Haftung ist nötig, aber Haft schießt übers Ziel
Italienisches Urteil erschüttert die Expertenzunft.
Es ist ein Schock, der weit über die italienische Wissenschaftslandschaft hinaus wirkt: Dass Wissenschaftler möglicherweise jahrelang in Haft müssen, weil sie ein Erdbeben nicht korrekt vorhergesagt haben. Das Urteil wirkt so schockierend, weil nach wie vor Erdbeben nicht vorhersehbar sind. Wie können Forscher plötzlich hinter Gitter müssen?
Vieles ist unklar am Verfahren und am Urteil in Italien. Dennoch wäre es zu einfach, es als skurrile Posse eines italienischen Provinzgerichtes zu verstehen. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem solchen Urteil irgendwo auf der Welt kommt.
Fast alle unsere Entscheidungen in Politik oder Wirtschaft werden heute von Experten begleitet. Täglich werden Hunderte, wenn nicht Tausende Gutachten erstellt. In unserer komplexen Welt versprechen akademische Sachverständige eine Sicherheit, die andere Institutionen längst nicht mehr bieten. Sei es die Sicherheit von Atomkraftwerken, die Entwicklung des Pensionssystems: Immer sind wir von Experten umzingelt.
Aber: Es gibt unterschiedliche Gewissheiten. Eine Brücke mit bestimmter Spannweite und bestimmter Belastung lässt sich bestens dimensionieren. Know-how, über Jahrhunderte gesammelt, gepaart mit physikalischen Gesetzen und ausgeklügelten Computersimulationen verhilft dazu.
Ob es morgen ein Erdbeben einer Stärke gibt, vor dem man Tausende Menschen evakuieren muss, ist ein ganz anderer Fall. Selbst die raffiniertesten Hilfsmittel und besten Köpfe können nicht sagen, wann sich die Erde weiterbewegt. Aufgrund der vielen Variablen und dem Faktor "Zufall" ist eine gesicherte Prognose unmöglich.
Auf der Expertenseite gibt es auch diese und jene. Da finden sich Meinungs- und Wirtschaftsforscher, die eher wissenschaftlich verbrämte Kaffeesudleserei betreiben. Manche Aussage ist so mit Wenn und Aber bestückt, dass sie unbrauchbar ist. Das ist dann keine Expertise, sondern höchstens Meinung und als solche zu werten und ernst zu nehmen.
Selbst ernsthafte Gutachter und Experten können - und werden - irren. Das liegt in der Natur einer Prognose, und dafür darf es keine Haft geben. Kein Fachmann würde sich mehr finden, Dinge zu beurteilen und die Politik zu beraten.
Aber es darf auch keinen Freibrief geben für unzulängliche Vorbereitung, für schlampige Recherche, für unklare Folgerungen und für Feigheit vor dem Auftraggeber. Mit Kompetenz geht Verantwortung einher. Und dafür haftet der Sachverständige dann eben auch.
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