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Zuletzt aktualisiert: 23.10.2012 um 22:27 UhrKommentare

Erschütterung wegen Haft für Beben-Experten

Normalerweise klingt Enzo Boschis Stimme laut und fest. Die Italiener kennen den Wissenschaftler aus Fernseh-Talkshows. Immer, wenn ein Erdbeben die Apenninen-Halbinsel heimsuchte, gab der 60 Jahre alte Gründer des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) Auskunft. Jetzt ist seine Stimme brüchig und nicht mehr wiederzuerkennen. "Ich bin niedergeschlagen und verzweifelt", sagt er.

Ein Richter in L'Aquila hat Boschi und die sechs anderen Mitglieder einer Risikokommission des Zivilschutzes am Montag zu sechs Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. 309 Menschen kamen bei einem Erdbeben am 6. April 2009 in L'Aquila und der Bergregion Abruzzen ums Leben. Die renommiertesten Seismologen Italiens sollten bewerten, ob ein Erdstoß damals zu erwarten war oder nicht. Laut Gericht gaben die Experten "unvollständige, unpräzise und widersprüchliche Informationen". Jetzt sind die Wissenschaftler in erster Instanz verurteilte Straftäter. Dass ihre Verteidiger in Berufung gehen, gilt als sicher.

Zwei Fragen wirft das Urteil auf: Welche Folgen hat der Spruch für die Erdbebenprävention? Und ist ein einzelner Amtsrichter imstand, einen hoch komplizierten Sachverhalt richtig zu bewerten? In Italien hat das Urteil für Unverständnis gesorgt. Die Wissenschaft reagierte schockiert. Erdbebenforscher fürchten einen Präzedenzfall. Geophysiker fragen sich, ob nun die Bevölkerung bei jedem kleinen Erdstoß evakuiert werden solle. Der Physiker Luciano Maiani, der heute der Risikokommission vorsitzt, sagt das Ende der Erdbebenprävention voraus: "Dieses Urteil ist der Tod für einen Dienst am Staat durch hervorragende Professoren."

Doch die Hintergründe des Falls machen nachdenklich. Das Urteil hat eine Besprechung der Kommission zum Gegenstand, die sechs Tage vor dem Erdstoß stattfand. Seit Jahresbeginn waren etwa 400 leichtere Erdstöße in der Umgebung gemessen worden, der umstrittene Forscher Giampaolo Giuliani sagte mit wissenschaftlich fragwürdigen Methoden einen schweren Erdstoß voraus. Weil die Bevölkerung verunsichert war, berief der Chef des Zivilschutzes, Guido Bertolaso, das Treffen ein mit dem offenbar vorgefassten Ziel, die Menschen zu beruhigen. Das ergibt sich aus abgehörten Telefongesprächen.

Eine fundierte Bewertung fand in der 45 Minuten langen Besprechung nicht statt. Stattdessen klingen viele Statements verharmlosend. Bernardo De Bernardinis vom Zivilschutz sagte vor laufenden Kameras, es gebe keine Gefahr. "Ein schwerer Erdstoß wie der von 1703 ist unwahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschließen", wird Enzo Boschi in einem Protokoll zitiert. Im Schlussdokument ist von einem "normalen Phänomen" die Rede. Es kam anders.

Dennoch ist in den Akten immer wieder auch der Satz zu lesen, der als wissenschaftlicher Standard gilt: "Erdbeben kann man nicht vorhersagen."

NORBERT SWOBODA

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NORBERT SWOBODAHaftung ist ... von NORBERT SWOBODA

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