trotz Rauchverbots eine
Zigarette anzündet, zurechtweisen - nur die Hälfte von ihnen würde es
auch wirklich tun. Ein Handy-telefonierender Autofahrer ist gar nur
14 Prozent eine Ermahnung wert.
Gleich mutig. Generell sinkt die Zivilcourage mit dem Alter und steigt mit dem
Bildungsgrad. Männer und Frauen sind etwa gleich mutig. Es zeigten
sich aber große Unterschiede zwischen den politischen Lagern:
Anhänger der Grünen, der FPÖ und des BZÖ schreiten viel eher zur Tat
als jene der Großparteien. Am schlechtesten schnitten jene ab, die
keiner Partei nahestehen oder sich nicht deklarieren wollten: Sie
zeichnen sich eher durch Apathie als durch gesellschaftskritisches
Engagement aus, so das Fazit der Meinungsforscher.










